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Burgerschaft klagt, so kann ich doch die Sache nicht vor Ohren gehen lassen."

Friedrich lächelte bitter. "Es mögen wohl viele hier sein", sagte er, "die mich gern am Galgen sehen möchten, aber alle nicht. Wenn's aber doch mit mir aus soll sein, und ich soll kein ehrlicher Mann werden könnenvor dem Flecken draussen steht ja das Hochgericht, also machen Sie vorwärts, Herr Amtmann! Je kürzer der Prozess, desto besser für mich."

Der Amtmann lachte. "So kurzen Prozess kann ich nicht machen", sagte er. "Stock und Galgen haben wir wohl noch, aber der Stab ist etwas abgekürzt. Der Oberstab ist in Göppingen, wo Er Sein Urteil empfangen wird. Deshalb will ich Ihn in Güte darauf hingewiesen haben, dass Er sich nicht das Protokoll durch weitere Hartnäckigkeit selbst verdirbt. Denn das Sprichwort sagt bekanntlich: wie man berichtet, so richtet man. übrigens sehe ich nicht ein, wie Er behaupten kann, man wolle Ihn nicht ehrlich werden lassen. Wer verwehrt Ihm denn das? Im Gegenteil, es handelt sich ja darum, Ihn auf den rechten Weg zurückzubringen."

"Ich hab meinem Schatz versprochen, dass ich sie und ihr Kind zu Ehren bringen will", murrte Friedrich mit einigem Unmut, dass er nicht verstanden worden war. "Solang ich mein Wort nicht halt, bin ich auch kein ehrlicher Mann, und man leid't's ja nicht, dass ich's halten soll."

"Ja so, d a s ist's", versetzte der Amtmann. "Das scheint die Ursache gewesen zu sein, nicht wahr, dass Er die verschiedenen Redensarten ausgestossen hat, die ich Ihm jetzt vorhalten muss?"

Mit dem befriedigenden Bewusstsein, durch seine Bonhommie dem trotzigen Delinquenten das Band der Zunge gelöst zu haben, zählte ihm der Amtmann die Sünden dieser Zunge auf, welche seine Ankläger zu Protokoll gegeben hatten. Friedrich gab einige als möglich, andere als wirklich zu, wieder andere zog er in Abrede. "Das sind mir Klagen!" sagte er. "Dergleichen Redensarten kann man von jedem Kind in Ebersbach hören. Aber man sollt meinen, der ganz Flecken rede französisch, und ich allein schwätz deutsch."

Der Amtmann protokollierte, während seine Beisitzer gähnten und der Gefangene gelangweilt das Bild der Justitia betrachtete. Nachdem der Amtmann kunstgerecht das Gebäude der Aussagen zusammengetragen hatte, aus welchen die Bosheit der Gesinnung hervorleuchtete, nahm er eine neue Prise und ging sodann zu dem Messerstich über, in welchem der tätliche Ausbruch dieser Gesinnung erblickt werden konnte.

"Es tut mir leid", sagte Friedrich, "dass der Peter so verbost auf mich ist. Ich hab ihn um Verzeihung gebeten, wiewohl vergeblich, und würde's gern noch einmal tun, wenn ein guts Wort eine gute Statt bei ihm fänd. Ich sehe wohl ein, dass es nicht recht gewesen ist, aber ich hab's, weiss Gott, nicht so bös gemeint, ich hab's eben in der Hitz aus Unvorsichtigkeit und Übereilung getan, und wie ich gehört hab, dass ihm's nichts geschadt hat, so ist mir's gewesen, als wär ich aus Ketten und Banden erlöst. Er sollt aber jetzt auch keinen solchen Kessel überhängen. Was! das bissle Aderlass ist ihm gesund gewesen, er ist ja ein Kerl wie ein Ochs."

"Nun ja, Er darf freilich Gott danken, dass die Sache so gut abgelaufen ist", sagte der Amtmann etwas zutraulich, "mit Blutvergiessen ist nicht zu spassen, da geht's gleich um den Kopf. Aber", fügte er hinzu, "wenn Er in der Rage zugestossen hat, so hat Er doch nicht so gewiss wissen können, ob der Stoss nicht tiefer oder bis ans Leben gehen werde."

"Ich bin freilich in der Rage gewesen", antwortete Friedrich, "aber ich hab ihm doch nicht viel tun können, denn er hat mich ja am Arm gepackt gehabt, und also hab ich eigentlich gar nirgends anders hinstossen können als nach seinem Arm."

"Glaubt Er", forschte der Amtmann, "Er habe das so sicher berechnen können? Es ist doch nicht wohl anzunehmen, dass man im Zorn zugleich kalt und besonnen zielt. Man stosst eben zu, und dann kann der Stoss ebensowohl am Arm vorbei und in den Körper gehen."

"Ja, gezielt hab ich freilich nicht", erwiderte Friedrich, "und hab mir auch nicht fürgenommen, wie tief es gehen soll. Ich hab ja schier nicht gewusst, dass ich nur gestochen hab. Wenn ich kein Messer in der Hand gehabt hätt, so hätt ich ihm eben die Faust zu Gemüt geführt."

"Da hätte Er ja aber auch das Messer vorher weglegen können", sagte der Amtmann.

"Ja was! wenn man im Zorn ist, so denkt man an nichts und stosst eben zu. Wenn man je was denkt, so denkt man höchstens im Unsinn: Kerl, hin musst sein!"

"Hin?" fragte der Amtmann, die Gerichtsbeisitzer anblickend und rasch der neuen Fährte folgend.

"Das ist einem aber nicht Ernst", verbesserte der Gefangene, dem es nachgerade schien, er sei im Begriffe, zu viel zu sagen. "Man ist nachher heilig froh, wenn's nichts getan hat."