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Euer Wohlgeboren wissen werden, jetzt das Kommando in Ssewastopol führt, soll viele nächtliche Ausfälle machen, bei denen sich unsere Truppen mit Ruhm bedecken."

"Sind die Grossfürsten noch in Ssewastopol?"

"Ja, Euer Wohlgeboren. Ich habe gehört, dass Seine Kaiserliche Hoheit, der Grossfürst Nikolaus Nikolajewitsch, die Verteidigung der Nordforts kommandirt. Euer Vohlgeboren werden sich selbst davon in einigen Tagen überzeugen können?"

Der Offizier schüttelte den Kopf. – "Ich gehe nicht nach Ssewastopol."

Der Aufseher schante ihn erstaunt andas war in diesen Tagen eine seltene Antwort. – "Darf ich mir die Freiheit nehmen, Euer Wohlgeboren zu fragen, wohin Ihr Weg führt?"

"Ich will nach dem Kuban und gehe daher nach Kertsch. Hat unsere Armee in der letzten Zeit Verstärkung erhalten?"

"Es kommen täglich Truppen, trotz der strengen Kälte. Das dritte Infanterie-Corps ist seit Weihnacht auf dem Durchmarsch. Fast täglich kommen Abteilungen vorbei, noch heute Mittag passirte ein Bataillon."

"Sie werden einen schlimmen Tag haben. Wie weit ist die nächste Stanzia?"

"Acht und zwanzig Werst, Herr! Es ist die Colonie der Frommen5."

"Zum Henker! Ein schlimmer Marsches wird nicht viel weniger sein, als 24 Grad."

Der Wirt zuckte bedenklich die Achseln. – "Wenn es nur das Schlimmste wäre!"

"Wie meinst Du das?"

"Die Tataren, die das Wetter kennen, fürchten einen Sturm, und ein Schneesturm ist ein bös Ding in der Steppe. Die Heiligen mögen uns bewahren!"

Der Offizier, der einen tüchtigen Schluck von dem heissen, stark mit Rum versetzten Tee genommen, der eben herein gebracht worden, sah ihn lächelnd von der Seite an. – "Du meinst wegen der Pferde? es hilft Dir Nichts, Brüderchen, ich bleibe doch nicht."

"Die Heiligen sollen mich vergessen, wenn ich Euer Wohlgeboren nicht die Wahrheit sage. Der Graf, welcher dem Bataillon sich angeschlossen, um des jungen Fähnrichs, seines Enkel willen, hat die letzten Pferde genommen und sie doppelt bezahlt. Die armen jungen Leute. Ich glaube, die Hälfte der Offiziere ist kaum aus den Anstalten in Petersburg gekommen."

Der Reisende wurde aufmerksamer. – "Waren es neue Truppen? Wer führt sie?"

"Poltawskische Infanterie, Herr. Podpolkawnik6 Galizin kommandirt das Bataillon. Es muss Not haben vor Ssewastopol, denn die Truppen haben Ordre, doppelte Tagemärsche zu machen, und der Kommandant ist nicht der Mann, sie ihnen zu schenken."

Er legte das Stationsjournal vor den Reisenden, um seinen Namen zu erfahren: die Lieutenantsuniform und der Mangel aller Bedienung hatte ihm nicht besonderen Respect eingeflösst. Der Fremde zog das Buch zu sich, blätterte darin und las gleichgültig die letzten Namen. Plötzlich sprang er hastig empor und den Finger auf die letzte Einzeichnung, fragte er: "Graf Ludomirski? – wer ist das?"

"Der letzte Reisende, der Pferde erhalten: ich erzählte Euer Wohlgeboren bereits davon. Er folgt schon von Kiew aus dem Bataillon, bei dem, wie mir der Jäger sagte, sein Enkel eingestellt ist, aus Besorgniss für den Knaben. Als ob nicht jeder russische Vater so gut wie er seine Söhne für den Dienst gegeben!"

"Der Graf ist ein aller Mann? – kannst Du mir ihn näher beschreiben?"

"Warum nicht, Väterchen, er ist kenntlich genug: zwei tiefe Narben im Gesicht, die eine bis über den kahlen Schädel. Den Jäger kenne icher kam im vorigen Sommer hier durch bei dem grossen Steppenbrande mit einer Dame."

"Er ist's – unbezweifelt! – Höre, Brat, die Ausflucht mit den Pferden muss aufhören; ich muss auf der Stelle weiter. Ich will die Post nicht zur Krontaxe, sondern gebe Dir doppelte Bezahlung, wenn ich die Pferde binnen einer Viertelstunde habe, und ein gutes Trinkgeld obend'rein."

Das Versprechen halfFurcht und Geld sind die Mittel, durch die bei den Russen Alles zu ermöglichen ist. Wenige Augenblicke darauf sprengte ein Kosack davon, um Pferde aus der Stepphe herbeizuschaffen. Dennoch schien der erweckte Diensteifer mit Besorgniss zu kämpfen, der Aufseher stand mit den Bauern und Knechten in lebhaftem Gespräch vor der Tür und schaute oft nach dem Himmel, den Worten und Zeichen eines alten Tataren horchend.

Die Sache war aber schwerlich zu ändern, das Geld, das der Offizier so freigebig geboten, lockte und über die Fläche galoppirte bereits der Kosack mit einem jungen Burschen und den drei zur Beförderung des Schlittens bestimmten Pferden. Der Offizier stand trotz der strengen Kälte in der Tür des Hauses, um mit seiner Gegenwart die Vorbereitungen zu beeilen.

Der Postalter trat wieder zu dem Offizier. – "Ich halte es für Pflicht, Gospodin, Sie darauf aufmerksam zu machen, dass Ihnen Gefahr in der Steppe droht Muhamed, der Tatar, ist der beste Wetterkundige fünfzig Werst in der Runde, seit Michael, der Tabuntschik, zur Krimm gezogen, und er meint im Ernst, dass wir leicht einen Schneesturm haben können."

Der Ulan lachte ihm in's Gesicht. – "Schau Dich nur mn, Alteres ist ja kein Wölkchen am Himmel. Hier ist Dein Geld und etwas darüber für die Kosakken und nun lass mich ungeschoren mit Deiner aufrichtigen oder erfundenen Besorgniss."

"Das ist es ja eben, Euer Gnaden,