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es am wenigsten geahnt. Hundert Mal besiegt von den Schergen der Gewalt, hundert Mal fruchtlos durch Verrat und Zwiespalt der eigenen Glieder, findet die Sache der Freiheit gleich dem Proteus im Blut der Niederlagen neue Kraft und neuen Mut zum Kampf und sie erzieht die Völker für den dereinstigen Sieg."

"Und was verstehen Sie unter diesem? – was ist die Tendenz jenes grossen und geheimen Bundes, von dem wir selbst in der Abgeschiedenheit einer Garnison gehört haben?"

"Die Selbsterrschaft der Völker, ihre Befreiung von dem Joch der einzelnen Tyrannen, die allgemeine sociale Republik."

Der Offizier legte die Hand auf das Knie des Greises. "Das ist es, wo unsere Wege sich scheiden, Graf Lubomirski," sagte er mit edler Ruhe. "Ich bin ein junger Mann und habe nur wenig beobachten können im Vergleich zu Ihrem langen und reichen Leben, aber ich fühle, dass das edle Wort Freiheit und Kampf für sie gar oft missbraucht wird. Ich bin kein so entarteter Sohn meiner heimatlichen Berge und meines Volkes, dass ich nicht tief im Herzen sein heiliges Recht erkennen sollte, mit Blut und Gut seine Unabhängigkeit gegen den fremden Herrscher zu verteidigen. Die Selbstständigkeit der Nationen und ihr heiliges Recht der geschichte, des Glaubens und der Sitten – d a s ist die grosse Sache der Freiheit, und wo diese ihr Banner erhebt, ob an der Weichsel oder am Kuban, sie wird immer alle edlen Herzen für sich begeistern, – n i c h t das hohle Geschrei der Republik und des Socialismus."

"Wie Sie es nennen mögenes ist gleich, die Streiter der Freiheit sind Alle Brüder einer grossen Sache! Ich habe mich nickt getäuscht, und Sie werden dennoch einer der Unsern sein im Kampf gegen Russland, den gefährlichsten Feind der Umgeburt der Welt."

"Niemals, so lange Kaiser Nicolaus lebt, niemals wird Djemala-Din, Schamyl's Sohn, gegen den Mann das Schwert erheben, der sein Freund und Wohltäter war. Erst wenn Dessen Augen geschlossen, dem er den Fahneneid geschworen, obgleich der Kaiser ihm diesen gelöst, wird den Sohn des freien Tscherkessiens Nichts mehr hindern, für die Unabhängigkeit seines Volkes gegen das russische V o l k zu kämpfen. Bis dahin wird Schamyl, mein Vater, die Ehre seines Sohnes selbst ehren."

Der greise Agent und Kämpfer der revolutionairen Ideen war von der einfachen und edlen Erklärung und Auslegung des jungen Mannes ergriffen. Das Bewusstsein, dass auch ihn selbst im grund doch nur die Begeisterung für die Befreiung des eigenen Vaterlandes in die Reihen der revolutionairen Propaganda getrieben, bis das nationelle Streben in jenen socialen Tendenzen und dem alles Edlere und Selbstständigere zersetzenden Demokratismus untergegangen, war ihm noch nie so klar und deutlich vor die Seele getreten, als bei der schlichten Deutung des jungen Tschetschenzen über das, was er unter "Kampf für die Freiheit" begreife.

"Was Sie unter socialer Republik, unter Demokratie verstehen," fuhr der junge Mann fort, "ist mir nicht ganz klarich kenne und ehre die Einrichtungen im land meiner Väter und in dem, das mich erzogen. Wie soll ich Begeisterung hegen für Etwas, das mir unbekannt und ungewohnt ist. Jedes Land hat seine Sitte und für ihre Bewahrung opfert das Volk sein Blut. Die edlen und Mächtigen werden immer Edle und Mächtige bleiben und ihre Stimmen im Rate gehört werden, wie der Knecht ein Knecht. Die Fürsten sind die Stattalter Gottes auf Erden und ein heiliges Erbe der Völker. Ich bin ein Fürstensohn und werde, da mich Allah berufen, das Erbe meiner Väter zu wahren wissen."

"Sie sind Moslem?"

"Ich habe nach der Bestimmung des Kaisers die Religion meiner Väter nicht zu wechseln brauchen. Auch ohne den Namen eines Christen sind die heiligen und milden Grundlehren Ihrer Religion die meinen. In den Tälern des Elbrus und des Kuban, ist der Glaube der Nazarener kein Fremdling, sondern besteht seit Jahrhunderten, und meine Mutter war eine Christin. Aus meiner Knabenzeit weiss ich, dass Maria und der weisse Christ selbst von unsern mohamedanischen Stämmen heilig gehalten werden. Doch was sprechen wir von mir, dem Unbedeutenden, dessen Namen und Gedächtniss auch unter seinen Freunden bald verschollen sein wirdSie selbst haben Ihre Erzählung noch nicht geschlossen, der Name zweier teurer Wesen fehlt darin und ich habe aus dem mund Michael's den Namen seines Grossvaters nur mit Liebe nennen hören."

Das lange von dem politischen Fanatismus und seinen Intriquen verschlossene Herz des alten Mannes öffnete sich wider Willen bei dem Namen seines Enkels, des Letzten aus seinem Blut. – "Die Härte gegen mein Kind," sagte er traurig, "hat manche Nacht den Schlaf von meinem Lager gescheucht, obschon ich wusste, dass ich Recht getan. Lasaroff, ihr Gatte, war ein eingefleischter Russe, aber sonst ein wackerer Mann, und seinen Bemühungen allein ist es zu danken, dass das Besitztum meiner Schwester nicht confiscirt wurde und ihrer Familie erhalten blieb. Erst acht Jahre nach Polens Besiegung traf mich der letzte Gruss meines Kindes von ihrem Sterbebett, auf dem sie Michael das Leben gegeben. Der Vaterfluch hatte ihre früheren Kinder dem tod geweiht, und sie bat mich sterbend um meinen Segen und meine Vergebung für das letzte. Der Tod sühnt alle Schuld, und dies alle Herz öffnete sich einer unendlichen Liebe für den ungekannten Enkel. Lasaroff, sein Vater, starb wenige Jahre nach seiner Gattin und Michael wurde nach