1855_Goedsche_156_91.txt

n Arbeit und ihre Werke folgen ihnen n a c h !"

Fussnoten

1 1829 von Graf Orloff geschlossen. 2 Neuenburg!!! 3 Der französische Gesandte in Wien. 4 Das Institut der zahlreichen General- und FlügelAdjutanten des Kaisers bildete gleichsam seine Executive. Als Vollstrecker seiner persönlichen Befehle flogen sie nach allen Richtungen des weiten Reichs, Strafe, Reform und Belohnung bringend. 5 Dies Tuch wurde später von der Kaiserin einem der treuesten Verehrer und Freunde ihrer Gemahls, dem bekannten Vorleser seiner Majestät des König von Preussen, Hofrat L o u i s S c h n e i d e r , als erhabenes Andenken an den grossen toten übersandt.

III. Lagerbilder. Die Engländer.

Mit dem Orkan am 14. November hatten die furchtbaren Leiden der englischen Armee vor Sebastopol begonnen. Der wolkenbruchartige Regen hatte dazu die ganze Gegend von Balaclawa bis zur Front in einen Sumpf verwandelt und die Verwüstungen, die er angerichtet, waren über alle Beschreibung. Von sämtlichen ohnehin äusserst schlecht construirten Zelten blieben nur drei im ganzen Lager stehen, – der Sturm war so heftig, dass er ganze Gefährte umwarf, Tische und Balken fortschleuderte, dass sich die Menschen am Boden festalten mussten, um nicht fortgerissen zu werden, und dass die Soldaten verzweifelt danach riefen, zum Sturm gegen die russischen Batterieen geführt zu werden, weil sie wenigsten durch die Kartätschen umkommen wollten und nicht durch den Orkan. Die fliegenden Lazarete, welche die mehr als jämmerliche Sanitätsverwaltung in Zelten eingerichtet hatte, wurden in den ersten Stunden schon zerstört, der Sturm brach die Stützen, riss die Zeltdecken fort und die Kranken wälzten sich in dem fusshohen Schlamm, überströmt von dem Regen. Stabsoffiziere und Gemeine krochen mit den notdürftigsten Kleidungsstücken, die sie aus der umherwirbelnden Zerstörung gerettet, in den Schutz von Hügeln, Erdwürfen und Feldmauern; selbst die kommandirenden Generale unterlagen dem allgemeinen Elend, Lord Lucan z.B., der Befehlshaber der Kavallerie, musste stundenlang bis an die Kniee im Schlamme zwischen den Trümmern seiner Hütte sitzen. Gegen Mittag war Schneegestöber eingetreten und die Berge ringsum waren bald in eine weisse Decke gehüllt. Viele Soldaten fand man am Morgen vor Kälte und Nässe umgekommen. Mitten in der Nachtwährend aller Schrekken der naturüberbrüllte eine furchtbare Kanonade von den Batterieen Sebastopols die Wut des Sturmes, und die Bomben zischten und prasselten in weiten Bogen durch die zürnenden Lüfte.

Aber die schwersten Folgen des Orkans kamen erst nach. Während in der Kamiesch-Bucht, dem französischen Ausschiffungpunkt, unter der krieges- und Transportmarine die grösste Ordnung herrschte, war in Balaclawa eine Verwirrung und Willkür, wie sie keine Feder beschreiben kann. Eine grosse Anzahl von Transportschiffen, mit Lebensmutteln, Fourage und Lagerbedürfnissen belastet, hatte auf Befehl draussen vor dem Hafen auf einem felsigen Meeresgrund von 35–40 Faden Tiefe vor Anker geben müssen, von 1200 Fuss hohen Felsen umgeben, obgleich es bekannt war, dass die Rhede in dieser Jahreszeit heftigen Stürmen ausgesetzt ist. Bei dem Orkan gingen diese Schiffe mit vielen Mannschaften elendiglich unter, sie zerschellten an den fürchterlichen Klippen, deren Anblick allein schon das Herz des kühnsten Seemanns mit Entsetzen füllen kann. Dadurch entstand Mangel an Lebensmitteln und Fourage. Man hatte überdies versäumt, den Weg von Balaclawa nach dem Lager während der trockenen Witterung auszubessern, und er befand sich jetzt durch das Regen- und Schneewetter in einem Zustande, dass er einer tiefen Kloake glich und der Transport fast unmöglich wurde.

In der Nacht des 28. November war überdies die Cholera ausgebrochen und ihre Verheerungen steigerten sich von Tage zu Tage. Schon zu Anfang December starben im englischen Lager durchschnittlich täglich 80 bis 90 Menschen. Ausserdem wüteten der Scorbut und böse Fieber. Von den 20 Schiffslieutenants der Marine-Brigade konnten am 1. December nur noch f ü n f Dienste tun. – – –

Es war am Nachmittag des 13. Januar. – Die vor den englischen Linien gegen den Malachof angelegten Schützengruben waren mit Scharfschützen von verschiedenen Regimentern besetzt. Jede der Gruben, mehr als 100 Schritte vor den äussersten Linien, fasste 10 Mann incl. eines Offiziers und war für beide Parteien eine der gefährlichsten Waffen. Sie bildeten förmlich vorgeschobene Redouten, verlorene Posten, allnächtlich den Angriffen des Feindes ausgesetzt, aus denen aber während des Tages durch die Lücken der den Rand umgebenden Erdsäcke ein scharfes Büchsenfeuer auf Alles unterhalten wurde, was sich ausserhalb des Schutzes der Wälle oder der Laufgräben sehen liess. Wer den Kopf über die Brüstung neugierig erhob, konnte sicher sein, im nächsten Augenblick ein halbes Dutzend Kugeln um seine Ohren pfeifen zu hören, wenn er sie überhaupt noch hören konnte.

Die Mannschaften in den Laufgräben wurden nur alle 24 Stunden abgelöst und die Schwäche der englischen Armee war bereits so gross, dass die Soldaten wöchentlich drei bis vier Mal diesen anstrengenden Dienst hatten. Eben so erfolgte die Ablösung in den Gruben nur alle 24 Stunden und jedes Mal bei Nacht, da während des Tageslichts die Batterieen des Feindes das Terrain nach allen Richtungen bestrichen.

Wir führen den Leser in das Innere einer solchen Grube, um ihm eine probe zu geben von den furchtbaren Schrecken, welche die englische Armee nicht decimirten, sondern bereits fast vernichtet hatten.

Ein Offizier vom 95. Regiment, der uns bereits bekannt ist, jetzt in Folge der InkermannSchlacht kapitän S t u a r t , befand sich in der mittleren Grube. Ausser ihm waren ein Fähnrich und sieben Mann darin, – der Zehnte fehlte, man hatte seine Leiche vor einer Stunde