1855_Kurz_155_125.txt

Gestalt, und jetzt hat sie schon ein fünfjähriges Kind."

"Es ist auch in die sechs Jahr, dass sie den Schulmeister hier geheiratet hat. O Frieder, das Weib hat den Himmel an mir verdient. Aber jetzt lass mich, nur 'n Augenblick lass mich, ich komm wieder! Sieh, wenn den Kindern etwas zustiess, die sie mir anvertraut hat, es wär mein Tod."

"Gleich lass ich dich gehen", sagte er und fasste sie an der Hand. "Wenn du aber wiederkommst, bleibst dann bei mir und ziehst mit mir fort? Ich leid's nicht, dass mein Weib im Dienst ist. Sieh, bloss um deinetwillen bin ich von Frankfurt hergewandert, um dir zu halten, was ich dir versprochen hab. Meines Bleibens ist im Ländle nicht, kannst dir wohl denken, warum, aber draussen können wir das und jenes probieren, werden uns schon durchschlagen, und das ehrlich, hoff ich. Auch ist jetzt leichter in der Welt fortkommen: es ist Krieg, und der bringt manchen Verdienst unter die leute. Der König von Preussen ist in Sachsen eingefallen, es geht alles drunter und drüber."

"Ja, man spricht hier auch davon", versetzte sie. "Ach Gott, was ist das für eine Welt!"

"Gehst mit mir? und das gleich?" fragte er dringender.

"Soweit ich sehe!" rief sie, ihm noch einmal um den Hals fallend. "Aber von meiner Schulmeisterin muss ich Abschied nehmen, sie meint's so gut mit mir."

Sie griff nach ihrer Gelte. Er wollte dieselbe tragen, aber sie gab es nicht zu. "Geh zwischen den Häusern da den Fussweg naus, dass dich niemand bemerkt. Bei den drei grossen Bäumen stoss ich wieder zu dir. Die Katrine will ich von dir grüssen, sie spricht oft von dir, aber was hätt sie davon, wenn du in ihrem Haus gefangen würdest?"

Sie eilte mit dem wasser fort. Er trank in gierigen Zügen am Brunnen, ging dann den Fussweg hin und wartete an dem bezeichneten Orte. Nach einer Viertelstunde kamen hastige Schritte. Sie war's; an ihrer Hand schwankte ein kleines Bündelein, das er ihr sogleich abnahm. "Ich hab nich! Abschied nehmen können", sagte sie; "sie sind noch im Pfarrhaus, es ist Besuch ankommen, und da wird der Schulmeister immer eingeladen, denn er gilt beim Pfarrer viel. Weil du nun so pressierst, so hab ich die Kinder einer Nachbarin übergeben und hab meiner Frau sagen lassen, meine Mutter sei plötzlich krank worden, der Bot hab mich am Brunnen troffen, und ich hab ohne Verzug mit ihm fort müssen. Sie wird wohl von selber draufkommen, wie sich's in Wahrheit verhält, und damit sie's um so eher erraten kann, so hab ich mit dem Griffel auf die Schieferplatt im Tisch geschrieben: 'Will und Lieb, die stiehlt kein Dieb'."

"Das ist die rechte Parole", sagte er. "Das hat mich auch wieder ins Land geführt."

"Jetzt aber erzähl einmal", sagte sie. "Wenn wir immer so durcheinander schwätzen, so erfährt kein's vom andern was recht's."

"Zuerst müssen wir den Marsch antreten, Frau Landfahrerin", entgegnete er. "Geh du voran und führ mich den Weg auf die Strasse hinaus. Dort können wir nebeneinander gehen und erzählen nach Herzenslust. Hier, so nah am Dorf, ist's doch nicht recht geheuer."

"Ja, wo naus willst du, Herr Landfahrer?" fragte sie.

"Das versteht sich doch: nach Ebersbach und die Kinder holen, denn ohne die ziehen wir nicht in die Welt hinaus."

"Jetzt freut mich mein Leben erst!" rief sie entzückt und schritt rüstig in der Dunkelheit voran. Er folgte. "Mir ist's, als wärst du kräftiger worden", sagte er hinter ihr her, "du trittst ja auf wie eine Burgemeisterin, auch kommst du mir viel runder vor wie ehedem."

"Ich hab auch ein besseres Leben gehabt in der letzten Zeit", antwortete sie, immer vorwärts eilend, "kann sein, dass ich mich wieder ein wenig rausgemacht hab. Aber wenn du mich morgen bei Tag siehst, da wirst finden, dass ich nicht mehr das glatt Gesicht von ehedessen hab. Ach Frieder, Sorgen und Not machen den Menschen alt vor der Zeit. Ich fürcht, ich werde dir nicht mehr so gut gefallen."

"Schwätz mir nicht so verkehrt raus!" erwiderte er. "Dass du nicht siebzehn Jahr alt bleiben kannst, das hab ich gewusst, wie ich dich liebgewonnen hab, und hab mir's auch sagen können, wie ich, gleichfalls aus dem besten Leben raus, fort bin, um dir das Wort zu halten, das ich dir zugeschworen hab. Hast übrigens gar nicht so alt ausgesehen vorhin am Brunnen, wie ich zu dir kommen bin. Ich hab dich just fragen wollen: Jungferle, wo ist das Schulhaus? da sehe ich auf einmal, dass du's selber bist."

Sie hatten unter diesen Gesprächen ein Gewirr sich kreuzender Feldwege, welchen sie oft eine Strecke folgen mussten, längs des Dorfes hin durchschritten. Hie und da bellte ein Hund, aber