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dass in dem verlassenen haus sich etwas Lebendiges regte und die Treppe herunterkam. Der Amtmann flüchtete sich in den dichtesten Schwärm heraus. "Der Bursche hat heute vormittag schon gezeigt, was er für ein gefährlicher Kerl sein kann!" sagte er und versammelte alsbald eine Schar handfester Männer um sich, worunter der obere Müller nicht fehlte, der durch das Geschrei, dass des Sonnenwirts Frieder seinen Knecht gestochen habe, herbeigezogen worden war. Jetzt erschien der Held des Tages, von niemand um seinen Lorbeer beneidet, in der Haustüre. Ruhig, als ob er nicht begreifen könne, warum die Leute so zusammengelaufen, kam er heraus und suchte mit den Augen seinen Schwager, auf den er sodann zuging. Man liess ihn vorbei. "Da bin ich", sagte er zu dem Chirurgen, "ein Mann, ein Wort." – "I c h halte, was ich versprochen habe", entgegnete der Chirurg mit schlauem Lächeln. – "Du bist kein Mann, du bist ein Bub!" schrie ihn der dabeistehende Richter an, "dir braucht man nicht Wort zu halten!" – "Greift ihn!" befahl der Amtmann, und ehe der zuversichtliche Bursche sich's versah, befand er sich unter der Gewalt von mehr als zehn Fäusten. Er wehrte sich wie ein Eber, schimpfte, tobte, schlug um sich, aber zuletzt erlag er der Übermacht und wurde zu Boden geschlagen. In diesem Kampfe, der lange dauerte und an welchem seine Widersacher sich wetteifernd beteiligten, erhielt er jeden bösen Gruss, den er in Worten oder Werken unter seinen Mitbürgern ausgeteilt hatte, mit Wucherzinsen heimbezahlt. Zuletzt banden sie ihn mit Stricken, so dass er ganz zusammengerollt am Boden lag und ihnen zu den vielen Tierbildern, die sie heute schon an ihm erschöpft hatten, auch noch die Vergleichung mit dem verachteten Igel auf die Zunge legte. – "E t w a s hat ihm gehört", sagte der gleichfalls anwesende Heiligenpfleger, der sich als Zahlmeister auf volle Summen verstand, "jetzt wär's aber genug." – "Kuh! Narr! Jetzt geht's erst recht an", erwiderte der Richter lachend seinem Kollegen, den er, im Range etwas höher stehend, dieser vertraulichen Anrede würdigte. – "Fort mit ihm aufs Rataus!" rief der Amtmann. – Der Gebundene wurde aufgehoben und fortgetragen. Ein teil der Menge folgte. Andere blieben zurück und redeten noch lange miteinander über die Begebenheit, welche die alltägliche Ruhe des Fleckens völlig unterbrochen hatte.

"Das ist aber ein Mensch, Kreuzwirt!" sagte eine der auswärtigen Frauen von der Brautgesellschaft, die sich jetzt dem Schauplatze näher wagte, zu einem dort stehenden leibarmen mann mit kleiner spitzer Nase, den wir aus der Unterredung der beiden Müller bei ihrem Friedenstrunke als den geschlagenen Ursächer von Friedrichs zweiter Zuchtausstrafe kennen. "Das ist ein Mensch, sag ich! Hat d e r seinem Vater eine Predigt gehalten und hat ihm die Bibel ausgelegt, wie wenn er der Pfarrer wärl Es ist mir ganz kalt aufgangen, und ich hab mich ganz drüber vernommen. Und kaum ist die Predigt ausgewesen, so hat man gesehen, wer i h n regiert: der Teufel, der Mörder von Anbeginn!"

"Ja, ja, Adlerwirtin", antwortete der Angeredete mit näselnder stimme, "das hat man damals auch gesehen, wie er mich auf seines Vaters Anstiften, recht wie ein Erzspitzbub und Mörder, auf dem freien Feld ohne eine einzige ursache angefallen hat und so behandelt, dass ich ausserstand bin, lebenslang einen Batzen zu verdienen, ohne meine tägliche viele Schmerzen, wodurch ich und mein Weib und Kind in die äusserste Armut versetzt und samtlich verderbt worden sind."

"Nu, nu, Kreuzwirt", sagte die Adlerwirtin aus der Nachbarschaft, "so gar arg ist's doch grad nicht, wenn man die leute hört. Weiss wohl, die zeiten sind hart; man kann sich auch ein bissle verspekulieren, wenn man den Nagel gar zu b'häb auf den Kopf treffen will. Und mit der Brestaftigkeit ist's auch nicht so schlimm: Ihr seid von jeher ein dünns Pappelbäumle gewesen, und 's kann ja auch nicht jeder ein Eichenbaum sein."

"Ja, aber mein Arm!" klagte der Kreuzwirt. "Der Mordbub hat mir ihn halb auseinandergeschlagen. Da sehet selber, Adlerwirtin, wie er mir geschweint (geschwunden) ist."

Die Frau streifte ihm ohne Umstände den schlotternden Rockärmel auf und besah sich den Arm mit prüfendem Blicke. "Das ist nicht die Schweine", sagte sie, "seid nur ganz ruhig, das hat nicht viel zu bedeuten. Der Arm ist eben ein wenig dürrer als der ander. Das kommt oft vor, auch ohne Schlag. Waschet ihn fleissig mit ein wenig Wein oder auch mit Kirschengeist, dass er wieder zu Kräften kommt. Hundsschmalz drauf gebunden soll auch gut sein; ich hab's aber nie probiert."

"Ihr seid ja ein ganzer Doktor", sagte der Kreuzwirt. "Ja, ja", lenkte er wieder in das vorige Gespräch ein, "der Sonnenwirt hat heute ein' sauren Tag erlebt. Dem sitzt gewiss kein Storch mehr aufs Dach. Aber die Zuchtrut ist ihm gesund, er soll nur fein demütiger werden, er hat's nötig. Das ist mir ein Christentum, wenn man durch eigennützige Konzession im