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niedern Tälern der Kabardah!" – Er presste die hände auf die stürmisch klopfende Brust. – "Welches Bild zeigst Du mir, o Vatersie, die Tochter milderer Sitten und Künste, die Gattin des Nomaden? – sie die Schöne und Zarte das Weib des Kriegers der wilden Berge, die Christin das Weib des Moslems – –"

"Was kümmert das die Liebe?! Deine Sache, Fürstensohn der Abchasen, ist es, dem Polenkinde den Willkomm und das Haus zu bereiten unter Deinem volk; Deine Sache ist es, die Braut zu gewinnen, indem Du sie zurückbehältst in Deinen Bergen oder mit dem Säbel in der Faust aus dem Lager der Russen holst. Der Segen und die Einwilligung eines Greises, ihres liebsten Verwandten, sei mein Abschiedsgeschenk an Dich für ihre und Michael's Rettung." – Er schrieb eifrig beim Licht des Feuers auf ein Blatt seiner Brieftafel, siegelte es und gab es dem ehemaligen Offizier. – "Das Wort des Bruder ihrer Mutter wird ihr weibliches Zaudern beseitigen, wo es die Erfüllung eines hohen Lebenszieles gilt. Möge der Himmel Euch schützen und Polens Tochter durch ihre Liebe sühnen, was Polens Söhne in den Reihen Russlands gegen ein freies Volk gefrevelt haben. Danke mir nicht, Djemala-Din, mein SohnDein und Wanda's Glück liegt in Deiner eigenen Männerhand. Von Deinen Bergen sende mir mit ihr den Gruss der Freiheitund nun lass uns ruhen nach dem Sturm der natur und der Seelen, denn die Ruhe tut diesem alten Körper not!"

Er drückte ihn innig an seine Brustdann schlich er nochmals zum Bett seines schlummernden Enkels und teilte mit dem Tscherkessenfürsten das Lager, das die Gastlichkeit der Mennoniten ihnen bereitet. ––––––––––––––––––––––––––––

Der wilde Schneesturm dauerte mit gleicher Heftigkeit, wie die Tataren es voraus gesagt, bis zum Nachmittag des andern Tages. Jeder Versuch, während des Morgens in's Freie zu dringen zur Aufsuchung der Verunglückten, scheiterte an der Wut des Orkans und der grimmigen Kälte. Erst mit der beginnenden Dunkelheit legte sich der Aufruhr der natur eben so vollständig und eben so plötzlich, als er entstanden, und konnte die Verbindung mit den nächsten Gehöften wieder hergestellt werden. Aber nirgends fand sich eine Kunde von dem unglücklichen Bataillon und die ganze männliche Bevölkerung der Kolonie und der in ihrer unmittelbaren Nähe liegenden Stanzia machte sich noch am Abend auf, beim Schein des hellen Sternenlichts die Spuren der Vermissten zu suchen.

Djemala-Din und Bogislaw begleiteten sie, während der Graf bei dem von den ausgestandenen Leiden erkrankten Knaben zurückblieb. Eine Stunde weit von der Kolonie, mitten in der öden Steppe, fand man die Bestätigung des grässlichen Unglücks, nachdem man schon lange vorher in einer tiefen Regenschlucht das zerschmetterte Gefähr des Grafen und mehrere Bagagewagen, so wie rings auf der weiten Schneefläche zahlreich Leichen Erfrorener vereinzelt entdeckt hatte. Ein Berg von Schnee, von dem Sturm zusammengewirbelt, wölbte sich hier gleich einer mächtigen Tumule, aus dessen Grund menschliche Glieder und Waffen hervorragten. Die Steppenwölfe umheulten den riesigen Grabeshügel und flohen bei der Annäherung der Lebenden. Mit rüstiger Kraft, von Stunde zu Stunde sich ablösend, ging man daran, die Lawine zu öffnenje weiter man kam, desto schrecklicher, herzzerreissender wurde das Schauspiel, das sich den Blikken bot. Haufen von Leichen übereinander liegend, starr und eisig, dass bei den Stössen der Schaufeln und Hauen die Glieder wie Glas absprangen, entüllten sich den Augen. Als der Morgen tagte, stiess man auf das Schrecklichste. In dichtem Haufen gedrängt, aufrecht, fest an einander gepresst und durch ihre Masse sich haltend, viele noch die Gewehre in den erstarrten Händen, standen mehr als dreihundert Leichen, – ein Quarré von toten Kriegern, in ihrer Mitte der Podpolkawnik, ihr Führer, gleich als erwarteten sie den Feind.

Und der Feind war über sie gekommen, aber nicht der, dem Menschenkraft und Menschenmut widerstehen konnte im ehrlichen Kampf. Die grause Kälte hatte ihre Kraft gebrochen, die Grabeslast des Schnee's ihren Mut mit dem Leben getödtet. In den starren Augen schien noch der Trotz des Kriegers zu funkeln, die Reihen schienen nur des belebenden Kommando's zu harren, um sich neuem Leben zu entfalten. – Aber der Kommandoruf, der sie weckte, sollte nur die Posaune sein des ewigen Weltgerichts, die die Gräber öffnen wird und die toten laden zum Gericht des Herrn!

Der junge Tschetschenze floh schaudernd von der schrecklichen Grabstätte. Noch am selben Tage schied er von dem Grafen und seinem frühern Schulgenossen und setzte die Reise nach Perecop und Kertsch fort; denn der Gedanke, die Geliebte schutzlos unter seinen tapfern aber wilden Landsleuten zu wissen, drängte ihn zur fieberhaften Eile. Ende Februar langte er in Chassaw-jurt an, wo der Fürst Tscheftsawadse sich aufhielt, und seine eigene Ungeduld beschleunigte die Verhandlungen.

Der 22. März war der Tag, den der Emir selbst zur Auswechselung der Gefangenen an den Ruinen des Forts von Schoib-Kapu an der Gränze der grossen Tschetschnia bestimmt hatte. ––––––––––––––––––––––––––––

Die Krankheit des jungen Unterfähnrichs, des Einzigen, welcher aus jener furchtbaren Nacht von dem Bataillon das Leben gerettet, fesselte ihn wochenlang an das Haus des menschenfreundlichen Mennoniten und mit ihm den alten Grafen, seinen Grossvater und dessen treuen Diener. Nur langsam ging die Kräftigung des Jünglings wieder vor sich und sehnsüchtig sass er am Fenster des kleinen Stübchens, das ihre Wirte ihm eingeräumt, und schaute den Kolonnen nach, die Tag um Tag