zerrissenen Glieder umherfliegen zu sehen, – ein Krachen, ein Zifchen, einzelne Eisenstücke der springenden Bombe flogen durch die Luft – dann war Alles bis auf die Rauchwolke über dem unglücklichen Platz verschwunden und nur ein vereinzeltes Feuer der Geschütze aus den russischen und englischen Batterieen unterbrach in regelmässigen Intervallen die furchtbare Stille.
Die Männer in der Grube waren zurückgetaumelt in deren Inneres bei dem Anblick, dessen Schrecken die Blitzesschnelle und Undeutlichkeit noch vergrössert hatten. Der kapitän hatte die Augen mit der Hand bedeckt. – "Der Allmächtige sei ihren Seelen gnädig! – sieben wackere Bursche, wie sie die Küsten Englands nur jemals in Kampf und Tod gesandt, sind in einem und demselben Augenblick zur Ewigkeit abberufen."
"Wie, kapitän," sagte der Fähnrich, "sie sollten Alle getödtet sein? Vielleicht sind Einzelne nur verwundet – –"
"Die Bombe muss mitten unter sie geschlagen sein, selbst der Mann, der sich trotz des Luftdrucks zu retten versuchte, musste zu Atomen zerrissen werden. Das Schreckliche kommt glücklicherweise nur selten vor, aber der traurige Fall vor uns ist nicht der einzige und wird nicht der einzige bleiben. Lassen Sie uns ein Vaterunser beten als gute Christen für Sergeant M'Mahon und seine Tapfern, und dann leben Sie wohl, denn die Russen haben eine Pause gemacht mit ihren höllischen Kartätschen und ich muss sie benutzen. – In zwei Stunden werden Sie abgelöst, wenn wir dann noch am Leben sind."
Es war finster geworden während der letzten Scene und kapitän Stuart schien im Schutz der Dunkelheit glücklich auf seinem Stationsposten angekommen zu sein, denn etwa eine halbe Stunde nach seiner Entfernung, die er grösstenteils auf dem Boden fortkriechend bewirkt hatte, sah man von dort eine blaue Leuchtkugel emporsteigen als Zeichen für die Laufgrabenwachen, auf ihrer Hut zu sein.
Die Russen schienen jedoch an Nichts weniger zu denken, als an einen Ueberfall. Das Feuer war nach und nach schwächer geworden und hatte endlich ganz aufgehört. Der Wind hatte sich nach Süden gewendet und es trat Tauwetter ein. Von den Tschernaja – Höhen und der Nordseite der Festung leuchteten grosse Wachfeuer, – die öffentlichen Gebäude in der belagerten Stadt schienen illuminirt, selbst in den Batterieen sah man Lichtreihen hin- und herziehen. Und jetzt klang durch die eingetretene Stille majestätisch von der Stadt her, wie in jener Nacht vor Inkermann, das volle Geläut aller Glocken, das die Bewohner und die Besatzung zur Wladimir – Katedrale und den andern Kirchen der Stadt rief.
Die Engländer wussten sich anfangs die Erscheinung nicht zu erklären, bis der Fähnrich sich erinnerte, dass der gregorianische Kalender um zwölf Tage zurückdatire und die Russen daher an heutigen Abend erst ihr Neujahr feierten.
Der Schein der Freudenfeuer machte einen traurigen Eindruck auf die armen, halb verhungerten und erfrorenen Teufel in den britischen Laufgräben und vorgeschobenen Posten, und sie harrten mürrisch und nur selten ein Wort wechselnd, von Krankheit und Gefahren zum tod erschöpft, der Ablösung, die nun bald im Schutze der Nacht kommen musste.
In der Tat hörte man, als die Zeit herannahte, Tritte – doch das krieggewohnte Ohr des Corporals wollte darin nicht den Schritt der Patrouillen, sondern das compacte Marschiren einer grossen Masse erkennen. Der Fähnrich hatte erst bei dem eingetretenen Tauwetter empfunden, dass einer seiner Füsse erfroren war und nur mit Mühe bewegt werden konnte. – Mick, der Irländer, spähte für ihn am rand der Grube.
"So wahr ich im Fegefeuer schwitzen werde, wenn mich nicht irgend eine Seele herausbetet," sagte der sorglose Bursche. "Ihl habt Unrecht, Corporal. Ich höre deutlich das Kommando von den Laufgräben her kommen und meine Ohren sind gross genug, um so eben ein gesegnetes Goddam zu verstehen."
"Dann kommt Freund und Feind zugleich," flüsterte der alte Soldat, "denn von der Bastion her naht eine dunkle Reihe und ich höre ihren Tritt! – Feuer, Kameraden, dass wir die Unsern warnen!" – Er schoss sein Gewehr in die Nacht hinein ab. Ein donnerndes "Urrah" antwortete dem Schuss und verkündete, dass er Recht gehabt. Dann stürmte unter wildem Kampfruf eine breite, festgeschlossene Reihe über die Fläche daher und gegen die Gruben und die erste Linie – – –
Fussnoten
1 Offizielle Zahlen. 2 Wir benutzen zu diesen Schilderungen die w ö r t l i c h e n B e r i c h t e der T i m e s , um uns gegen den Vorwurf der Uebertreibung zu sichern!
IV. Der Ausfall. Die Russen.
Die Nachricht von dem tod des Kaisers hatte zunächst dumpfen Schrecken und Schmerz – dann das Gefühl erbitterter Rache in den Herzen der braven Besatzung von Ssewastopol hervorgerufen.
Man hatte die erste Kunde durch einen Ueberläufer aus dem Lager der Alliirten erhalten – das electrische Fluidum über Wien und Varna lief rascher, als die Couriere über Moskau und Perecop.
Jeder Zusammenstoss mit dem Feinde ward seitdem noch blutiger, mörderischer, denn zuvor. Das Testament des Kaisers, sein letzter Gruss an die Tapfern hatte die Begeisterung, den Fanatismus zum wildesten Hass gesteigert.
Wir haben bereits erwähnt, dass seit der Uebernahme des Kommando's in Ssewastopol durch den General-Adjutanten Baron Osten – Sacken das Verteidigungssystem ein anderes geworden. Man war aus der Defensive in die Offensive übergegangen, und in der Tat waren während fast dreier Monate die Belagerer mehr die Belagerten, als die Garnison der Festung.
Seit der Nacht zum 11. December hatten die Ausfälle der Besatzung mit wechselndem Glück