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. Ein freies männliches Gesicht, von schönem Bart umschattet, ein etwas wild und hitzig blickendes Auge, die kräftige und doch gelenke Gestalt mit den ausgearbeiteten Händen, bekleidet mit der reinlichen Blouse, machte den jungen Mann zum Ideal eines lebensfrischen Repräsentanten der arbeitenden Klasse. Ganz im Gegensatz zu ihm stand sein Begleiter, anscheinend fünf bis sechs Jahre älter, nicht gross und dennoch von gebückter Haltung, das straff anliegende schwarze Haar fast bis zu den buschigen Augenbrauen herabgehend, unter denen tief liegende unheimliche Augen funkelten; im gelblichen Italienergesicht, um den kleinen gekniffenen Mund, lagen Züge unbeugsamer Entschlossenheit.

"Sie gehen nach London und Manchester," redete der Verhüllte die Beiden an, "und werden dort der grossen und heiligen Sache der freien Arbeiterverbrüderung wichtige Dienste leisten. Ich brauche Sie nicht an das Joch der Tyrannei zu erinnern, denn Sie fühlten es selbst an jedem Tage, an welchem Ihre Mühen und Ihr Fleiss die Geldkisten Ihres Fabrikherrn füllten. Nur die erhabene Fahne der socialen Republik kann in ihrem Schatten jedem freien Mann seine Geltung verschaffen. Werben Sie unter Ihren Brüdern in England, und bereiten Sie dieselben vor; denn ich sage Ihnen, der Anbruch des Tages ist nahe, an dem die Flamme der Völkerfreiheit über Berg und Tal, über See und Land leuchten und zum grossen Kampfe rufen wird für die ewige Gleichheit!"

Die schwülstigen, wohlberechneten Worte verfehlten ihren Eindruck nicht, der junge Mann hob begeistert die Hand in die Höhe wie zum Schwur, der Italiener ballte die Faust, zwischen den zusammengebissenen Zähnen zischte die Drohung:

"Tod den Tyrannen!"

"Diese Papiere werden Ihnen sagen," fuhr der Redner fort, "an wen Sie sich in London zu wenden und wie Sie Ihre Instructionen zu erhalten und auszuführen haben. Im Namen der Freiheit und Gleichheit weihe ich Sie zu dem grossen Werke des Bundes. Gehen Sie."

Die Beiden wendeten sich nach der Empfangnahme der Papiere zur Tür, an der der Jüngere einen Augenblick zauderte, dann kehrte er rasch um und trat entschlossen nochmals zu dem Tisch:

"Morbleu, meine unbekannten Herren! Es drückt mir da Etwas das Herz und das möchte ich gern los sein, ehe ich die befohlene Reise zu den Beafsteaks antrete. Mein Alter hätte das Geld sparen können, das er in meiner Jugend darauf verwendet hat, mich in einer englischen Maschinenwerkstätte in die Lehre zu geben, dann hätte doch meine Schwester jetzt einen Notpfennig. Ich kann das arme Mädchen wahrhaftig nicht so zurücklassen ohne Schutz und Hilfe, das Grisettenblut in ihren Adern ist gar zu leicht und die Verlockung oft gross genug."

"Sie werden vor Ihrer Abreise einen Vorschuss von zweihundert Franken erhalten, den Sie von Ihrem guten Verdienst in England abtragen können," sagte der Rote. "Ihre Schwester wird im Auge behalten werden, gehen Sie unbesorgt."

Der junge Arbeiter verneigte sich dankend, warf noch einen neugierigen blick rings umher und folgte seinem gefährten. "Ich glaube, der Vorstand der Section England," sagte der Verhüllte, "hat da keine besondere Wahl getroffen. Der Mann gehörte auf die Barrikade, nicht in die Werkstätten."

"Er ist ein trefflicher und für seinen Stand schwungvoller Redner," wandte der Getadelte ein, "und wir finden wenig französische Arbeiter, die der englischen Sprache mächtig sind. Ueberdies ist sein Begleiter der Mann, der seine Fähigkeiten auf den bestimmten Punkt fesseln wird."

"Sie mögen Recht haben, der Zweite ist eine Physiognomie, aus der sich Vieles machen lässt und der, was er erfasst, nie aus den Augen verlieren wird. Ich kann den Namen nicht deutlich lesen, der Manu heisst?"

"P i a n o r i . Er focht in Rom, brachte uns die letzten Depeschen von Turin und hält sich seitdem heimlich hier auf."

"Lassen Sie den Letzten für heute erscheinen."

Die fünfte Tür öffnete sich und ein elegant, ja überladen gekleideter Mann in mittleren Jahren, von einem gewissen Embonpoint, wie es vielen unserer Börsencoryphäen so behaglich steht, trat unter Verbeugungen ein. Der Schnitt des Gesichts verriet die orientalische Abstammung vielleicht aus dem zweiten Grad; die schmal zulaufende hohe Stirn den geübten Rechner und Zahlenmann, die rastlos sich bewegenden Finger und die kurz und scharf umherblickenden Augen zeigten den tätigen Geschäftsmann und Speculanten.

Ohne die Anrede abzuwarten, begann der Eingetretene: "Im Begriff, nach Wien abzureisen, erhielt ich die Ladung des Rates und beeilte mich, dem Befehl nachzukommen. Darf ich wissen, welche Angelegenheiten meine Dienste erheischen?"

Der Verhüllte nahm ein kleines Buch in rotem Saffian, das der Secretair ihm reichte und durchblätterte es einige Augenblicke schweigend, dann fragte er:

"Haben Sie zufällig unser Conto zur Hand, Herr Baron?"

"Gewiss, ich steckte es zu mir. Der letzte Abschluss vom vorigen monat ist, wie ich ersehe, 75,000 Franken zu meinen Gunsten. Man hatte in dem monat stark gezogen."

"Ganz recht, mein Herr, indess die anvertrauten Fonds ergeben eine Summe von Achtmalhundert dreiundsechszigtausend Francs, – so viel ich weiss in Metalliques und Bank-Aktien?"

Der Geldmann warf einen hastigen blick auf den Redner. "So ist es, ich machte auch nur die Bemerkung in Beziehung auf das laufende Conto."

"Ich vermutete das. Doch, mein Herr, der Bund braucht in diesem Augenblick bedeutende Mittel, und ich wollte Sie ersuchen, die Werte bis auf