zu machen. Die Feinde haben das Meer als ihre Strasse, – die unsere braucht die vierfache Zeit, sie werden uns also immer voraus sein im Ersatz ihrer Lücken und Hilfsmittel. Hier liegt der Vertrag dieses nur durch seine Schmach mächtigen Englands mit Sardinien –: es lauft 15,000 frische Soldaten, wes es einst die Deutschen für die Urwälder Amerika's gekauft hat. Einem Palmerston ist das erlaubt. Ich aber durfte den Plan der revolutionairen Propaganda, den der ungarische General mir brachte, nicht annehmen, denn ich hätte mit dem Geist meines ganzen Lebens gebrochen. Kampf gegen die Revolution, so lange diese Hand den Degen halten kann."
"Ssewastopol wird den Feind ermüden!"
"Es wird und muss fallen. Totleben und meine braven Soldaten haben das Unglaubliche geleistet, aber alle menschliche Kraft hat ihre grenzen. Dolgorucki hat Dir zwar die amtlichen Rapporte vorgelegt – dies geheime Memoir, das mir der Grossfürst Nicolaus gesandt, den ich selbst zum Ingenieur gebildet, gibt mir das wohlgeprüfte Urteil bewährter Männer – Totleben's selber. Ssewastopol ist mit der Sappe verteidigt worden und wird durch die Sappe fallen. Die Feinde kannten seinen schwachen Punkt nicht, weil weder Raglan noch Canrobert Ingenieure und Feldherrn sind, und deshalb bat es sich gehalten. Sobald der Angriff auf die Schiffervorstadt und die Korniloffski-Bastion concentrirt wird, ist das Schicksal der Festung entschieden."
"Die Engländer haben diesen Posten und sie sind weder geschickt noch kräftig genug, um sie den dort fürchten zu müssen. Die übersandten Pläne des baron Osten-Sacken für das System vorspringender und deckender Contre-Approchen und Feldschanzen sind vortrefflich."
"Sie können die Verteidigung verzögern, aber nicht den Fall hindern. Der Korniloff-Hügel beherrscht die Südseite und die Rhede."
"Euer Majestät sagen selbst, dass der Feind falsch operirt."
"Aber er wird seinen Fehler verbessern. General N i e l ist bereits in den letzten Tagen des Januar im Lager angekommen, und er ist der beste Ingenieur, den die Franzosen haben. Dieser Bericht der Spione hier meldet, dass er bereits vorgeschlagen hat, die Angriffsfronte zu ändern."
"So muss man die Entscheidung auf e i n e n Wurf setzen. Lassen Sie Menschikoff nochmals mit seiner Gesamtmacht angreifen, von der ganzen Garnison unterstützt. Mögen sie sterben, sie Alle für Russland, wenn sie nur den Feind mit vernichten."
Der Kaiser war aufgestanden – er trat jetzt um den Tisch und legte dem riesigen alten Krieger die Hand auf die Schulter. "Das kannst Du raten, Freund! i c h habe andere Pflichten. Hundertachtundzwanzigtausend Mann tapferer Soldaten stehen in und um Ssewastopol – sie mögen für ihr Vaterland sterben, aber sie dürfen nicht leichtsinnig geopfert werden und Russlands Existenz am Pontus mit ihnen. Oesterreich und dem Halbmond müssen wir dort auf alle Chancen gewachsen bleiben und hier können wir keine Truppen mehr entbehren, denn Frankreich agitirt unaufhörlich in Stockholm, und Finnland ist jeder Invasion offen."
"Aber was beschliessen dann Euer Majestät?"
"I c h w i l l d e n F r i e d e n m ö g l i c h m a c h e n !"
Der Graf sah den Czaren starr und offenbar ihn nicht verstehend an. – "Wollen sich Euer Majestät näher erklären?"
"Später – wir wollen ausführlicher beraten – ich weiss ja jetzt Deine Antwort von Paris."
"Sönnen Sie sich Ruhe, Sire – Sie bedürfen derselben. Ich beurlaube mich."
Der Kaiser winkte ihm freundlich; er hatte ihm den rücken gekehrt und stand vor dem Regal, das seine Handbibliotek entielt. "Ich werde Dich rufen lassen, wenn es Zeit ist!"
Der General entfernte sich – unter der Tür rief ihn der Kaiser nochmals zurück. – "Welcher von den Flügeladjutanten4 ist an der Reihe für die Depeschen?"
"Oberst Tettenborn, Sire."
"Lass ihn bereit sein, nach Baktschiserai abzugehen. – Ich halte es für das Beste, wenn Menschikoff auf seine Entebung anträgt; – er ist ohnehin leidend und es würde unserm alten Freunde doch gar zu wehe tun, wenn gerade er, der den Kampf so tapfer begonnen, unterliegen sollte."
Der Graf wagte nicht, Etwas zu sagen; er verbeugte sich nochmals beklommen und verliess das Gemach.
Der Kaiser ging einige Male, die hände in einander verschlungen, auf und nieder – ein heftiger Hustenanfall nötigte ihn, stehen zu bleiben. Dann trat er wieder zu dem Bücherschrauk und nahm ein Buch heraus, mit dem er sich an den Tisch setzte.
Es war Stokes, des berühmten englischen Arztes Werk über die Brust- und Lungen-Affectionen.
Der Kaiser las länger als eine halbe Stunde aufmerksam darin – seine mächtige Stirn hatte sich finster zusammengezogen, zuweilen perlte ein grosser Schweisstropfen darauf.
Das Rasseln der Gewehre der ablösenden Schildwachen draussen vor dem Palast unter seinen Fenstern weckte ihn aus den tiefen Gedanken, mit denen er über dem buch s a ss . Sein Auge traf auf die Madonna von Murillo und von ihr auf das einfache Crucifix von Ebenholz mit dem bleichen weissen Christusbilde, das darunter hing; seine hände falteten sich, sein Haupt sank auf sie nieder – der Kaiser betete.
Als er sich erhob, ruhte sein blick wenige Momente ruhig und traurig auf dem Bildniss der Kaiserin und seiner Lieblingstochter, der verstorbenen Grossfürstin Alexandra, das er selbst nach dem schönen Portrait von