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umstehenden Männer, die zufällig keine Helden waren, wichen zurück und versperrten kräftigeren Händen den Platz, so dass nachgerade die Sicherheit des Herzogs an einem Haare hing. Da liess Friedrich seine Flaschen fallen, dass sie klirrend am Boden zerbrachen, mit einem Sprung hatte er sich des ungebärdigen Rosses bemächtigt, das ihn auf und nieder schleuderte, endlich aber seiner markigen Hand sich fügen musste. Als der stärkste Widerstand des Tieres gebrochen war, sprang noch ein Knecht herbei, der es vollends bändigen half, und nun kam alles, was hände hatte, um die überwundene Gefahr noch einmal zu überwinden. Der Herzog, ärgerlich, dass seine Allgewalt vor den Augen der Sterblichen einen kleinen Eintrag erlitten hatte, rief: "Hat nichts zu sagen! Vorwärts! Keine Umstände weiter!" nickte aber im Fortfahren dem jungen Menschen, der ihm diesen Dienst erwiesen, gnädig zu, griff dabei in die Westentasche und warf ihm ein Goldstück hin, während der vordere Postillon, seine wiedergewonnene Haltung mit verbissenem Grimm behauptend, die Peitsche gegen die herzudrängende Menge aufhob und der Jagdzug in donnerndem Laufe davonbrauste. Ein Gelächter folgte den unglücklichen Hofherren, die über dem Abenteuer ihres Gebieters nichts zu trinken bekommen hatten und sich ohne Zögern anschliessen mussten, um ihren Durst im Schatten der Wälder oder vielleicht im Blute des Ebers zu kühlen. Noch einen Augenblick, und die ganze stolze Erscheinung war verschwunden, und die Strasse mit den städtisch grossen, aber einförmig grauen Gebäuden sah wieder so werktäglich aus, als ob sich gar nichts zugetragen hätte.

Friedrich war sogleich in das Haus zurückgekehrt, während sein Vater noch im Vollgenuss der gehabten Ehre mit den Nachbarn sprach, wobei er nicht unterliess, sie darauf aufmerksam zu machen, dass der Flekken früher eine Post gehabt habe, von welcher er behauptete, dass sie mit der 'Sonne' verbunden gewesen sei.

"Wo hast dein' Goldvogel?" fragte er seinen Sohn vergnügt, als er mit dem Knechte heraufkam, um zu Mittag zu essen. "Der Johann sagt, es sei ein Goldstück gewesen, was dir der Herzog zugeworfen hab."

"Ich hab's nicht aufgehoben", antwortete Friedrich.

"Was? Bist von Sinnen?" schrie der Sonnenwirt. "Ich hab eine Menschen- und Christenpflicht getan", sagte Friedrich, "und dafür lass ich mich nicht mit Geld auszahlen. Zudem weiss man wohl, für was der Herzog die Dukaten in der Westentasch trägtfürs Weibervolk. Das ist kein Geld für mich."

"Hast's so übrig?" fragte der Vater, indem er den Löffel niederlegte, den er mit dem besten Appetit zu handhaben begonnen hatte. Das Essen wollte ihm nicht mehr recht schmecken. "Du bist mir der Recht zum Obenaussein", setzte er hinzu.

"Dann hätt das Geld wenigstens m i r gehört", maulte der Knecht, "denn ohne mein' Beistand kann man nicht wissen, wie das Ding ausgegangen wär."

"Warum hast's nicht genommen?" sagte Friedrich. "Ich hätt's dir nicht missgönnt."

"Such, Johann, such!" rief der Sonnenwirt. Aber der Knecht war schon aufgesprungen, und man hörte ihn die Treppe hinunterpoltern. Nach einer guten Weile kam er finster zurück und sagte: "Ich hätt mir's schon denken können, dass so was nicht lang liegenbleibt. Wer's aber genommen hat, ist ein Dieb. Der soll mir kommen. Ich werde's schon rausbringen, wer den gelben Vogel im Käfig hat. Der Fischerhanne, der ist, glaube ich, am nächsten dabei gestanden. Dem wassergrünen Spitzbuben werde ich aufpassen."

"Schäm dich, Johann", sagte Friedrich, "dass du dein' Nebenmenschen schlecht machst, eh du weisst, ob er's ist. Der Fischerhanne ist nicht mein Freund und wird's auch nicht werden, aber ich tät mich doch zweimal besinnen, eh ich ihn einen Dieb hiess ohne allen Grund und Beweis. Und dir hat er nie was zuleid getan. Esel, warum hast du das Geld nicht gleich aufgehoben?"

Der Knecht sah ihn giftig an und murmelte halblaute Flüche in seine Suppe hinein.

"Das Aufheben wär an d i r gewesen, du hochmütiger Herr", sagte der Sonnenwirt zu seinem Sohne. "Du nimmst, wo du nichts anrühren sollt'st, und lässt liegen, was dein ist."

Friedrich schwieg. Er hatte einem Advokaten in Göppingen geschrieben, ob er sich nicht seiner annehmen und seine Sache gegen seinen Vater führen wolle. Inzwischen gedachte er jeden unnützen Streit mit diesem zu vermeiden und sich, solange er ihm sein mütterliches Erbe nicht herausgab, als Kind von ihm ernähren zu lassen, was er ihm durch seine Dienste hinlänglich zu vergelten glaubte; denn wenn er auch mitunter, von Zorn und Überdruss ergriffen, in seiner Arbeit nachliess, so meinte er sich doch das Zeugnis geben zu dürfen, dass sein Vater mit Unrecht über solche Unterbrechungen klage, die im Vergleich mit seinem sonstigen Fleiss und Eifer kaum in Rechnung zu bringen seien.

Der Sonnenwirt schwieg gleichfalls und beschäftigte sich wieder mit dem Essen. Im ganzen hatte er doch keinen Grund, sich den Appetit vergehen zu lassen. Sein Sohn hatte dem Herzog einen nicht unbedeutenden Dienst geleistet, der jedenfalls der Sonne zustatten kommen musste. Konnte dieses Ereignis aber nicht vielleicht auch das Glück des jungen Menschen machen und ihn