wussten oder was ihnen an ihm zuwider war. Jedes ungeschickte Wort, das er im Zorne ausgestossen, wurde zum Ankläger gegen ihn, und die gefährliche Gesinnung, die in diesen unbedachten Worten zu liegen schien, erhielt ihre ergänzende Bestätigung durch die Gewalttat, welcher er sich heute schuldig gemacht hatte. Der gestochene Knecht, obgleich seine Wunde sich als unbedeutend erwies, schnaubte unversöhnliche Rache und war über die Absicht, die er der Tat unterlegte, noch weit mehr aufgebracht als über diese selbst. Schon auf der Strasse hatte sein Geschrei zu vernehmen gegeben, dass gegen den Gefangenen noch eine weitere Untat vorliege, und auf Befragen des Amtmanns erzählte er nun, die eigenen Eltern desselben haben ihn mehr oder weniger unverblümt eines Diebstahls bezichtigt. Hierauf verhörte der Amtmann den Sonnenwirt. Dieser entschuldigte sich, dass er die Tatsache teils um der Schande seines Hauses willen, teils wegen der Geringfügigkeit des Betrages habe vertuschen wollen, gab aber, durch das heutige Betragen seines Sohnes und durch das Zureden seiner Frau vollends aufgestachelt, zu verstehen, dass nach den neueren Aussagen des Knechtes der Diebstahl wohl beträchtlicher gewesen sein möge. Der Amtmann liess sogleich den Knecht aus der 'Sonne' rufen, welcher, dem Strome des allgemeinen Unwillens folgend, angab, der Besuch auf dem Kornspeicher sei in jener Nacht mehrmals wiederholt worden und ein grösserer Abmangel zu verspüren, sodann auch noch, nach der Aufführung des Angeklagten überhaupt gefragt, zur Vermehrung seiner Schuldhaftigkeit erzählte, er sei einmal in die Worte ausgebrochen, wenn man ihm kein Geld gebe, so wolle er solches nehmen und seine Stiefmutter während der Kirche an das Ofengeräms hinhenken. Auf diese Anzeige schickte der Amtmann Gerichtsmitglieder ab, um in der Sonne und zugleich bei dem Hirschbauer Haussuchung zu halten. Friedrichs Vormund, der die erstere vorzunehmen hatte, kam bald wieder; er brachte ein Brieflein und ein bemaltes Blatt, von der Art der Heiligenbilder, ein mit einem Schwert durchstochenes Herz darstellend. "Ausser dem Helgle", sagte er, "ist nichts aufzutreiben gewesen, was eine Auskunft gab, als vielleicht der Brief da. Dem Inhalt nach ist er von einem Weibsbild, schätz wohl, von der Jungfer Ohnekranz. Ist mir eine neue Mode, dass ein Mädle einem Mannskerl etwas Schriftlich's schreibt; das tut auch kein recht's Mensch; aber die Welt wird alle Tag ärger und die Jugend immer verdorbener." – Nun kam auch der "Augenschein" vom Hirschbauer zurück, in dessen haus man jedoch gar nichts gefunden hatte als Not und Jammer ohne Ende. Der Lärm des öffentlichen Schauspiels mochte den flinken Jerg beizeiten auf etwaige Gefahren aufmerksam gemacht haben. "Das ist ein Heulen und Schreien, dass einem hören und Sehen vergeht!" sagte der Heiligenpfleger, der zu dieser Verrichtung beordert worden war, "wenn so ein leichtfertiger Bub nur auch bedenken tät, was er für Unglück stiften kann, so ging er vielleicht vorher in sich und auf bessere Weg. Da ist ein Büschel Brief von ihm, die Alt hat's gleich rausgeben; die Jung liegt aufm Bett und ist ganz weg; und der Vater wird's auch nimmer lang treiben."
Der Amtmann nahm die Briefe und legte sie zu den Akten, um hiermit sein heutiges Tagwerk zu beendigen, welches mit einem Verhör der Sonnenwirtin schloss oder vielmehr zu einer vertraulichen Unterredung mit derselben in Gegenwart der Amtmännin überging. Die Sonnenwirtin hatte es jetzt ganz in der Hand, die Wetterwolke, die ihr Stiefsohn über sein Haupt heraufbeschworen, in der gewünschten Richtung zu entladen, und sie benutzte die gelegenheit so eifrig, dass sie darauf bestehen wollte, auch gewisse verfängliche Reden, die ihr Sohn gegen den jungen Herzog geführt haben sollte, ins Protokoll zu bringen.
Hier machte jedoch der Amtmann ein sehr ernstaftes Gesicht. "Na, na, Frau Sonnenwirtin", sagte er, "man muss doch nicht ganz alle Bonhommie hinter sich werfen. Zum cumulus brauchen wir das nicht, es ist cumulus genug da, ein Berg, an dem er mindestens ein paar Jahre abzutragen haben wird. Die Sache hat aber noch eine andere Seite. Wenn ich in meinem Bericht an die herrschaft, denn vom Oberamt geht er nach Stuttgart ab, dieses delikate Sujet berühre und wenn der Herr selbst etwas davon erfährt, so macht er sich Gedanken. Bei einem jungen Menschen gilt der Grundsatz: leben und leben lassen! Wenn daher ein junger Mensch auf anzügliche Weise moralisiert, so sagt man sich gleich: das hat er nicht aus sich, das hat er von andern aufgegabelt. Da entsteht nun die Frage: woher hat er's? von Vater oder Mutter? oder sollte gar der Amtmann oder der Pfarrer, ich will nicht sagen in eigener person, unvorsichtige oder missverständliche Ausdrücke gebraucht, aber vielleicht bei den Untergebenen gewissem, einfältigem Geschwätz nachgesehen haben? Wenn man sich aber einmal Gedanken macht, so kommt man an allem Möglichen und Unmöglichen herum, und da kann niemand wissen, was zuletzt noch für Kalamitäten daraus entstehen mögen. Wollen's steckenlassen, Frau Sonnenwirtin, wollen's steckenlassen. Beruht!"
"Und da wir just unter uns Pfarrerstöchtern sind, wie man zu sagen pflegt", setzte die Amtmännin hinzu, "so will ich erst noch den Herzog in Schutz nehmen. Wenn eine Frau meint, sie habe sich über ihren Mann zu beklagen, so fragt sich's oft, ob nicht s i e den ersten Anlass gegeben hat. Die