achtmalhunderttausend Francs auf Morgen Mittag 12 Uhr für uns disponibel zu halten. Wir brauchen grade österreichische Papiere und werden sie auf die gewöhnliche Weise in Empfang nehmen lassen."
Der Banquier erbleichte leicht, fasste sich aber rasch. "Sie werden zu Ihrer Disposition sein."
Ein scharfer durchbohrender blick sprühte aus der verhüllenden Maske. "Ist das auch gewiss, Herr Baron, werden wir die Metalliques vorfinden?"
Das Gesicht des Befragten überzog sich mit fahler Blässe, dennoch wankte er nicht unter dem Schlage, sondern entgegnete mit fester Stirn: "Ich werde die Ehre haben, Ihnen meine Kasse zu öffnen, das Geld befindet sich darin."
Die Worte waren kaum ausgesprochen, als der Vorhang hinter der Tafel auseinanderrauschte und in einer dunkel behangenen weiten Nische zwei Männer sichtbar wurden, die dasselbe verhüllende Kostüm trugen, wie ihr Gefährte. Der Eine war eine grosse breitschultrige Gestalt, der Andere klein, offenbar schwächlich und verwachsen. Alle Mitglieder der Tafel standen auf, – der Geldmann vor ihr trat unwillkürlich einen Schritt zurück und beugte das Haupt.
"Einen Augenblick," sagte die ernste dröhnende stimme des grösseren der neuen Zeugen, "ich möchte Sie fragen, Gehorchender, ob dieser Auszug über den gegenwärtigen Bestand Ihrer Kasse richtig ist? Danach ist dieser Bestand an Aktien der österreichischen Bank nur 2000 Gulden, baar vielleicht 40,000 Francs, die in diesem Moment wahrscheinlich in Wechseln in Ihrer tasche oder in Ihrem Koffer sind; aber von den Ihnen anvertrauten Metalliques gibt es in Ihrer Kassette keine Spur."
Der Baron war vernichtet. "Ich hatte Forderungen zu decken –" stammelte er endlich, "das Geld ist nicht verloren – ich habe Speculationen – gönnen Sie mir nur Zeit."
Der Grosse lachte verächtlich. "Armer Narr, wenn wir das nicht wüssten, lebten Sie bereits nicht mehr, um hier von Ihrem Verhalten Rechenschaft zu geben. Merken Sie sich die Lection, der nächste Bruch des Vertrauens wird mit Ihrem Herzblut gesühnt! – Hätten Sie uns Ihre Absicht, auf die Escompten-Bank zu speculiren, mitgeteilt, so würden wir dem gar nicht widersprochen haben, und Sie hätten nicht auf eigene Rechnung sieben Procent an dem Verkauf der Papiere verloren. So wie es ist, tragen Sie den Schaden. Sie werden nach Wien reisen und das Escomptengeschäft in Ordnung bringen. Je mehr Aktien Sie erwerben, desto besser. Es ist nötig, dass wir die Majorität der Stimmen benützen. – Doch haben wir noch ein anderes und besseres Geschäft für Sie. Dies Memoir werden Sie, nachdem Sie es sich zu eigen gemacht, in einer Audienz an Herrn von Bach in Wien persönlich übergeben und ihm Vortrag darüber halten. Es betrifft den Vorschlag zum Ankauf der österreichischen Staatsbahnen für Rechnung einer zu bildenden Gesellschaft. In diesem Portefeuille finden Sie 2 Millionen Gulden in Wechseln auf Sina und Eskeles; fünfzigtausend davon werden Sie nötigenfalls für die Beamten verwenden, von deren Empfehlung das Geschäft abhängt, den Rest stellen Sie dem Premier sofort zur Disposition als Anzahlung auf den Kauf. Die weiteren Auseinandersetzungen und Bedingungen finden Sie in den Papieren."
Der adlige Banquier ergriff erfreut das Portefeuille, prüfte aber als Geschäftsmann sorgfältig die darin entaltenen Anweisungen. Dann steckte er Alles zu sich und versicherte hoch und teuer, dass man volles Vertrauen in ihn setzen könne.
"Sie werden selbst am besten dabei fahren," sagte der grosse Verhüllte, "denn ich schwöre Ihnen, Ihr Leben ist keinen Schuss Pulver mehr wert, wenn Sie im Geringsten nochmals von der Ihnen vorgezeichneten Bahn abweichen. Jetzt, Herr Baron, reisen Sie mit Gott und – denken Sie Ihres Auftrags zu jeder Zeit und an j e d e m Orte."
Der Agent verneigte sich dankend und verliess, etwas weniger sicher, aber leichtern Herzens, als er gekommen, das Gemach.
"Jetzt, meine Brüder," nahm der zuerst Eingetretene der drei das Wort, "ist unser Geschäft für heute beendet. Sie werden die nötigen Anstalten treffen, dass unsere Missionaire genügend überwacht und geleitet werden. Seien Sie tätig in sämtlichen Sectionen, Sie wissen, wie wichtig die Gegenwart ist. Wenn ganz Europa erst in Krieg verwickelt worden, kommt die Zeit unserer Ernte. Die Monarchieen schwächen sich durch die Opferung ihrer Armeen; England wird seine Zuflucht wiederholen müssen, Fremdenlegionen in allen ihm zugänglichen Staaten zu bilden, deren Kern unsere Gehorchenden sein werden. Ist der Zeitpunkt der Erschöpfung gekommen, haben wir die Kämpfe zu dem Ende geleitet, das wir bezwecken, dann ist es Zeit, den Boden zu bestimmen, auf dem unsere Siege erfochten werden müssen, und dieser Boden wird zwei Weltteile umfassen. Wann die h ö c h s t e G e w a l t im Einzelnen oder insgesamt Ihren Sitzungen wieder beiwohnen kann, ist leider unbestimmt; darum leben Sie wohl bis dahin."
Der Verwachsene winkte mit der Hand, einen Augenblick zu warten. Ein leiser schrillender Ton liess sich hören, und aus dem Druckapparat eines electrischen Telegraphen, der unter einer entsprechenden Scheibe an der Wand der Nische angebracht war, schob sich langsam ein Streifen Papier, mit Punktirzeichen versehen. Er nahm denselben, las die Chiffreschrift und sagte lachend mit offenbar italienischem Accent: "Graf Walewski hat sich an den Tuilerieen beurlaubt und ist zu Mademoiselle Rachel gefahren. Dem Polizeiminister meldet man so eben, dass die Spione am Invaliden-Hotel keine Spur entdecken konnten. Mit dem Abendzug ist ein Courier von Petersburg für Herrn von Kisseleff eingetroffen