sogar aus seiner verkehrten Richtung herausreissen? Der Herzog war gegen seine Gewohnheit weggefahren, ohne eine Wort zu verlieren; denn wenn er auch das Land wenig schonte, so pflegte er doch den Leuten ein gut Gesicht zu machen und konnte mit dem Geringsten im volk freundlich reden. Nach einigen Tagen, auf der Rückfahrt, oder auf einer späteren Durchreise, falls er diesmal einen andern Rückweg einschlug, fragte er gewiss nach dem Jüngling, dessen kräftiger Arm ihn vor einer Gefahr bewahrt hatte, und je kleiner dieser sein Verdienst machte, desto höher konnte er in der Gunst des Herrn steigen. Postalter von Ebersbach! Der Alte konnte diesen Gedanken nicht aus dem kopf bringen. Da war aber freilich immer wieder diese fatale Liebschaft im Wege.
Während der Sonnenwirt solchen Gedanken nachhing und dazwischen wieder dem Essen zusprach, dachte sein Sohn an nichts, als dass morgen der dritte Sonntag sei, an welchem er hätte proklamiert werden sollen, und dass heute die Antwort auf seinen Brief aus Göppingen eintreffen müsse. Um dieselbe geheimzuhalten, hatte er nicht die Post, sondern einen Bekannten benützt, der in Geschäften droben war und zu dieser Stunde zurückkommen sollte. Er stand vom Essen auf und ging die Strasse hin, um den Brief in Empfang zu nehmen, mit welchem er sodann unter die Erlen an dem Flüsschen eilte. Der Advokat schrieb, er mische sich nur höchst ungern in Händel zwischen Kindern und Eltern, zudem scheine ihm die Sache sehr verwikkelt, der Ausgang ungewiss, und ohne einen Vorschuss könnte er sich nicht in diese geschichte einlassen. Abermals eine vereitelte Hoffnung! Er knirschte mit den Zähnen, schüttelte einen alten Weidenbaum, dass er in den Wurzeln krachte, und ging kranken Herzens, denn jetzt wusste er nicht mehr, womit er Christinens tägliches Wimmern stillen sollte, in das väterliche Haus zurück.
Er war dort heute nichts weniger als überflüssig. Dieselbe Strasse, auf welcher des Herzogs leichte Kaleschen den Staub aufgewirbelt hatten, kamen jetzt schwere Frachtwagen langsam vor die Sonne dahergefahren. Friedrich half die Pferde ausschirren und versorgen. Dann ging es an die leibliche Pflege der Fuhrleute, die keine geringen Ansprüche machten und mehr Geld sitzenliessen, als der Herzog samt seinem ganzen Hof. Hier war die Sonnenwirtin an ihrem platz. Sie wusste nicht bloss das Bedürfnis und den Geschmack der Gäste zu befriedigen, sondern auch eine Unterhaltung mit ihnen zu pflegen, bei welcher wenigstens der Verstand nicht zu kurz kam, so dass einst ein Fuhrmann zu seinen gefährten sagte: "So lieb mir Herz und Nieren sind, so möchte ich doch der Sonnenwirtin ihr Herz nicht fressen, denn warum? Sie hat eben kein Kalbsherz, aber ihr Hirn, das tät mir, glaube ich, schmecken, und bin doch dem Kalbskopf feind."
Kaum waren die Fuhrleute bedient und zum teil nach ihren Rossen zu sehen gegangen, so kamen abermals Gäste, und zwar diesmal zu ungewohnter Stunde aus dem Flecken selbst. Es war der junge Müller Georg, den wir kennen, mit einem Mädchen von nicht ungefälligem Aussehen, das er als seine Braut vorstellte, und einem Schwarm von Sippschaft aus benachbarten Orten hinterdrein, worunter sich auch der Knecht des anderen Müllers befand. Er gehörte, wie sich aus dem Gespräch ergab, zur Verwandtschaft und hatte als Unterhändler dieses Verlöbnis zustande bringen helfen, daher er billig beim Brauttrunke sich mitfreuen durfte. Die vergnügte Miene des Müllers verriet es, und derbe Andeutungen der anderen Verwandten sagten es noch lauter, dass die Braut "Batzen" habe. Ehe die Gäste sich setzten, fand eine lange Begrüssung statt, bei welcher der Sonnenwirt in ehrerbietigerem Tone als gewöhnlich und die Sonnenwirtin mit sauersüssem gesicht dem Müller Glück wünschten. "Ja ja", sagte diese, "jetzt habt Ihr das recht wasser auf Eure Mühle gefunden; der Silberbach, nicht wahr, der wird sie besser treiben als der Ebersbach?" Die ganze Verwandtschaft lachte sehr geschmeichelt zusammen. Nun trat auch Friedrich zu dem jungen mann, den er trotz jener Husarenjagd wohl leiden konnte, obgleich er in letzter Zeit mit ihm, der sehr eingezogen lebte, nur selten in Gesellschaft gewesen war. Er schüttelte ihm die Hand, begrüsste die Braut gleichfalls und brachte seinen Glückwunsch mit wenigen, aber herzlichen Worten an. "Jetzt tu Wein her, Frieder, und das nur g'nug!" sagte der Müller. "heute lass ich alle Gäng los! Du musst auch mittun, wir haben schon lang nicht mehr miteinander getrunken."
"Ja, ich will so frei sein", erwiderte er freundlich und eilte in den Keller.
"Ihr habt heute 'n Glückstag gehabt, Herr Sonnenwirt", begann der Bräutigam, als die Gesellschaft, den Wirt und seine Frau mit eingeschlossen, an dem runden Tische Platz genommen hatte. "Ich bin nicht dabei gewesen, hab's aber gehört. Und der Frieder, das ist ja ein Kerl wie ein Löw! Nun, der hat die Wurst nach der Speckseit geworfen; der Herzog wird sich's hinter die Ohren geschrieben haben."
Der Sonnenwirt erzählte unmutig, wie sein Sohn das ihm zugeflogene Goldstück verschmäht habe. Die Gesellschaft hörte mit Verwunderung und Kopfschütteln zu. Die junge Braut lachte überlaut. Dies ärgerte zwar den Sonnenwirt ein wenig, doch glaubte er darin ein Zeichen von vielem Menschenverstand erkennen zu müssen.
"Ja, er ist sein Lebtag ein besonderer Kopf gewesen", sagte der Bräutigam. "Aber das muss man ihm doch lassen,