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über die massen wohl. Der herrschenden Sitte gemäss sprach sie äusserst selten, beinahe nur, wenn sie gefragt wurde; und es deuchte dem Sonnenwirt früh genug, wenn eine erst als verheiratete Frau "das Maul brauchen lerne". Was sie sprach, das schien ihm "eine Heimat zu haben"; und es klang auch mitunter so rund wie ein harter Taler. Bei lustigen Anlässen brach sie in ein schallendes Gelächter aus, das ihm zu ihren weissen Zähnen und derbroten Wangen ganz prächtig zu stehen schien. Von der Braut musste er wieder auf den Bräutigam blicken, der in der Fülle seines Glückes neben ihr sass und das eine Mal leise Liebesworte mit ihr wechselte, das andre Mal wieder lebhaft zu der Unterhaltung der Gesellschaft beitrug, deren Bewirtung er übernommen hatte. Der Sonnenwirt erinnerte sich, dass er diesem jungen mann einst seine Tochter vorentalten, und konnte gar wohl ermessen, dass in der Ehre, die er ihm mit seinem Besuch antat, auch eine kleine Bosheit verborgen sein mochte, dass er da, wo man ihn einst, wenn auch in noch so leiser und unbestimmter Weise, verschmäht hatte, sich jetzt als "gemachter Mann" zeigen wollte; ja, die Zärtlichkeiten, die er seiner Braut erwies, gaben manchmal dem Sonnenwirt einen Stich durchs Herz, als ob sie wie ein Spott auf ihn gemünzt wären. Er dachte aber nicht daran, um wieviel besser er seine Tochter versorgt haben würde, wenn er ihr diesen nach seinem eigenen Geständnis so wackern, fleissigen und angenehmen jungen Mann hätte zuteil werden lassen, und welch ein gutes Beispiel für seinen Sohn ein Schwager gewesen wäre, der, gleichfalls jung und der Lebensfreude nicht abhold, doch das Erfreuliche im Nützlichen zu suchen und bei seiner Wahl, wie es wenigstens schien, Liebreiz mit Verstand und Reichtum vereinigt zu finden wusste. Er dachte nur daran, dass sein Sohn in allen Stücken das Gegenteil von diesem jungen mann, dass dessen Braut, so sehr sie ihm und eben weil sie ihm gefiel, ein wahres Spottbild auf die Wahl seines Sohnes vorstelle. Friedrich indessen dachte an gar nichts, als an seine und Christinens verzweifelte Lage, an den niederschlagenden Brief des Advokaten, von dem er kaum hoffen konnte, dass er reinen Mund halten würde, und an den liebreichen Antrag des alten Boten, der ihn so seltsam bestürmt hatte. Während ihn diese Gedanken unaufhörlich beschäftigten, musste er dazwischen, von Georg aufgerufen, der ihn durchaus heiter sehen wollte, mit der Gesellschaft schwatzen, einmal über das andere Bescheid tun, auf das Geheiss des splendiden Bräutigams Wein aus dem Keller holen, wieder schwatzen und lachen und immer wieder trinken, so dass er zuletzt kaum mehr wusste, ob er seinen Kopf oder das Mühlrad seines Freundes auf den Schultern habe.

Wie es gerade in lebhafteren Gesellschaften nicht selten vorkommt, war nach einer Reihe ernstafter gespräche und lustiger Spässe auf einmal die Unterhaltungsspule abgelaufen, und es entstand jene Stille, während welcher jedes Mitglied sich den Kopf zu zerbrechen pflegt, um womöglich einen neuen Stoff zur Verarbeitung aufzutischen. Der Sonnenwirt, der den Wein gleichfalls spürte, hielt sich vor allen als Wirt und Hausherr verpflichtet, in die Lücke zu treten, und der Anlass zu einer Äusserung lag ihm nur allzunahe. Hatte ihm der Bräutigam vorhin, mehr aus Höflichkeit als Überzeugung, wie ihn deuchte, seinen Sohn gelobt, so glaubte er diese schmeichelhaften Reden jetzt im entgegengesetzten Sinne erwidern zu müssen. "Das muss ich sagen", begann er, "so ein fein's Brautpaar hab ich lang nicht an meinem Tisch gehabt; da muss einem ja das Herz im Leib drob lachen!" Dann sprach er die vorteilhafte Meinung aus, die er von den beiden jungen Leute hegte, und spendete besonders der Braut ein derbes Lob, das sie mit Erröten, jedoch keineswegs unwillig, hinnahm. Nun aber wendete er sich gegen seinen Sohn. "Da kannst jetzt sehen", sagte er zu ihm, "wieviel Freud, anstatt soviel Verdruss, du mir hätt'st machen können, wenn du mir so ein brav's Weibsbild ins Haus bracht hätt'st, statt dem Mensch, mit dem du dich vergangen hast."

"Jetzt kommt's!" dachte Friedrich, aber er hielt an sich und sah finster schweigend vor sich hin.

"Es muss eben auch Schatten in der Welt geben", bemerkte die Sonnenwirtin spöttisch, "sonst tät man ja" – bei diesen Worten deutete sie auf die Braut – "das Licht nicht sehen."

"Lasset's gut sein, Herr Sonnenwirt und Frau Sonnenwirtin!" sagte der Bräutigam begütigend. "Wir sind ja so vergnügt beieinander. Komm, Frieder, stoss an mit mir: dein Wohl und unser Leben lang lauter gut Ding!"

"G'segn dir's Gott, Georg!" erwiderte Friedrich. "Obwohl du ein Kind des Lichts bist", setzte er bitter lächelnd hinzu, "so will ich doch in meiner Finsternis auf dein und deiner Braut Wohl trinken und will dir wünschen, dass sie dir immer so lieb bleiben mög, wie meine Christine mir."

Die Braut machte ein saures Gesicht. Die Sonnenwirtin stiess ein grelles Gelächter aus, in das der weibliche teil der Gesellschaft halblaut einstimmte, indem sie einander unwillig ansahen.

"Ich lass meine Gäst nicht beleidigen!" fuhr der Sonnenwirt zornig auf.

"Ich hab niemand beleidiget", erwiderte sein Sohn