demontirter Mörser, der noch nicht fortgeschafft werden konnte. Der Infanterie-Soldat, der als Schildwacht an der Batterie aufund abschreitet, zieht nur mit Mühe die Füsse aus dem klebrigen Schlamme hervor – überall sieht man Splitter, nicht gesprungene Bomben, verdorbene Waffen. Die Tranchee, die an dem inneren des berges hinauf läuft zum Eingang der Bastion, wird von den Leuten fast gar nicht mehr benutzt, sie setzen sich lieber den Gefahren des daneben her laufenden offenen Weges aus, statt bis an die Knie in dem dünnen Schlamm zu waten. Auch die Russen haben entsetzlich gelitten während des Winters durch das Schwert der Feinde und die gräulichen Lazaretfieber – aber ihr Mut, ihre Hingebung ist ungebrochen, und selbst das Matrosenweib in ihrer alten Schubeika und den Soldatenstiefeln schreitet keck und unbekümmert um die feindlichen Kugeln nach der Bastion, ihrem mann eine Suppe oder einen wärmenden Tränk zu bringen.
Bei Lieutenant B i r j u l e w , durch die grüne Marineschärpe kenntlich und durch viele kühne und glücklich geleitete Ausfälle während der letzten Zeit bei den Soldaten sehr beliebt, sassen mehrere Kameraden von verschiedenem Rang und verschiedenen Corps: kapitän T h o n a g e l vom 4. Sappeur-Bataillon, dessen Brust das Georgen-Kreuz schmückt für die Ingenieurarbeiten in der Mast-Bastion1, Oberstlieutenant S a z e p i n , Lieutenant T o k a r e w von den Ochotsker Jägern und der Fähnrich S s e m e n s k i .
"Sie waren in der Stadt bei dem Begräbniss, Sazepin," sagte der Sappeur-kapitän, "und es kann uns also nicht wundern, Sie heute so auffallend traurig zu sehen. Fühlt doch der geringste Matrose und Soldat gleich uns den Schmerz um den braven Istomin. Ich bitte Sie, erzählen Sie uns von dem Begräbniss des Wackern."
Der Podpolkawnik hatte Kopf und Arm auf das Knie gestützt in tiefes Sinnen verloren gesessen und fuhr jetzt aus diesem empor. "Ich weiss nicht," sagte er verstimmt, "was mit mir vorgeht, aber diese Bestattung mahnt mich unwillkürlich daran, wie bald auch mir die Stunde schlagen mag!"
"Bah – dafür sind wir Soldaten und müssen jeden Augenblick zum Abmarsch bereit sein," meinte Birjulew, seine Papiercigarre drehend. "Ueberdies haben Sie vorläufig keinen gefährdeten Posten, da Woschtschenski an Achbauer's2 Stelle getreten und die Trancheen von der Redoute 'Schwarz' bis zu uns vollendet sind."
Der Oberstlieutenant strich mit der Hand über sein Gesicht und entgegnete: "Sie haben Recht, – ich dachte nur einen Augenblick an Frau und Kinder, aber Jurkowski's Beispiel leuchtet uns vor, der jetzt am Malakoff kommandirt und erklärt hat, dass nur das Grab oder schwere Verstümmelung ihn von dort entfernen würden. Als man ihm gestern die Botschaft von seiner Frau aus Simpheropol brachte, die das erste Bombardement hochschwanger mit sechs Kindern hier mit uns erlebt, dass sie von der Cholera ergriffen dem tod nahe sei und ihn bitten lasse, nur auf einen Tag hinüber zu kommen, antwortete er: 'Nicht auf eine Stunde kann ich meinen Posten verlassen!'"
"Echt spartanisch!" brummte der Jägerlieutenant.
"Ja, spartanisch – spotten Sie immerhin. Tokarew! Die Taten des klassischen Alter hums reichen nimmer an diese Aufopferung, die wir täglich hier von dem Geringsten sehen, während er weiss, dass sein name spurlos in der Menge verschwinden wird. Oder wägt die Forderung der spartanischen Mutter: 'Mit dem Schilde oder auf dem Schilde!' etwa höher, als gestern die Antwort Ihres Kameraden Wickhort, da er schwer verwundet fortgetragen wurde und der General ihn fragte, welche Belohnung er wünsche, ob das Georgen-Kreuz oder Beförderung: 'Lassen Sie eine neue Bombenkanone auf die vierte Bastion bringen!'?" – Doch Sie wollen von Istomin's Begräbniss hören? In der Wladimir-Katedrale liegt er begraben gleich neben Korniloff, und Nachimoff, der Dritte im Bunde unserer Seehelden, beugte sich über die Gruft und ich sah seine Tränen fallen auf den Sarg. Aber er seufzte nicht nach dem gefallenen Waffenkameraden, sondern nach dem los, das jenem gestattete, die Entehrung der russischen Seeflagge nicht länger mit anzusehen, die Mentschikoff ihr auferlegt. Denn gleich darauf, als General Osten-Sacken ihm vorstellte, dass er ihm in seiner Eigenschaft als Truppenkommandant der Festung verbieten müsse, sich der Gefahr noch länger ebenso tollkühn auszusetzen, wie der Gefallene getan, da sein Leben für Russland unschätzbar sei, – da antwortete der Admiral ihm trotzig: 'Euer Excellenz würden dasselbe tun, wenn man Ihnen den Säbel ander Hand nähme und Sie mit einer Fuchtel bewaffnen würde.'
Der Marinelieutenant reichte dem Erähler die Hand: "Er hat Recht – Gott möge ihn wenigstens uns erhalten. Aber dennoch meine ich, hat die Marine auch hier auf dem land ihre Schuldigkeit getan."
"Das hat sie – und der Ruhm der Verteidigung Ssewastopols gehört ihr zur grossen Hälfte. Jetzt schmälert sie uns Soldaten ihn noch bei den Ausfällen, bei denen sie immer voran!
Haben Sie Ihre näheren Instructionen schon erhalten für heute Abend, Herr Kamerad?"
Birjulew halte sich leicht für das Compliment verneigt. "Noch nicht, Herr Oberstlieutenant. Ich kenne nur im Allgemeinen den Zweck und weiss allein, dass unsere Diversion zur Unterstützung der Hauptattaquen unter Generallieutenant Chrulef von der Kamtschatka-Lünette und der griechischen Freiwilligen des Fürsten Morusi von der Bastion III.