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er zu diesem Zwecke sein mütterliches Vermögen heraushaben müsse.

"Nun, nun", sagte der Alte, "es hat ja noch Zeit. Ich sehe überhaupt nicht ein, wozu du so viel Geld brauchst. Du hast ja selbst gesagt, du wollest froh sein, wenn du mir als Knecht dienen dürfest."

"Ich bin's zufrieden", entgegnete der Sohn, "aber ich muss doch wenigstens eine stube haben, wo ich mit meinem Weib drin wohnen kann."

"Als Knecht kannst du bei mir wohnen wie bisher."

"Ja, wollt Ihr denn mein Weib auch zu Euch ins Haus nehmen?" fragte der Sohn mit einem Freudenschimmer in den Augen.

"Das kommt noch aufs Wohlverhalten an", antwortete der Vater mit einem spöttischen blick. "Am ende wär's freilich das best, ich nähm euch beide unter Aufsicht; ihr könntet's vielleicht brauchen."

Der Alte ging seinen häuslichen Verrichtungennach, ohne sich zu einer bestimmten Erklärung bringen zu lassen. Ein paar weitere Versuche seines Sohnes liefen ebenso ab, und er erhielt nichts als ausweichende, rätselnde, stichelnde Antworten, wobei der Alte jedesmal ein Geschäft oder einen Besuch zu benützen wusste, um das Gespräch abzubrechen. Friedrich verging beinahe vor Unmut und Ungeduld, aber er hatte Christinen versprechen müssen, diese letzten Tage der Prüfung vollends in Ruhe auszuharren. – "Sieh, ich hab Eselsgeduld", sagte er oft zu ihr.

Unterdessen war die Sonnenwirtin nicht müssig gewesen, im Wege der Gunst wie des Hasses auf ihre Gönnerin, die Amtmännin, und durch diese auf den Amtmann einzuwirken. "Es wäre ja doch schrecklich", sagte sie, "wenn so ein eigensinniger, gewalttätiger Trotzkopf vernünftige Leute abzwingen könnte." Der Amtmann, der sich gleichfalls von ihm überrumpelt sah, hatte, nachdem die erste kirchliche Handlung durchgesetzt war, doppelte Lust gewonnen, die Heirat doch noch am Ziele zu hintertreiben. Er schalt auf die Regierung, welche viel zu liberal sei und das junge Volk, wenn es nur brav Dispensgelder bezahle, ins Blaue hinein heiraten und den Gemeinden zur Last fallen lasse; übrigens, meinte er, der Sonnenwirt brauche nur den Taugenichts aus dem haus zu jagen und jede Verbindung mit ihm abzubrechen, dann habe er allen Boden unter den Füssen verloren, und wenn ihn die Regierung zehnmal für volljährig erkläre, so nehme ihn eben die Gemeinde nicht an. "dafür lass Sie nur mich sorgen, Frau Sonnenwirtin."

"Wenn nur mein Mann nicht so schwach war!" erwiderte die Sonnenwirtin hierauf. "Er will sich's nicht nachsagen lassen, dass er seinen Sohn, der ihm als Knecht zu dienen erbötig ist, von sich gestossen hab, und doch kränkt's ihn auch wieder, dass er ihm sein Mütterlich's hinauszahlen soll, denn die zeiten sind eben gar schwer. Die Eve Marget und die Magdalene haben ihren Anteil auch stehenlassen müssen, mit Vorbehalt, dass sie nachher am Vater mehr erben sollen. Nun besorgt er, wenn der Bruder sein sache ganz rauskriegt und auf einmal, so könnten die Schwestern auch rebellisch werden. Er glaubt, er hab eigentlich die Nutzniessung davon sein Leben lang, aber er weiss nicht gewiss, ob man sie ihm nicht vielleicht strittig könnt machen."

"Jedenfalls", bemerkte der Amtmann, "liesse sich dieser Streit in die Länge ziehen, ich sehe jedoch nicht ein, zu was das in der Hauptsache führen sollte, denn wenn der Sonnenwirt seinem ungeratenen Sohne die Existenz garantiert, so kann ihn niemand am Heiraten hindern. übrigens will ich mir die ganze Sachlage noch einmal in Revision nehmen und sehen, ob noch etwas zu machen ist."

Unter solchen Beratungen war die zweite Proklamation vorübergegangen, und der Vorteil des unabänderlichen Laufes der Dinge schien ganz auf Friedrichs Seite zu sein, als der Amtmann die Sonnenwirtin rufen liess. "Gratuliere, Frau Sonnenwirtin", sagte er, "zur leibeigenen Schnur!"

"Was? leibeigen?" rief die Sonnenwirtin. "Und davon hat das schlecht Gesindel gar nichts gesagt? Das hebt ja alle Verpflichtungen auf!"

"Vielleicht haben sie es selbst nicht mehr recht gewusst", sagte der Amtmann, "denn die Sache ist etwas in Vergessenheit geraten. Tatsache aber ist es, dass der Hans Jerg Müller und die Seinigen zu gnädigster herrschaft im Verhältnis der Leibeigenschaft stehen."

"Dann", rief die Sonnenwirtin mit einem Strahl von Hoffnung, "ist's doch möglich, dass der stolz Bub sein Kopf noch ändert. Eine Leibeigene wird er nicht zur Frau haben wollen."

"Diese Verhältnisse liessen sich ja mit Geld abkaufen", bemerkte der Amtmann, "denn dazu ist gnädigste herrschaft stets geneigt. Ohnehin bestund es, in neuerer Zeit wenigstens, aber schon seit lange, in einer jährlichen Geldabgabe. Früher mögen schwerere körperliche Leistungen erfordert worden sein: da es mich nicht interessiert hat, so habe ich auch nicht nachgeschlagen. Die prästierende Abgabe wurde dem Hans Jerg Müller schon vor geraumer Zeit ob summam paupertatem, wie er ja auch schon von der Gemeinde ex pio corpore Unterstützung genossen hat, auf sein untertänigstes Ansuchen nachgesehen, daher es leicht möglich, dass er sich der Verhältnisse selbst nicht klar erinnert. Das einfältige Volk weiss ja niemals, wie es dran ist, noch auf welchen Füssen es steht: die Beamten müssen es ihm sagen, was es zu leisten schuldig ist,