steigerten sich nur langsam die Erscheinungen der Krankheit – erst in der Nacht zum 1. März verschlimmerten sie sich reissend und am Abend dieses Tages gaben die ärzte die Hoffnung auf. Auf ihren Wunsch baten die Kaiserin und der Tronfolger den Kranken, das heilige Abendmahl zu nehmen.
Die Kaiserin hatte die ganze Nacht am Lager ihres Gemahls mit seinem Leibarzt zugebracht. Es war 3 Uhr Morgens, als dieser dem Kaiser eröffnete, dass seine Lunge in starke Mitleidenschaft eingetreten und eine Zähmung derselben zu befürchten sei. Der Herr von Millionen von Menschenleben verstand, dass der G r ö ss e r e seine Zeit beschlossen habe. Keine Muskel in dem ternen Antlitz zuckte, als er sich mit der Frage an seinen Arzt wandte: "So muss ich sterben?"
drei Mal setzte der treue Diener an, das verhängnissvolle "Ja" auszusprechen, – die stimme versagte ihm, erst beim dritten Mal kam es über seine Lippen.
Der Kaiser faltete ruhig die hände – sein grosses Auge wandte sich nach Oben – das Ohr des Arztes allein vernahm das leise Wort, das er flüsterte – es hiess: "Russland!"
Mit freundlichem blick wandte sich der dem tod geweihte Herrscher dann zu dem Verkündiger der furchtbaren Botschaft und sagte, ihm die Hand reichend: "Ich danke Ihnen. Woher haben Sie den Mut gehabt, mir dies zu sagen?"
Dr. Mandt erwiderte, dass er nur ein Versprechen erfüllt habe, was er ihm früher gegeben; dass er es für seine Pflicht gehalten, weil er wisse, dass Er die Wahrheit hören und ertragen könne.
Der Kaiser nickte. Dann verlangte er das heilige Abendmahl und empfing es ruhig und gefasst – sein starker Geist hatte mit dem Himmel seinen Frieden geschlossen, wie er ihn jetzt mit der Erde schloss. Er nahm Abschied von der Kaiserin, den kaiserlichen Kindern und Kindeskindern, segnete und küsste jeden Einzelnen mit fester stimme dabei den Segen sprechend und ihnen Grüsse auftragend für die beiden entfernten Söhne auf den Schlachtfeldern von Ssewastopol. Die Familie musste sich dann entfernen, er behielt nur die Kaiserin und den Tronfolger bei sich.
Das geschah 4 Uhr Morgens.
Gegen sechs Uhr bat er die Kaiserin, sich etwas zur Ruhe zu legen. Ihre Antwort war: "Lass mich bei Dir, ich möchte mit Dir heimgehen, wenn es möglich wäre!" – Der Kaiser sagte darauf: "Nein, Du musst noch hienieden bleiben; sorge für Deine Gesundheit, damit Du der Mittelpunkt der ganzen Familie sein kannst. Gehe nur, ich werde Dich rufen lassen, wenn der Augenblick herannaht."
Jedes Wort bei diesem erhabenen Sterben war einfach und erhaben wie der Scheidende selbst.
Die Kaiserin verliess still weinend das Gemach – als sie die Schwelle überschritten, mussten ihre Kammerfrauen sie forttragen.
Der sterbende Herrscher liess dann die Grafen Orloff und Adlerberg, den Minister des kaiserlichen Hauses, und den Kriegsminister Fürsten Dolgorucki eintreten – diese drei Männer aus seiner Jugend, die ein ganzes Menschenleben neben treuen Untertanen ihm treue Freunde gewesen waren.
Der Kaiser dankte ihnen für diese Treue und nahm Abschied von ihnen. Sein Auge begegnete ruhig und fest dem unruhigen vorwurfsvollen blick Orloff's. Später liess er seine spezielle Dienerschaft kommen, segnete sie und nahm Abschied von ihr. Der ersten Kammerfrau der Kaiserin, von Rohrbeck, dankte er besonders für ihre Pflege dieser und trug ihr einen Gruss auf an sein liebes Peterhof.
Der Kaiser, schon schwer atmend, befahl hierauf selbst, seinen nahen Tod nach Moskau, Warschau und Berlin zu telegraphiren und traf mehrere Anordnungen für sein Begräbniss, das er möglichst einfach wünschte. Dann – es war gegen 10 Uhr – wandte er sich mit der Frage an den Arzt, wie lange der Prozess der Auflösung zu dauern pflege.
Weinend antwortete ihm Dr. Mandt: "Zwei Stunden."
Jetzt trat eine schreckliche Stille ein – die Sprache hatte den Kranken verlassen – er betete still, sich oft bekreuzend, nachdem er die Hand seiner zurückgekehrten Gemahlin in die des Ober-Presbyter Bajanow, seines Beichtvaters, gelegt.
Diese Zeit der Stille war erhaben furchtbar. Die Hand der Gattin trocknete zitternd von Zeit zu Zeit mit ihrem Tuch die Perlen des Todesschweisses von der bleichen Stirn des Sterbenden5. –
Bald nach elf Uhr wurde der Tronfolger abgerufen und entfernte sich leise. Als er zurückkehrte, hielt er zwei Briefe in der Hand – die der so eben eingetroffene Sohn des Fürsten Menschikoff nebst den Depeschen über den Reiterangriff Chruleff's auf Eupatoria überbracht hatte.
Der blick des durch das Geräusch aufmerksam gemachten Leidenden traf den Tronerben. Dieser beugte sich über ihn und flüsterte: "Briefe von meinen Brüdern aus Ssewastopol – willst Du sie lesen?"
Der Kaiser winkte verneinend – er hatte die Sprache wiedergefunden und sagte laut: "Es würde mich wieder auf die Erde zurückführen! Grüsse meine tapfern Soldaten von Ssewastopol und danke ihnen in meinem Namen!"
Einige Minuten nachher sprach er mit eben so kräftiger stimme: "Ditez à Fritz, de rester toujours le même pour la Es war sein letzter Gruss an die Erde – sein TestaDer letzte Todeskampf begann – lange noch ruhte Sie beteten für ihn – er betete mit ihnen, dass Gott Um 12 Uhr 10 Minuten verkündete Dr. Mandt, dass Nach dem Urteil der ärzte ist selten ein Mensch Von Berlin brachte der Telegraph – zum ersten "S e l i g s i n d d i e T o d t e n , d i e i