dir abrechne."
"Nun, so rechnet ab, und wenn Ihr so viel Zeit brauchet, bis Ihr wisset, was Ihr alles in die Rechnung schreiben wollet, so müsset Ihr eben derweil die Bürgschaft leisten."
"Ich nicht. Das Sprichwort sagt: den Bürgen soll man würgen. Und wie kann man denn von mir verlangen, dass ich noch einen weiteren Revers ausstellen soll von wegen deines Fortkommens? Ich hab dir zwar wohl versprochen, dass ich dich bei mir behalten will, und ich will auch dabei bleiben, wenn du dich hältst, wie's recht ist, nämlich besser als bisher. Aber Hand und Fuss will ich mir durch einen Revers nicht binden lassen, denn sonst wärest ja du der Herr, und ich müsst mir zeitlebens gefallen lassen, was dir anständig wär. Nein, der Sklav in meinem eigenen Haus will ich. nimmermehr werden."
Friedrich legte den Kopf eine Weile auf beide hände, die er auf dem Tische liegen hatte. Als er das Gesicht wieder erhob, war alle Farbe daraus gewichen. "Jetzt sehe ich erst, dass es eine abgekartete sache ist", sagte er mit einem blick auf die Stiefmutter und verliess die stube.
Christine weinte bitterlich über dieses neue Hindernis. "Das ist eine Welt!" sagte der Hirschbauer und kehrte sich nach der Wand. Die Bäuerin heulte und schrie, dass man arme Leute so unterdrücke, die Söhne fluchten, und der kleine Weisskopf, der heute die Welt gar nicht verstand, sass bestürzt und furchtsam in der Ecke. Friedrich aber glaubte zu bemerken, dass der abermals in Zweifel gestellte Erfolg seiner ehrlichen Bemühungen auf die Würdigung seiner Absicht oder wenigstens auf die Schätzung seiner selbst zurückwirke. Die Hirschbäuerin wenigstens schien ihn bereits mit minder günstigen Augen anzublicken; als sie ausgeheult hatte, machte sie ein Gesicht und gönnte ihm beim Abschiede kaum ein Wort. Christine aber nahm ihm wiederholt das Versprechen ab, auch diese Prüfung womöglich durch Geduld und Gehorsam zu überwinden.
Schon die folgenden Tage zeigten ihm, dass er sich in seinen Berechnungen völlig getäuscht habe und für den nächsten Sonntag auf die letzte, bestätigende Proklamation verzichten müsse. Er sprach nichts, war in seinen Verrichtungen fleissiger denn je, aber seine wundgebissenen Lippen, seine mit Blut unterlaufenen Augen verrieten den Sturm, der in ihm arbeitete. Die Narbe auf seiner Stirne trat oft blutrot hervor. Die Leute steckten bei diesem Anblick die Köpfe zusammen und murmelten einander zu, das sei ein Kerl, von dem man sich des ärgsten gewärtigen dürfe.
26
Rasselnd und donnernd fuhren eines Vormittags mehrere Jagdequipagen die Strasse herauf. Mitten im vollen Jagen hielt die vorderste vor der Sonne und nötigte dadurch die andern zu einem ebenso plötzlichen Halt. In der Sonne gab es ein Rennen und Jagen treppauf und -ab. Der Herzog Karl selbst war es, der in der ersten Kalesche sass und im raschen Vorbeijagen nach dem Schurwald einen Trunk vom Besten begehrte. Die Ehre war gross, noch grösser aber die Eile, mit welcher der Befehl ausgeführt werden musste, denn es war bekannt, dass der Herr nicht gern wartete und weder im Grossen noch im Kleinen ein Hindernis seines Willens gelten liess. Der Sonnenwirt flog daher wie ein Jüngling von achtzehn Jahren, und wenig fehlte, so wäre er die Treppe hinabgefallen; doch brachte er den alten Familienpokal glücklich an den Wagen. Sein Sohn sah vom Fenster aus zu, wie ihn der Herzog in Empfang nahm und nach einem guten zug wieder zurückgab; er sah, wie der junge Fürst gnädig, aber immer hastig mit seinem Vater sprach, wie dieser unter tausend freudigen Bücklingen sich weigerte, die Zeche zu machen, aber von dem bei dem Herzog im Wagen sitzenden Hofherrn einen mit einem gebieterischen Wink begleiteten Silbertaler annehmen musste. Neugierig betrachtete er den von Jugend und Jagdlust strahlenden Landesherrn, dessen Allmacht ihm die Zahl seiner Jahre voll machen und doch den Wunsch seines Herzens nicht erfüllen konnte: das vornehme, freie Gesicht mit den herrisch umherschweifenden hellblauen Augen drückte eine machtbewusste Sorglosigkeit aus, welche die Freuden des Lebens in vollen Zügen schlürfte und sich dabei um keinerlei Bedenken zu kümmern hatte. So musste es wenigstens einem jungen Menschen erscheinen, dem die Kehrseite solcher Herrlichkeit verborgen blieb. "Nur ein Scherflein von dieser Freiheit und Ungebundenheit!" seufzte er: "ich wollt es ja nur dazu benutzen, um an meinem Weib und Kind ein rechtschaffen Werk zu tun!"
"Wer wird denn dastehen und gucken, wenn's alle Händ voll zu tun gibt!" rief eine Magd, die in die stube stürzte. "Die Herren in den andern Kutschen wollen auch Wein. Fort! im Hausgang drunten stehen schon Butellen g'nug, 's fehlt nur an Händen, um sie nauszutragen."
Er eilte hinunter, ergriff mechanisch ein paar Flaschen und trug sie vor das Haus, wo sein Vater soeben, trunken vor Glück von dem Wagen des abfahrenden Herzogs zurücktrat und, beständig komplimentierend, seinem Sohn rücklings in die beladenen arme taumelte. In diesem Augenblick erhob sich ein Angstgeschrei. Das vordere Pferd am herzoglichen Wagen, durch die neugierig umherwogende Menge oder vielleicht durch irgendeine mutwillige Untat der lieben Jugend scheu gemacht, bäumte sich so unversehens und heftig, dass der Jagdpostillon die Meisterschaft zu verlieren in Gefahr war und die andern Pferde gleichfalls unruhig wurden. Das Geschrei der Menschen, besonders aus den hintern Kaleschen, steigerte die Verwirrung der Tiere, der Postillon schwankte im Sattel, die