tolle Bursche und griff nach dem Messer. Sie stutzten und wichen zurück. "Holet ein Gewehr!" rief einer. "Da ist schon eins!" antwortete es vom Fuss der Treppe. "Her da!" rief's oben, "man muss nach ihm schiessen, bis ihm der Krattel vergeht!" Er fuhr von seinem Lager auf, liess das Messer stecken und stürzte nach einem Dachladen, durch den er alsbald verschwand. Ein Geschrei von unten erscholl. "Er hat sich hinuntergestürzt!" schrie der Amtsknecht. Die einen warfen sich auf das Messer, um sich desselben zu bemächtigen, die anderen rannten nach dem Dachladen. Der Fischer war der erste, der daselbst ankam und den Kopf hinausstreckte. Er zog ihn aber alsbald zurück und rief: "Nein, er schiebt sich das Dach hinauf und hat mich mit einem Ziegel auf den Kopf schlagen wollen." "Das Dach aufgehoben!" schrien einige und machten Anstalt, am Sparrenwerk hinaufzuklettern; da flog durch eine Lücke ein Ziegel herein, der zwar keinen traf, aber alle von dem vorgeschlagenem Unternehmen abschreckte. Fluchend und schreiend verliessen sie den oberen Boden und gingen auf die Strasse hinunter, von wo sie nun sehen konnten, wie des Sonnenwirts Frieder, dem ganzen Flecken zum Schauspiel, auf dem Dachfirst seines väterlichen Hauses ritt. Es war lächerlich und jämmerlich zugleich anzuschauen, obgleich er sich fest wie im Sattel eines Pferdes hielt, seine Verfolger höhnte und heraufzukommen einlud. Der ganze Platz um das Haus war voll Menschen, und aus den anstossenden Gassen drängten sich immer neue Zuschauer herbei. "Was gibt's? Was gibt's?" riefen die einen; – "'s ist e' Kuh fliegig worden!" – "Nein, e' Stier!" schrien andere. – "Dem Sonnenwirt sitzt ein fremder Vogel aufm Haus!" – "Schiesset ihn vom dach abe!" – "Holet ihn mit der Feuerspritz runter!" – So ging das Geschrei und Gelächter durcheinander. Ein Wagen, der auf; der Strasse herausfuhr, musste haltmachen, weil ihn das Gedränge nicht durchliess. Bei den Pferden stand der alte Fuhrmann und blickte, traurig den Kopf schüttelnd, nach dem verwahrlosten Jüngling hinauf, den er hatte retten wollen. In seinen gefurchten Zügen malte sich eine trübselige Befriedigung; er nickte ein paarmal und sagte vor sich hin: "Hab auch wieder einmal eine richtige Vorahnung gehabt."
Der Sonnenwirt, der sich halbtot schämte, hatte sich mit dem verwundeten Knechte zu seinem Schwiegersohne, dem Chirurgen, zurückgezogen und schickte diesen, ob er dem schmählichen Auftritte nicht auf irgendeine Weise ein Ende machen könne. Der Chirurg, nachdem er die Wunde des Knechts untersucht und verbunden, drängte sich durch die Menge, wurde von dem Amtmann, der ratlos, was er befehlen sollte, in der Haustür der Sonne stand, herbeigewinkt und mit einem heimlichen Auftrage versehen, drängte sich wieder in die Strasse durch und gab Zeichen nach dem dach, um die Aufmerksamkeit seines jungen Schwagers auf sich zu ziehen. Friedrich, der ihn mit seinen Falkenaugen schon längst bemerkt und angerufen hatte, ohne in dem Tumult vernommen zu werden, schrie mit einer stimme, die alle übertönte: "Still da drunten!" Ein zorniges Gelächter der Menge antwortete ihm. Der Chirurg aber bat und beschwor die Umstehenden so lange, bis wenigstens in der Nähe der Lärm sich etwas legte und eine notdürftige Stille entstand. "Herr Schwager!" rief jetzt Friedrich herab, "was macht der Peter?"
"Er ist den Umständen nach ganz wohl!" antwortete der Chirurg durch die vorgehaltenen hände, mit welchen er das etwas schwache Erzeugnis seiner Lunge zu verstärken suchte. "Die Wunde ist gar nicht gefährlich!"
"Gott sei Lob und Dank!" rief Friedrich und schlug die hände erfreut zusammen.
"Gib doch acht! Sei nicht so frech!" schrien einige von denen, die ihm wohl wollten.
"Das hat kein Not!" antwortete er und drehte sich wie der Blitz herum, so dass er, die Knie schnell wieder an das Dach anstemmend, nach der entgegengesetzten Seite gerichtet sass. Das tolldreiste Kunststück, das er in der Freude seines Herzens machte, rief bei der Menge einen Schrei des Entsetzens hervor, welchem ein schallendes Gelächter folgte. "Grad wie ein Aff auf einem Kamel!" schrien sie.
"Schwager, geh Er herunter!" rief der Chirurg.
"Wenn mir der Herr Schwager sicheres Geleit verspricht!" antwortete Friedrich, "sonst tut sich's ganz wohl da oben!"
"Ich gebe Ihm mein Ehrenwort, dass Ihm nichts zuleid geschieht!" rief der Chirurg hinauf.
"Sein Ehrenwort?"
"Mein Ehrenwort!"
Er verliess seinen luftigen Sitz mit einem leichten Ruck, der unten von einem Schrei des Schreckens und zugleich der Bewunderung begleitet wurde. "Der sitzt vom Dachgrat ab wie ein Reiter von seinem Gaul!" schrie die Menge. Im nächsten Augenblick hatten sie Ursache, ihn mit einer Katze zu vergleichen, so leicht sah man den behenden Burschen auf Händen und Füssen am Dach herabrutschen, bis er den Laden wieder erreicht hatte, durch welchen er im Nu verschwand, noch einmal mit einem fuss hinauszappelnd, gleichsam zu Ehren des versammelten Publikums, das hierüber in ein wieherndes Gelächter ausbrach.
Nach wenigen Sekunden verriet eine Bewegung der in und vor der Haustüre stehenden Leute,