1855_Kurz_155_120.txt

, halb ländlich gekleideter Mann stand davor, der, da er sich auf einmal dem Amtmann gegenüber sah, ein paar tiefe Kratzfüsse machte. "Mit Ihrem Wohlnehmen, Herr Amtmann!" wollte er beginnen. Zugleich rief der Gefangene, der sich neugierig umgesehen hatte: "Das ist ja der Vetter aus Hattenhofen! Grüss Gott, Vetter!"

"Still!" gebot der Amtmann. "Hab jetzt keine Zeit!" rief er dem Ankömmling zu. "Sieht Er denn nicht, dass hier etwas Dringendes verhandelt wird? Und wie kann Er sich unterstehen, am Sonntag zu kommen?"

"Exküse, Herr Amtmann", sagte jener, schon halb auf dem Rückzuge begriffen, "'s ist ja eben wegen der sache."

"Halt!" rief der Amtmann. "Herein da! Hat Er etwas wider den Angeklagten vorzubringen?"

"Ach nein, Herr Amtmann, wenn Sie's erlauben", antwortete der Mann etwas weinerlich, "ich verklag ihn nicht, gewiss nicht, und was er von mir hat, das hat er aus gutem freien Willen, und ich will aber auch hoffen, dass ich wieder zu meinem sache komm."

"Also eine Schuldklage!" rief der Amtmann enttäuscht. "Dazu ist jetzt keine Zeit, das ist nachher vorzubringen. Fort!"

"Der ist pfiffig!" sagte der Gefangene lachend, "der weiss den Pelz zu waschen, ohne ihn nass zu machen. Ich möchte aber nicht haben, dass er in der Sorg wär, er könnt durch mich um etwas kommen, und weil wir ohnehin just an der Abrechnung von meinem Mütterlichen sind, so ist mir's lieber, wenn das auch gleich dazugeschrieben wird."

"Ich hab's ihm aus gutem freien Willen gelassen, Herr Amtmann", wiederholte der Vetter, erfreut über die Willfährigkeit des Gefangenen, indem er sich zugleich, dem Befehl des Beamten gehorchend, aber so langsam, dass er jeden Augenblick zurückgerufen werden konnte, nach der tür zurückzog.

"Gelassen? aus gutem Willen gelassen?" sagte der Amtmann stutzend. "Was ist denn das?"

Der Mann zuckte die Achseln verlegen lächelnd und blieb an der tür stehen.

Der Amtmann sah den Gefangenen scharf an. "Ich hab's ihm von meinem Mütterlichen zurück versprochen", sagte dieser.

"Halt!" rief der Amtmann. "Er bleibt da! Bring Er Seine Sache vor! Ich muss wissen, wie es sich damit verhält."

"Ich will's selber sagen", nahm der Gefangene das Wort. "Ich hab ja gleich mit rausrücken wollen, sobald ich meinen Vetter gesehen hab. Also, wie sich's um das Strafgeld für meine Christine gehandelt hat, und der Herr Amtmann hat mir die Höll heiss gemacht und all die Unehr und Schmach fürgestellt, die über sie hätt ergehen sollen, da hab ich nicht gewusst, wo hinaus und wo hinein, und weil der Herr Amtmann mit dem Geld sehr pressiert hat, so bin ich noch in der nämlichen Nacht gegen Hattenhofen gesprungen und hab bei meinem Vetter da einen Besuch gemacht."

"Und ist der Vetter bei dem Besuch auch selbst zugegen gewesen?" fragte der Amtmann, immer aufmerksamer werdend, den Vetter von Hattenhofen.

"Neinle, neinle, Herr Amtmann, ich bin nicht dabeigewesen", antwortete dieser mit seinem verlegenen Lächeln.

"Das ist aber ein Galgenvogel!" schrie der Richter auf. "Also noch so ein Stück! Wenn man dem die Schublad aufmacht, so springen lauter Einbrüch 'raus!"

"Still!" befahl der Amtmann. "Kann Er behaupten, dass Sein Vetter Ihn eingeladen oder aufgenommen habe, und was hat Er bei Nacht in dem fremden Haus getan?"

"Es ist mir kein fremdes Haus gewesen, Herr Amtmann", sagte der Gefangene, "und wenn mich auch mein Vetter selbigsmal nicht hat einladen können, weil er just zu der Zeit geschlafen hat, so hab ich doch von früher gewusst, dass er sein Haus nicht vor mir verschliesst."

"Ja freile, freile!" sagte der Mann von Hattenhofen eifrig bekräftigend. "Mir ist ja die 'Sonne' auch nicht verschlossen, und ein Ehr ist der andern wert."

"Und was hat Er in dem Haus getan?" wiederholte der Amtmann.

"Die Straf für meine Christine geholt, wie ich ja schon von Anfang an hab sagen wollen!" antwortete der Gefangene etwas gereizt.

"Also hat er Ihm Geld genommen?" fragte der Amtmann den Mann vom land.

"Beileib net, Herr Amtmann, b'hüt uns Gott!" sagte dieser, "bloss e bissele Zwetschgen und e bissele Trilch und e bissele Garn und e bissele Flachs, und aber über alles das hat er mir eine Quittung geben."

"Hat Er die Quittung da?"

"Ha freile, Herr Amtmann", rief der Nichtkläger, dem die Freude, sein Anliegen so geschickt anbringen zu können, aus den Augen blinzelte, und reichte die Quittung mit weit vorgebeugtem Leib und ausgestrecktem Arm dem Amtmann hin.

"Hat Er die Quittung in jener Nacht zurückgelassen?" fragte der Amtmann den Gefangenen.

"Nein, Herr Amtmann, damals hat mir's zu arg pressiert. Ich hab dann gleich den Tag darauf das sache verhandelt und das Geld meiner Christine gebracht,