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"Du hast's, scheint's, vergessen, wohin dich dein Husarengriff geführt hat."

"Nein, ich weiss noch recht gut, dass man mir damals eröffnet hat, das Einsacken könnt man vielleicht meiner Jugend und Unverstand nachsehen, aber nach einem alten Reskriptich weiss nicht mehr, die Jahreszahl ist noch aus dem vorigen Jahrhundert gewesensollen ungeratene, unartige Kinder, bei denen der Eltern Zucht nicht anschlage, in Sprengen und eisernen Banden zu öffentlichen arbeiten angehalten werden, und sonach sei das Zuchtaus eigentlich eine Begnadigung für mich. Wenn Ihr es also meint, so könnt Ihr mich beim Amtmann und Vogt verklagen, wie Ihr mich beim Kirchenkonvent verklagt habt." – "Du schreckst mich nicht", dachte er bei diesen Worten, mit festem; Auge den unsichern blick seines Vaters festaltend.

"Sind das artige Kinder", fragte dieser, "die ihren Eltern das Korn im Sack aus dem Haus tragen?"

"Wisset Ihr nicht, Vater? der Crispinus hat Leder gestohlen, um den Armen Schuh draus zu machen, und hat's doch zum Heiligen gebracht, wiewohl er's, glaube ich, sogar bei Fremden gestohlen hat."

"Wir sind luterisch. Da gelten keine solche Späss."

"Nun, so machet doch endlich Ernst und bringet mich ins Zuchtaus. Dann muss eben die Hochzeit aufgeschoben werden, bis ich wieder rauskomm."

"Ich sag noch einmal, tritt zurück, so lang's noch Zeit ist."

"Nein, eher will ich mich stocken und blocken lassen. Entweder setzt mich ins Zuchtaus, wenn Ihr nichts Besseres wisset, oder gebet mir mein Mütterlich's heraus, damit die sache auf ein oder die ander Art endlich in Ordnung kommt."

"Zu deinem Hochzeitstag kannst's haben, wenn du von deinem Tugendspiegel nicht lassen willst, und kannst dann gleich auch Tauf davon halten. Ich möchte nur auch wissen, was du an ihr find'st. Ich will nicht weiter mit dir streiten, ob du dich mit dem Crispinus vergleichen kannst, aber wenn du das sein willst, so sag nur selber, was du von deiner Crispina hältst, die sich gestohlene Sachen zutragen lässt; denn d a s leid't kein Zweifel, d a machst mir nichts weiss."

"angenommen, es sei so, wisset Ihr denn, ob sie's weiss, woher ich's hab?"

"Sie wird wohl denken, es sei dir in der Hand gewachsen?"

"Vater, wenn sie reich war, so möchte sie tun, was sie wollt, Ihr würdet anders von ihr denken. Jetzt ist sie einmal mein, und das Kind, das sie unterm Herzen trägt, ist mein Kind und muss zu seiner Mutter einen Vater haben, wie ich zu meinem Vater eine Mutter haben sollt."

"So renn in dein Verderben, wenn du nicht anders willst", sagte der Alte, nahm das Licht und ging in seine kammer.

25

Richtig, das muss man sagen, hatte die Krämerin prophezeit. Nie war seit Jahren in dem doch so christlich gesinnten Flecken die Kirche so gefüllt gewesen wie an dem Sonntag, an welchem Friedrich mit Christinen proklamiert wurde. Ausser den Kranken und Gebrechlichen blieb niemand zurück, von den Gesunden fehlte nur die Familie des Sonnenwirts. Der alte Hirschbauer hatte alle die Seinigen in die Kirche geschickt: "die Mucken werden mich derweil nicht fressen", hatte er gesagt. Selbst der kleine Wollkopf hatte in dem Weiberstande neben seiner Mutter und Schwester Platz gefunden und hörte andächtig der Predigt zu. Wohl gab es ein Zischeln und Murmeln, und alles steckte die Köpfe zusammen, als der Pfarrer vor dem Segen die Verlesung der Paare, die in den heiligen Stand der Ehe treten wollten, begann, aber Friedrich blickte mutig nach der Kanzel und zugleich aufmerksam, ob der Pfarrer in seiner Verkündigung nicht vielleicht irgendein Zeichen seiner Abgunst einfliessen lassen werde. Es geschah jedoch nichts dergleichen, und er konnte es höchstens auffallend finden, dass der Pfarrer unter den zu verkündigenden Paaren ihm und seiner Braut die letzte Stelle angewiesen hatte; diese Ordnung konnte aber der Reihenfolge der Anmeldung entsprechen, somit eine zufällige sein. Der Pfarrer erteilte den Proklamierten und der Gemeinde den kirchlichen Segen, und Orgel und Choral beschlossen den Gottesdienst.

Beim Herausgehen aus der Kirche stiess Friedrich auf den Invaliden. "Was, Ihr seid auch in der Kirch gewesen, Profos? Hätt nicht geglaubt, Eure mürbe Knochen täten Euch so weit tragen. Aber 's ist mir eine Freud und eine Ehr. Nur wundert's mich, denn Ihr habt ja auch Mäus dagegen gehabt."

"Es bleibt dabei, dass Er nicht recht gescheit ist", sagte der Invalide. "Aber zu Seiner Hochzeit soll nichtsdestoweniger meine alte Lise krachen."

Friedrich drückte ihm die Hand und begab sich zu den Seinigen, die vor der Kirchentür warteten. Er führte seine Braut am arme, reichte dem kleinen Buben die andere Hand, und die neue Familie setzte sich, die Mutter und beide Söhne voraus, das Brautpaar hinter ihnen, in Bewegung. Wer von der Gemeinde den gleichen Weg hatte, ging spöttisch lächelnd an ihnen vorbei: auch konnten sie allerlei Bemerkungen hören. Doch schienen die Leute wenigstens das in der Ordnung zu finden, dass das Paar sich heute am arme führte; dass er, ohne gültig