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Sie eintreten in den Krieg gegen Russland, das Sie bisher mit hundert Lockungen verführt und Sie jetzt verstösst und verhandelt gleich einer Waare um zwei wertloser Weiber und adliger Namen willen?"

Der junge Offizier sah einige Augenblicke ernst vor sich nieder, er fühlte, dass von seiner Antwort die Meinung des fanatische Greises, vielleicht die Hoffnung seiner Zukunft abhängig sein würde. Aber er empfand zugleich, dass jedes Ausweichen, jede Täuschung seiner selbst und seiner Liebe unwürdig sei. – "Djemala-Din," sagte er fest und bestimmt, "wird nie sein Schwert im Kampf gegen den Czaren Nicolaus, seinen Freund und Wohltäter, ziehen."

Der alte Pole schaute finster und halb verächtlich auf ihn. "So werden Sie ein Zwittergeschöpf sein zwischen Krieger und Sclaven, misstraut von den Ihren, misstraut von Ihren bisherigen Freunden. Sie werden untergehen in diesem Kampf, wo Sie ein Held Ihres Volkes sein könnten. Ich hatte es anders gehofft und gewähnt, dass die Tochter eines unglücklichen und dennoch fortoffenden und ringenden Volkes in dem Sohne des glücklicheren die Flamme seines Rechts durch ihre eigene Begeisterung geweckt habe."

Der Tscherkesse sah ihn erstaunt und zweifelnd bei dieser offenen Anspielung an. – "Darf ich Ihre Worte deuten, wie mein Herz es möchte? – ich beschwöre Sie, Graf – – –"

Der Pole unterbrach ihn. – "hören Sie mich an, Djemala-Din, des Imam's Sohn und vielleicht die Hoffnung der Zukunft eines ganzen Volkes. Die Vorsehung hat uns eigentümlich hier zusammengeführt und es ist eine seltsame Stunde und Umgebung, in der ich Ihnen hier meine Seele eröffnen will. Draussen der tobende Sturm, der die Söldner Russlands unter seiner eisigen Last begraben, um uns seine demütigen Sclaven, wir selbst kaum dem tod entgangen und durch Sie Alles gerettet, woran das Herz eines Greises mit den Banden irdischer Liebe gekettet ist. In meine Knabenzeit drang der Donner des Heldenkampfes von Dubienka7 und des unglücklichen Rufs von Maccieiowice, wo mein Vater an der Seite von Polens grösstem Helden verwundet wurde. Mit der Muttermilch hatte ich den Hass gegen die Unterdrücker meines Vaterlands gesogen, und als ein neuer Stern seiner Hoffnung in Frankreichs Kaiser ihm aufging, stand der Jüngling unter seinen Adlern und focht seine Schlachten vom Ebro bis zur blutgetränkten Moskau und auf Deutschlands und Frankreichs Fluren, immer vertrauend und getäuscht von dem trügerischen Geschlecht der Napoleoniden, die aus den Freiheitshoffnungen der Völker nur eine Staffel ihres Ehrgeizes machen. Nach dem Fall des Kaisers lebte ich teils in meinem vaterland, das unter dem russischen Druck seufzte, teils auf Reisen durch England, Amerika und Italien, und trat hier in den Bund jener grossen Gemeinschaft, die über die Welt verbreitet und deren Aufgabe ist, die Freiheit der Völker zu erringen und ihre Fesseln zu zerbrechen."

Er schien eine Antwort von seinem jungen gefährten zu erwarten, doch dieser begnügte sich, ihm schweigend zuzuhören, und der alte Revolutionair fuhr fort: "In jener Zeit, während die Männer, die für die Freiheit standen und wirkten, gleich den gehetzten Tieren durch alle Länder Europa's verfolgt wurden, starb mein Weib, das ich mit meinem einzigen kind im vaterland zurückgelassen. Meine Tochter wurde von Fremden erlogen. Das Jahr 1830 kam, von den Barrikaden von Paris, die uns nur ein Königtum in anderer Gestalt erkämpft, eilte ich, ein Mann bereits in der Neige der Jahre, zum vaterland, das noch ein Mal seine Fahne erhoben zum blutigen Kampf. Ich focht in den Schlachten von Ostrolenka und Grochow und an meiner Seite Wanda's Vater, der Gatte meiner jüngeren Schwester; auch Lubienski, in dessen Schloss in Volhynien wir jene Weihnachten zubrachten, war unser Waffengefährte. Sie wissen, wie auch damals Polens Stern durch die Uneinigkeit seiner Führer und die Wortbrüchigkeit Frankreichs den russischen Bajonnetten erlag. Aber noch ein anderer tiefgreifender Verlust traf mein alterndes Leben. Ludmilla, mein einziges Kind, das einzige Vermächtniss einer geliebten und hochherzigen Frau, die bei meiner Schwester lebte, in den grundsätzen und Gefühlen ihrer ganzen Familie erzogen, häufte Schmach auf das Haupt ihres Vaters. Ein russischer Offizier, der im Schloss meines Schwagers im Quartier gelegen, der Vater Michael's, gewann ihr Herz, und als ich Polen verlassen musste und sie mit mir nehmen wollte nach Frankreich, weigerte sie sich, mich zu begleiten, sie trotzte dem Vaterfluch und folgte dem Feinde ihres Vaterlandes, dem Offizier des Czaren."

Der alte Mann stützte das Haupt in die Hand und starrte in die Kohlen des Heerdes. – "Ich war einsam in der Weltkein Kind, kein Vaterland, ein gefährdeter verbannter Wanderer auf dem Rundkreis der Erde, gehetzt im Kampf mit ihren Gewaltigen. Dieser Kampf allein war jetzt meine Liebe, mein Kind! Sie, noch vor wenigen Tagen der Offizier eines jener Gewaltigen und bald vielleicht wie ich ein Kämpfer für die FreiheitSie ahnen nicht, auf welchem Vulkan die Trone Europa's stehen, wie unterwühlt der Boden unter ihren Füssen ist und wie mächtig und blutig von Stunde zu Stunde als Mene Tekel die Hand der Unsichtbaren an ihre Pforten klopft und an die Forderungen der Völker mahnt. Es ist ein Kampf auf Tod und Leben, der seit drei Jahrzehnten zwischen den Kämpfern der Freiheit und den Männern der Trone gefochten wird, mit tausend Waffen und Mitteln, im Dunkel der Nacht und der Verborgenheit, und gleich den Vulkanen und Erdbeben ausbrechend in hellen Flammen, wann und wo die Gegner