1855_Kurz_155_101.txt

verlobt zu sein, Arm in Arm mit ihr durch den Flecken zu der Kirchenkonventsverhandlung gegangen war, hatte bei der herrschenden Sitte noch grösseren Anstoss gefunden als ihre vorzeitige Mutterschaft.

So langsam sie wegen dieses Zustandes gingen, so gingen doch zwei von den andern proklamierten Paaren noch langsamer hinter ihnen drein, um sich über sie lustig zu machen. "Das ist ein Schwanenpaar!" sagte der eine Bräutigam. "Im Ludwigsburger Schlossgarten, im See, hab ich auch einmal eins gesehen, die sind grad so gewesen, nur anders, säuberer."

"Die da sind weiss wie ein Ofenloch", sagte seine Braut.

"Es gibt auch schwarze", fuhr der Bräutigam fort. "Ich hab's einmal von einem Reisenden gehört, dem ich den Weg auf den Staufen hab zeigen müssen. Ist ein kurioser Herr gewesen und hat viel Kauderwelsch durcheinander geschwätzt. Sie seien aber eine grosse Rarität, hat er gesagt."

"Es wird gut für den Flecken sein", bemerkte die Braut, "wenn die da gleichfalls eine Rarität bleiben."

"Kann denn der Schwan auf trockenem Boden laufen?" fragte der andere Bräutigam.

"Freilich", versetzte der erste, "aber es macht ihm Müh, er wackelt schier gar so schwer daher, wie die da." Er deutete auf Christinen, und alle vier brachen in ein rohes Gelächter aus.

Friedrich machte seine arme los und kehrte sich um. "Ihr Spitzruten", sagte er, "ist ein Ehrentag ein Tag zum Gassenlaufen? Aber gut, wenn ihr's nicht anders haben wollet, so möget ihr's haben. Du Michel, grüner Tralle", wandte er sich an den einen, "du bist so dumm, dass man Riegelwänd mit dir nausstossen könnt und dass dein Mädle zu dir hat in die Scheuer kommen müssen, statt du zu ihr, aber wenn man euch erwischt hätte, so hätt's noch eine ganz andere Konventsverhandlung geben als bei uns. Verstanden? Und du, Lorenz", sagte er zu dem andern, "du spitziger Gscheidle, so pfiffig du bist, so weiss ich doch, dass du dich in Zebedä drüben hast nachts von den ledigen Buben müssen in Brunnentrog tunken lassen, zur Abkühlung, wie sie gemeint haben, jedoch ohne alle Not, denn an dir ist nichts Hitzig's als dein Geiz, der dich verführt hat, vom Herrn Vikarius drüben, dem reichen Prälatensohn, sein aushraucht's Spielzeug um ein Draufgeld einzuhandeln, nachdem dein voriger Schatz gestorben ist, man weiss nicht einmal recht an was. Ich will's an dem gnug sein lassen, denn ich sehe, dass eure Bräut rot worden sind, und 's wär gut, sie täten sich der Heuchelei und Splitterrichterei noch mehr schämen als der Sund. Euch zwei Lumpen aber hätt ich gute Lust, über einen wackern Stecken tanzen zu lassen, wenn ich heute nicht so vergnügt wär. Wiewohl, ihr brauchet mir nicht viel gute Wort zu geben, wenn ich euch soll den Gefallen tun."

Die Hirschbäuerin, die mit ihren Söhnen etwas vorausgegangen war, kam eilig zurück, um abzuwehren; aber weder ihre Ermahnung, noch das vielleicht kräftigere Einschreiten der beiden Söhne war vonnöten, denn die Getroffenen zogen mäuschenstille ab und wagten erst in weiter Entfernung wieder zu schimpfen und zu spotten.

Friedrich aber sagte zu seiner Braut: "Christine, bleib standhaft und mach mir kein' Streich. Du kannst mein'twegen Hochzeit und Kindbett am gleichen Tag halten, aber nur fein nacheinander, damit nicht ein Segen zu früh kommt und der ander zu spät."

"Sei doch ruhig", erwiderte sie, "das hat keine Not."

"Der Kuckuck hat's gesehen", fuhr er fort, "dass man sich dreimal proklamieren lassen muss. Gleich das erst'mal sollt man von der Kanzel vor den Altar kommen, damit einem die Welt keinen Prügel mehr in den Weg werfen könnt."

"Das wär doch nicht gut", meinte Christine dagegen. "Da könnt ja kein arm's Mädle mehr Einspruch tun, wenn ihr Schatz sie sitzen liess und liess sich mit einer andern zusammengeben."

"Ist auch wahr", sagte er. "Um der Untreu der Menschen willen müssen die Treuen mitleiden. übrigens möchte ich nichts mehr von einem, der mich einmal verkauft und verraten hätt, und was den Einspruch betrifft, so wird eine arme wunderselten dadurch ihr Recht erlangen, weil gleich alles zusammenhilft, dass sie geschweigt wird."

"Darum ist's eben das best, wenn man sich aufeinander verlassen kann", sagte Christine, "dann sind die drei Wochen Aufschub auch nicht zu lang."

"Gott geb's", erwiderte er, "aber ich wollt, sie wären vorbei."

Die zweite Proklamation, die am nächstfolgenden Sonntage stattfand, machte schon nicht mehr so viel aufsehen wie die erste; denn die Menschen fügen sich in vieles, und manche neue Erscheinung, die sie im ersten Augenblick mit Keulenschlägen empfingen, ist ihnen im Lauf der zeiten vertraut und befreundet oder, oft richtiger gesagt, zur Gewohnheit geworden.

An diesem Tage begehrte Friedrich von seinem Vater eine Unterredung, die er die ganze Woche schüchtern aufgeschoben hatte. Er stellte ihm vor, dass es jetzt höchste Zeit sei, an die Einrichtung eines kleinen Hauswesens zu denken, und dass