wirbelnden Schnee betäubte und geblendete Reisende es merkt, mit kreisförmiger Wendung in eine gerade entgegengesetzte Richtung, je nachdem der Wirbel sie irre leitet. Unsicher, ohne Pfad, scheu vor den empörten Elementen, weichen sie zuletzt willenlos jedem Impuls des umspringenden Sturmes, bis sie entkräftet im tiefen Schnee stecken bleiben oder in eine der Regenklüfte stürzen, welche den Steppenboden durchfurchen.
Es ist nicht selten, dass Reisende am Eingange der Dörfer elend umkamen, weil sie nicht wussten und nicht sahen, wie nahe sie dem Rettungshafen waren. Schrecklich ist das Schicksal der Heerden, die auf offener Steppe von einem solchen Schneesturm überrascht werden, besonders wenn er von der Richtung, des Hofes her weht, dem sie angehören. Die Pferde springen wild auseinander, rennen meilenweit, es ist unmöglich, sie zusammen zu halten. Die Schafe drängen sich dicht an einander und folgen trotz aller Anstrengung der Hirten den leitenden Tieren in der Richtung des Sturmes. Die Hirten, selbst der Wut des Orkans preisgegeben und vor Kälte erstarrt, geben endlich das fruchtlose Bemühen des Widerstandes auf und folgen der von der dämonischen Gewalt fortgetriebenen Heerde, so lange es ihre Kräfte gestatten oder bis sie selbst von den wandelnden Lawinen verschüttet werden.
Die Kirgisen der nogaischen Steppe verloren vor einigen Jahren in einem solchen Sturm Tausende von Pferden, Schafen und Kameelen.
Als der erste Stoss des Orkans vorüber war, liess der Tatar den Pferden die Zügel schiessen und sie jagten mit rasender Schnelle über die Fläche dahin. Zwei Mal wiederholte sich dies Spiel, der Schlitten schnellte bereits hin und wieder über einen unter der Schneedecke liegenden Gegenstand, ohne dass die Fahrenden in ihrer rasenden Eile sich von der natur desselben überzeugen konnten. Der Offizier glaubte mehr als ein Mal Rufen und menschliche Stimmen durch dies Toben der Elemente zu vernehmen, Gestalten und Schatten durch die Schneewirbel schwanken zu sehen – aber vergeblich war sein Haltruf, denn der alte Tatar trieb die ohnehin rasenden Rosse zu immer neuer Eile. Jetzt – dort – ganz deutlich hörte er den Hilferuf – gleich darauf eine schwache Salve von Gewehren – Gestalten taumelten um ihn her. – "Haltet ein – das ist unser Schlitten! Halte ihn fest, Bogislaw. Das Erbarmen muss der eigenen Rettung weichen!" Ein kräftiger Mann warf sich vor die galoppirenden Pferde und liess sich von ihnen fortschleifen, ein Zweiter, eine schwere Last auf den Armen, schwankte hinter dem Schlitten d'rein. "Schiess' ihn nieder, Gospodin!" schrie der Tatar; "nieder, oder wir sind verloren, wenn sie sich an uns anhängen!" Aber der Offizier hatte bereits selbst in die Zügel gegriffen und die Pferde zum Stillstand gezwungen. "Wenn Gott Ihnen barmherzig sein soll in Ihrer Todesstunde, so üben Sie selbst Barmherzigkeit!" flehte eine tiefe stimme neben ihm. "Nehmen Sie meinen Enkel, einen Knaben, in Ihren Schlitten und retten Sie ihn, ich will gern hier sterben und Sie segnen in meiner letzten Not!" – "Graf Lubomirski? – ich kenne die stimme – herein, herein! jeder Augenblick ist Todesgefahr – aber ich lasse Sie nimmer im Stich!" Der alte Pole, noch ungewiss, wer sein Retter sei, warf den leblosen Knaben in den Schlitten und sich darüber hin. "Wenn Du noch einen Augenblick zögerst, Gospodin, so sind wir geopfert!" jammerte der alte Tatar. "Dort kommen sie und sie werden uns Schlitten und Pferde nehmen – die Last ist ohnehin für die Tiere zu gross!" massen schneebedeckter Gestalten stürzten herbei, wildes Geschrei ertönte, jeder der Unglücklichen drängte nach dem Mittel der Rettung. – "Vorwärts! – vorwärts, ohne Erbarmen!" rief der treue Jäger, indem er hinten auf die Kufen des Schlittens sprang und mit gewaltigem Faustschlag einen der Elenden in den Schnee schleuderte, der sich bereits dort angeklammert. Durch die halb betäubten, erstarrten Soldaten flog das Dreigespann mit der Doppellast davon querfeldein – hinter ihnen her Flüche und Verwünschungen, das Geheul des neu emporwirbelnden Sturmes – rings um sie ein fliegendes Meer von Flokken und spitzen, schneidenden Krystallen, dass oft kaum die Hand vor den Augen zu sehen war. Von Strasse, von Pfad keine Spur, die hatte längst der wirbelnde Schnee begraben. Zum Glück vermochte der greise Führer in den Pausen des Sturmes nach den Sternen die Richtung zu finden, und obschon die Pferde von Schnee und Wind ermattet und durch die schwere Last gehemmt wurden, kamen sie doch rasch vorwärts und liessen die unglückliche Schaar weit hinter sich in dem weissen Grabtuch des Schnees. Die Hand des Herrn, die aus Flammenglut und Wogendrang errettet, war über ihnen und führte sie glücklich aus der eben so schrecklichen Gefahr des eisigen Todes unter den wandelnden Schneebergen. Nach zahlreichen Gefahren und Leiden hielten, etwa eine Stunde nachdem der Schlitten das Bataillon verlassen, die Pferde vor der offenen Fenze eines grossen Gehöfts, in die sich zahlreiche Heerden schon beim Beginn des Sturmes glücklich geflüchtet hatten und wo sie jetzt im Schutz der langen, niedern, ein weites Viereck bildenden Stall- und Scheunengebäude kauerten. Der alte Tatar führte die Pferde in das Gehöft und auf den Ruf der Reisenden eilten die Bewohner und die versammelten Hirten aus dem Schutz des Hauses den Erschöpften zu Hilfe.
Zwei Stunden darauf sassen, wie in jener Winternacht in dem Krug der polnischen Wälder, Graf Lubomirski und der junge Offizier, in dem Jener zu seinem freudigen Staunen D j e m a l a - D i n , den