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, aber mit stets gleicher Kühnheit ununterbrochen die Feinde in Allarm gehalten und sie gezwungen, zu allen Stunden eine zahlreiche Menge Truppen in den Trancheen zu halten, was die durch Krankheit, Mangel und Witterung erschöpften Armeen noch mehr aufrieb. Die Namen G o l o w i n s k i , B i r j u l e w , T i t o f , Actachof, Sawalischin, Rudakowski und andere mehr, werden als die kühner Führer gewagter Unternehmungen immer glänzen auf den Blättern der russischen Kriegsgeschichte jener Tage.

Doch nicht auf solche Ueberfälle allein beschränkte sich die Taktik der Kommandanten. Wir wissen aus dem mund des Kaisers selbst, wie gut man den gefährdetsten und wichtigsten Punkt der Festung auf russischer Seite kannte, den MalakoffHügel (weissen Hügel) mit seinem Turmjetzt zum Andenken an den gefallenen Helden die K o r n i l o f s k i – B a s t i o n genannt. Daher galt es, hier die Verteidigungswerke auf das Möglichste zu stärken.

Totleben war rastlos tätig im Entwerfen neuer Pläne und das tapfere GenieCorps der Festung unermüdlich in ihrer Ausführung. Mit zauberhafter Schnelle wuchsen über Nacht neue Werke empor und die erstaunten Feinde sahen am Morgen Wälle und Schanzen, wo sie vielleicht schon am nächsten Tage ihre Pakallelen zu ziehen gehofft hatten.

Gegen die unterirdischen arbeiten der Franzosen, namentlich vor der Mast-Bastion, wurde mit Erfolg ein System von Contreminen geführt. ContreApprochen und Feldwerke wurden zur Deckung des linken Flügels vergeschoben. Das Selenginski'sche Regiment erbaute in der Nacht zum 23. Februar auf der rechten Seite der Kilenschlucht, also auf seiter dem Gegner preisgegebenem Gebiet, die nach ihm benannte Redoute, so überraschend und plötzlich, dass der verduzte Feind den Bau nicht einmal zu stören suchte. Erst in der folgenden Nacht versuchte General Monet mit 5 Bataillonen die Russen aus den noch unvollendeten und noch nicht armirten Werken zu vertreiben, wurde aber mit furchtbarem Verlust durch das Bajonnet und das Feuer der auf der Rhede ankernden Dampfschiffe "Wladimir", "Chersones" und "Gromouosz" zurückgetrieben.

In der Nacht zum 1. März wurde noch weiter vorgeschoben ein zweites Werk erbaut, die Wolinski'sche Redoute. Beide, durch Trancheen verbunden und Schützengruben vor sich, deckten jetzt den linken Flügel der russischen Stellung, die Bastione I. und II. bis gegen den Malakoff hin. Auch bei diesem kamen die russischen Ingenieure den arbeiten der Franzosen zuvor, welche in Folge des dürch General Niel angeratenen neuen Angriffssystems jetzt den Posten der Engländer auf dem rechten Flügel (also gegen Bastion I., II. und III.) [Malakoff] eingenommen hatten, und erbauten in der Nacht zum 11. März auf einem etwa tausend Schritt vor der KornilofskiBastion liegenden und dieselbe bestreichenden wichtigen Hügel die Lünette Kamtschatka.

Von diesen drei so kühn vorgeschobenen Werken aus bedrohten die Russen die Belagerungsarbeiten durch fortwährende neue Ausfälle, während der Feind wiederholte Stürme auf diese Werke unternahm, die Ströme von Blut kosteten, aber tapfer zurückgeschlagen wurden, so namentlich der Sturm auf die Lünette am 17. März.

Am 20. März war der neuernannte OberBefehlshaber der KrimmArmee. Fürst G o r t s c h a k o f f , in Ssewastopol eingetroffener kam, um den Tod eines der Helden von Ssewastopol, des jungen ContreAdmirals I s t o m i n , zu betrauern, der am Tage vorher bei dem Bombardement, das die Verbündeten gegen die SchifferVorstadt und die Werke des linken russischen Flügels gerichtet, deren Kommandant er war, in der KamtschatkaLünette getödtet worden.

Am 22. März endlich hatten die Franzosen die Schützengruben vor der Lünette erobert; – die Engländer hatten die Aufmerksamkeit für den Bau der neuen russischen Werke benutzt, um ihrerseits vom sogenannten grünen Hügel aus, der ChapmanBatterie zwischen dem Labordonaja- und SarakandinaGrund, eine dritte Parallele gegen den R e d a n – die Bastion Nr. III. – vorzutreiben. Sofort beschloss der Fürst, die Gegner aus diesen Stellungen zu werfen.

Es war am Nachmittag des 22. März; – die MastBastion, von deren Höhe wir der Eröffnung der Kanonade auf die bedrängte Stadt beigewohnt, war nebst ihren Aufgängen und bedeckten Wegen gefüllt mit Soldaten, die, in Gruppen umherlagernd, ihre Waffen in Stand setzten, kochten oder schliefen.

Es sind Jäger der 30. und 45. Flotten-Equipage, des Ochotski'schen Jäger-Regiments und des 6. Wolinski'schen Reserve-Bataillons ausser der Besatzmannschaft der Bastion; das Feuer, das mit den gegenüberliegenden französischen Batterieen gewechselt wurde, ward von beiden Seiten nur schwach und in Intervallen unterhalten. Schärfer und rascher donnerte es von dem östlichen Ufer der Südbucht herüber.

Eine ernste feierliche Stimmung schien in der ganzen zahlreichen Besatzung vorzuherrschen und das Gespräch der Offiziere belehrte alsbald über die Ursache.

Vor einer der Erdhütten, die am Eingang der Bastion zahlreich zum Schutz gegen die feindlichen Kugeln gegraben waren, sass eine Gruppe von Offizieren, in ihre grauen Mäntel gekleidet, rauchend und sprechend. Das Werk bot jetzt freilich einen sehr verschiedenen Anblick gegen damals, als die Belagerung eröffnet wurde. Der Platz ist schmuzig, von allen Seiten mit Schanzkörben, frischen Erdaufschüttungen, Kellern, Plattformen, Erdhütten umgeben. Grosse eiserne Geschütze stehen umher und Kugeln liegen in unregelmässigen Haufen dabei. In der Mitte, halb versunken in den Kot, liegt ein