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kaukasischen Prinzen, wiedergefunden, am warmen Heerdfeuer des Mennoniten Hesekiah zusammen. Der wackere Jäger Bogislaw, der so manche Gefahr mit ihnen und für sie treulich bestanden, wachte jetzt bei Michael Lasaroff, dem jungen Unterfähnrich, den sie starr und leblos in das Haus getragen und der endlich durch die angestrengte Anwendung aller Hilfsmittel wieder in's Leben zurückgerufen, sich in diesem Augenblick unter der Obhut der Frauen des Hauses und unter hoch aufgetürmten Betten im tiefen Schlafe befand.

Draussen tobte der Schneesturm noch immer mit gleicher Heftigkeit und die des Landes Kundigen erklärten, dass er mindestens vierundzwanzig Stunden in derselben Weise anhalten werde, während welcher Zeit es unmöglich sei, den Schutz des Gehöftes zu verlassen. Selbst die aufopfernde Menschenliebe der Mennoniten hatte es daher nicht wagen können, den im Schneegefilde dem Verderben preisgegebenen Truppen irgend eine Hilfe zu bringen und vergebens hatten der Graf und der junge Kaukasier eine bedeutende Summe für Den geboten, der als Führer zum rettenden Hort die Unglücklichen aufsuchen wollte. Die Kälte war zur Nacht so heftig geworden, das Schneetreiben so wütend, dass selbst das kühnste Herz verzagte vor dem gewissen tod. Man hatte sich begnügen müssen, am Eingang des Dorfes Wachen aufzustellen, die alle Viertelstunde abgelöst werden mussten, und von Zeit zu Zeit Gewehre abschossen. Aber man wusste, dass bei der Macht des Sturmes der Schall kaum über den nächsten Umkreis dringen konnte, dass Alles vergeblich und das Schicksal der Unglücklichen wahrscheinlich längst entschieden war: – ein Grab unter dem Leichentuch der Schneelawinen, – ein Riesengrab für tausend mutige, treue Kriegerherzen, die noch vor wenigen Stunden auf dem Wege zur Ehre und Pflicht so lebenswarm geschlagen.

Diese Gewissheit warf die Schatten trüber Stimmung über alle Mitglieder der Versammlung, selbst über die sonst für das Schicksal ihrer Zwingherren ziemlich gleichgültigen Tataren. Die Mennonitenfamilie hatte im gemeinsamen Gebet die Unglücklichen dem Schutz und Erbarmen des Höchsten empfohlen und die Männer sassen still in den grossen Küchenraum umher, dem Wüten des Orkans lauschend. Djemala-Din hatte dem Grafen mitgeteilt, dass er auf dem Wege zum Kaukasus sich befinde. Der Emir Schamyl hatte, wie wir bereits aus der Unterhaltung der russischen Offiziere auf der Mastbaftion am Tage des ersten Bombardements wissen, neben der Summe von 40,000 Rubeln die Kurückgabe seines ältesten Sohnes als Lösegeld für die Fürstinnen Tscheftsawadse und Orbelian verlangt, und der Kaiser dem jungen mann freigestellt, ob er dem Verlangen seines Vaters Folge leisten wolle oder nicht. Was Djemala-Din von sich gewiesen, als die Boten seines Vaters ihn zur heimlichen Flucht zu bewegen suchten, erschien ihm jetzt, wo er die Gräfin Wanda am Kaukasus wusste, in einem anderen Lichte, und er hielt es für eine Pflicht der Ehre und Liebe für sie, sich selbst zur Befreiung ihrer Verwandtinnen zu opfern. Die Hoffnung, sie wiederzusehen, von ihren Lippen den Dank für das Opfer zu empfangen und im Hintergrunde der unbestimmte Traum, sie dennoch dort auf dem feld wilder Abenteuer für sich zu gewinnen, wie sie selbst ihn durch ihre Phantasieen angeregt, machten ihm den Entschluss leicht. Erst hier, am Heerde des Mennoniten in der wilden Steppe, wo das Schicksal ich so wunderbar mit dem Verwandten der Geliebten zusammengeführt, vernahm er zum ersten Male, dass auch sie selbst in den Felsennestern seiner Heimat als Gefangene schmachte. Die Aufregung, in die ihn diese Nachricht versetzte, war zu sichtbar und gross, um von dem Greise missverstanden zu werden, der bereits auf dem Schloss in Volhynien die entstehende Liebe des jungen Mannes beobachtet hatte und ihn achtete und schätzte. Obschon Gräfin Wanda ihm Nichts vertraut, beurteilte er doch die hochherzige romantische Richtung ihres Geistes und Herzens zu richtig, um zu zweifeln, dass sie die Gefühle des jungen Tscherkessenfürsten erwiderte, und das tiefe Nachdenken, in das er so eben versunken, galt zum grossen teil der seltsamen Schicksalsverkettung des jungen Paares und seiner Zukunft.

"Ihre Lage, Prinz," sagte er endlich, "wird eine äusserst schwierige sein. Sie wissen, dass der Kampf zwischen den freien Bergvölkern und den Russen auf's Neue heftig entbrannt ist. Sefer-Pascha und BeischedPascha haben ihnen schon im Sommer bedeutende Hilfsmittel zugeführt, die russischen Festungen am Schwarzen Meere sind sämtlich zerstört oder in den Händen Ihrer Landsleute und die Schlacht am Ingur hat auch dort die russische Macht gebrochen. Ich weiss, dass von den alliirten Flotten nach dem Beginn der besseren Jahreszeit eine grosse Expedition an die östlichen Küsten des Schwarzen Meeres ausgeführt werden wird und dass England Ihren tapfern Vater unterstützt. Er wird von dem Erden seiner Macht mit Recht fordern, dass er in dem neuen und günstigen Kampf für die Freiheit an seiner Seite steht, dass er sich würdig zeigt der grossen Aufgabe, die Unabhängigkeit der Stämme, die ihm einst gehorchen werden, gegen die Tyrannei zu verteidigen. Ich bin ein Greis, Freund, und fühle, dass dieser Krieg der Fürsten, von dem wir so viel für die Sache allgemeiner Freiheit hofften in einer Versöhnung ihrer Interessen und ihrer Vorteile auslaufen wird, denn manche bittere Erfahrung hat mich belehrt, dass Zwiespalt und Eigennutz noch nicht die Völker zu einer gemeinsamen Erhebung gegen die Unterdrückung reif gemacht. Aber es gibt Wehrfesten des glorreichen Kampfes, die, wenn der Sieg uns hier entrissen wird, diesen ewigen Streit fortführen und an denen die entarteten Völker Europa's sich immer auf's Neue ermutigen. Eine solche stolze Feste ist der Kaukasus und sein Kampfwollen Sie sich ihm weihen, wie Ihre Väter taten, werden