1855_Goedsche_156_87.txt

uns jetzt diese Zugeständnisse? Hab' ich nicht auf den undankbaren Allianztractat vom 2. December, den Oesterreich mit Frankreich und England geschlossen, mich bereit erklärt, alle jene alten Rechte zu opfern? Ich will Dir sagen, Alexei Feodorowitsch, wie es ist. Man w i l l in Wien den Frieden nicht, man glaubt die gelegenheit günstig, die Donau zu gewinnen und schämt sich nicht, dafür die Liberalen Deutschlands in Bewegung zu setzen."

"Sire, Ihr Schwager hält fest! Er ist ein Ehrenmann auf dem Tron."

"Ich weiss es und vertraue auf ihn. Oesterreich's Intriguen am Bundestag scheitern an Preussens Festigkeit, und die französischen Noten werden ihre Abfertigung finden. Russland ist in der Schuld Preussens und möge es nie vergessen, wenn die Zeit kommt, wo die andern Mächte sich für seine jetzige Neutralität zu rächen suchen2!"

Der alte General schwieges war offenbar, dass er erwartete, der Kaiser solle ihn um einen Gegenstand befragen, und dieser zauderte ganz gegen seine Gewohnheit damit. Er legte wiederholt die Hand auf den Tisch und ballte sie, gleich als bemühe er sich, einen Entschluss zu fassen. Endlich wie erzürnt über sich selbst, heftete er seine Augen fest auf den Grafen und sagte mit leiser, kaum hörbarer stimme: "Ich habe Dein Billet von gestern Abend erhalten. Der Agent ist zurückgekehrt?"

"Ja, Sire!"

"Und er bringt die Antwort auf unsere Vorschlage?"

Der General nickte stumm.

"heraus damit, Mannman hat in Paris abgelehntman fordert grössere Vorteile? – heraus damit, Orloff," fuhr er heftig fort, als der Graf trübe das Haupt schüttelte – "Du kennst mich und weisst, dass ich Alles ertragen kann."

"Euer Majestät sind noch so angegriffen und aufgeregt –"

"Gehörst auch Du zu Denen, die unter dem Vorwand, mich zu schonen, Glied um Glied martern können? Nicht den Diplomaten verlange ich, sondern den Freund und seine Wahrheit. Sprich denn," – er lächelte seltsam – "vielleicht hab' ich wenig Zeit mehr, sie zu hören."

"Sie wissen, Sire, dass mein Bote ein zuverlässiger und gewandter Mann ist. Er hat mitdem Kaiser selbst verhandelt."

"Nun, und?"

"Er hat eine vollständige Zurückweisung erfahren."

Die Hand des Monarchen ballte sich krampfhaft: "Weiterdie Details!"

"Siresie sind eine Beleidigung; ersparen Sie einem treuen Diener den Schmerz, sie zu wiederholen."

"Nichts daich muss Alles wissen, jedes Wort, jede Sylbe!" Die stimme klang ungeduldig.

"Die Instruction ist an Boucquenai3 bereits abgegangen, sich jetzt mit unserm Zugeständniss der Auslegung nicht mehr zu begnügenes sei zu spät."

"Was verlangt man?"

"Sireder Kaiser Napoleon kann Euer Majestät nicht vergeben, dass Sie so lange mit seiner Anerkennung gezögerter hasst Sie!"

"Ich weiss esich wusste es längst!"

"Euer Majestät verletzten vielfach seinen Ehrgeizer will jetzt der erste und wichtigste Mann in Europa heissen, und das kann er nicht, so lange Euer Majestät da sind."

"Will er mich vielleicht tödten lassen?" sagte der Kaiser spöttisch.

"Das nicht, Sire, dem das Leben der Monarchen gehört Gott. Aber er will Russlands Schande für den Friedener verlangt –"

"Sprich!" – Die Augen des Herrn waren mit unwiderstehlicher Majestät auf den Grafen gerichtet, der finster die seinen niedergeschlagen hielt.

"Siredieser Mann stellt eine Alternative, die Moskau und Paris vergessen machen soll und von Russland nicht angenommen werden kann, so lange noch ein Tropfen russisches Blut in uns lebt. Er verlangt die Uebergabe Ssewastopols und der Südflotte an seine Armee oder –"

Das Auge blieb fest auf ihm haften.

– "oder Ihre Tronentsagung. Er könne und wolle sich nur mit einem andern Regenten Russlands verständigen, weil Euer Majestät wohl wüssten, dass Sie ihn persönlich beleidigt hätten, – die Hand der Grossfürstin –"

"Stillkein Wort mehr!" Er winkte gebietend mit der Hand, stützte die mächtige Stirn auf die Linke und versank in ein kurzes Nachdenken.

"Der Aufruf der Reichswehr," sagte nach einer Pause der General, "wird uns noch eine halbe Million Soldaten geben. Euer Majestät werden zwei Dritteil Ihrer Armee im Süden concentriren können. Preussen und Kronstadt sichern PetersburgSsewastopol wird sich halten, bis unsere Operations-Armee genügend stark ist, um alle Feinde mit einem Schlage zu vernichten."

Der Kaiser lächelte matt. – "Du weisst es besser, Orloff! Wir haben zehn Jahre zu früh unser Werk begonnenaber ich wollte es noch selbst tun. Ich glaubte Russland vor jenem Fluch der spekulativen zivilisation noch schützen zu können und unterliege ihm. Eine Eisenbahn nach dem Südenund Europa hätte bereits eine andere Gestalt. Der Traum der Wiederherstellung der christlichen Macht am Bosporus ist zu Endeich glaubte, das Testament meines Ahnen durch erhabene Absichten adeln zu können, aber ich bin an den Mitteln gescheitert."

"Wir werden einen ehrenvollen Frieden erzwingen."

"Höre mich an. Wir haben drei Schlachten verloren, weil unsere Kräfte den Gegnern nicht gewachsen waren. Das war unser Fehler und unser Unglück beim Beginn und es ist nicht wieder gut