Brüllow in der Kapelle von Sarskojé-Sélo copirt, denn der mächtige Herrscher beschäftigte sich oft in den wenigen Erholungsstunden, die er sich gönnte, mit der schönen Kunst der Farben. Dann, den Kopf erhebend, sprach er fest sein Lieblingswort aus: "Und jetzt – i m D i e n s t !"
Seine Hand drückte auf die Feder der kleinen Glokke – der diensttuende Kammerherr trat ein.
"Wollen Sie so gut sein, lieber Baron," sagte der Kaiser freundlich, "und Befehl geben, dass mein Schlitten vorfährt?"
"Euer Majestät wollen ausfahren?" stammelte dieser erschrocken.
"Warum nicht? – Die Garde-Reserven der Regimenter für Littauen sind zur Revision in der Reitbahn kommandirt; ich bin nicht gewohnt, auf mich warten zu lassen. Tun Sie also nach meinen, Wunsch."
Der Kammerherr entfernte sich – wenige Minuten darauf kehrte er zurück, um anzuzeigen, dass der Befehl erteilt worden. Der Kaiser hatte bereits den Helm aufgesetzt und den Mantel umgenommen. – "Majestät," sagte der treue Diener, "im Vorzimmer warten der Geheime Rat Mandt und Staatsrat Karell. Sie bitten, vorgelassen zu werden." – Er hatte die Augenblicke benutzt, die beiden harrenden ärzte von der Absicht des Kaisers in Kenntniss zu setzen.
"Ich weiss, ich weiss!" sagte dieser ungeduldig, "aber ich habe jetzt keine Zeit, später – am Abend oder morgen!"
Er ging an dem Kammerherrn vorbei durch die Reihe der Vorzimmer nach der grossen Treppe zu. Im zweiten fand er die beiden Leibärzte.
"Entschuldigen Sie, meine Herren," sagte der Kaiser, halb scherzend, im Vorübergehen, "aber ich bin in grosser Eile. nachher stehe ich Ihnen mit Puls und Atem zu Diensten." – Sein erster Leibarzt, Dr. Mandt, ein geborener Preusse, dem er stets grosses Wohlwollen und Vertrauen bewiesen, trat ihm jedoch kühn in den Weg. – "Euer Majestät wissen vielleicht nicht, dass draussen eine Kälte von mehr als 23 Grad herrscht. Wenn Euer Majestät meine Bitten auch nicht beachten, so flehe ich Sie wenigstens an, das Urteil meines Collegen Dr. Karell anzuhören. Es ist meine Pflicht, darauf zu dringen."
Der Kaiser war stehen geblieben, – ein Hustenanfall erschütterte heftig den kräftigen Körperbau trotz aller Anstrengungen, die er machte, ihn zu unterdrükken. Zwei scharf begränzte rote Flecken zeigten sich auf seinen Wangenknochen – er sah die beiden ärzte ernst aber nicht missbilligend an.
"So reden Sie!"
"Sire," sagte Dr. Karell mit fester stimme, "kein Militairarzt in der ganzen Armee würde einem Soldaten, der so krank wie Euer Majestät ist, erlauben, das Hospital zu verlassen, weil er sicher ist, dass der Patient es nur kränker wieder betreten wird."
"Ich kann dem Urteil des Dr. Karell nur beistimmen," fügte Mandt hinzu, "und wiederhole als Arzt die Forderung, als Untertan die ehrfurchtsvolle Bitte, dass Euer Majestät in Ihr Zimmer zurückkehren."
Das Schweigen des Kaisers war nur kurz – seine stimme ruhig und den unbeugsamen Entschluss verkündend, der keine Widerrede mehr duldet, als er sagte: "Ich danke Ihnen, meine Herren; S i e haben Ihre Pflicht getan, lassen S i e m i c h n u n a u c h d i e m e i n e t h u n ." Damit ging er an den sich ehrerbietig Verbeugenden hastig vorüber. Sie sahen sich erstaunt und schmerzlich betroffen an. – – –
Der Kaiser blieb zwei Stunden, nur in seinen Mantel gehüllt – er besass nicht einmal einen Pelz, – in dem kalten Exercierhause, und war trotzdem bei seinem Fortgehen ganz in Schweiss gebadet, denn er war sehr angegriffen, hatte stark gehustet und fortwährend ausgeworfen. Dennoch fuhr er, als er das Exercierhaus verlassen, noch zu dem kranken Kriegsminister, Fürsten Dolgorucki, ermahnte diesen, nicht zu früh auszugehen, und kehrte dann erst in das Winter-Palais zurück.
Die Kälte auf den Strassen war schneidend! ––––––––––––––––––––––––––––
Es war am Vormittag des 2. März – in den Vorgemächern des kaiserlichen Kabinets waren die obersten Palastdiener, die Minister, die Generäle und hohen Hofchargen zahlreich versammelt, und dennoch herrschte eine fast lautlose Stille, nur zuweilen von einer leisen Frage an die langsam und traurig ab- und zugehenden Kammerdiener unterbrochen. In den Augen ernster Staatsmänner, schlachtengewohnter Krieger hingen Tränen, finster und sorgenschwer falteten sich die Stirnen, die Augen befragten sich stumm und ängstlich – gespannt lauschte das Ohr auf jeden laut aus dem Krankenzimmer.
In allen Kirchen der grossen Kaiserstadt lag das Volk auf den Knieen mit seinen Geistlichen vereint im Gebet um das Leben des Czaren.
Seit dem Abend des unglücklichen 22. Februar, an dem er noch darauf bestanden, den Gebeten der ersten Fastenwoche beizuwohnen, hatte der Kaiser sein Arbeitskabinet nicht mehr verlassen. Dort erteilte er, auf dem Sopha liegend und nur mit dem Mantel zugedeckt, am andern Tage dem Obersten und Flügel-Adjutanten von Tettenborn noch Audienz und fertigte ihn mit Instruktionen nach Baktschiserai ab. Am Abend liess er den Grossfürsten Tronfolger zu sich kommen und schloss sich mit ihm ein. Als nach zwei Stunden der Erbe Nusslands das Kabinet seines Vaters verliess, bemerkte man, dass er auffallend bleich und erregt aussah. Von diesem Augenblick an übernahm der Grossfürst alle Regierungsgeschäfte.
Vom 24. bis 27. Februar