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in der Mitte des Hofes halten, als der blutige Tabuntschik hastig hinzutrat und die Zügel seines Pferdes ergriff.

Die Blicke der beiden Greise, als sie sich kreuzten, waren, finster, doch drückten die des Rosshirten eine gewisse trübe Teilnahme aus, die des Kosacken Zorn und Misstrauen.

"Kehre um, Iwan," sagte der Tabuntschik, "und verlass diese Mauern. Deine Augen sind alt und ich möchte sie nicht getrübt sehen von dem Anblick, der Dich bedroht."

Der Jessaul lächelte düster. – "Wann ist Iwan, dem Zaporoger, den sie den Teufel nennen, Gutes geworden, wo der Herr der Finsterniss in Deiner Gestalt ihm entgegentrat? – Wo ist Wanka, mein Enkel, und Alexis und die Andern, dass sie ihrem Ataman das Ross halten?"

Seine Augen suchten im Kreise, doch Niemand antwortete ihm. Die Offiziere, die Soldaten und die Leute vom Schloss waren näher getreten und bildeten einen Kreis um den Alten.

"Du bist der Kosack des Fürsten Oczakoff?" fragte der Oberst, während der Greis vom Pferde stieg. "Was bringst Du für Botschaftwo ist der Fürst?"

Der Alte, statt ihm zu antworten, neigte horchend den Kopfdie Töne des Todtengesanges schallten leise aber deutlich aus der Halle des Turmes her ihm entgegen. Sein benarbtes, durchfurchtes Gesicht erbleichte bei ihrem Anhören. – "Was ist das? bei den heiligen Märtyrern, das ist die Todtenklage vom Ufer des Don – –"

Er wollte vorwärts, der Graf vertrat ihm den Weg. "Antworte mir zunächst, welche Botschaft bringst Du?"

"Ich will die Fürstin Oczakoff sprechen! Lass mich vorbei, Herr, in meinem alten haupt brennt es, wie jene Flammen der Steppe, aus denen ich Dich mit meinen Enkeln einst rettete. Jane Klage – –"

"Sie gilt der gerechten Strafe von Rebellen gegen den Befehl des Kaisers," sagte der Oberst mit der ganzen Gefühllosigkeit der russischen Aristokratie gegen den niedern Mann. "Die Fürstin Oczakoff befindet sich nicht mehr im Schloss, darum – –"

"Iwanowna Oczakoff ist hier," sagte eine klare, feste stimme, und zurückprallend erblickte der Graf auf der obersten Stufe des Turmportals die edle Gestalt der Fürstin, in dunkle Gewänder gehüllt, auf den Arm ihrer gleich gekleideten Dienerin gestützt. Das schöne Gesicht war bleich, um den Mund lag ein Zug tiefen Schmerzes, auf der gewölbten Stirn und in den dunklen Augen aber unbeugsame Entschlossenheit.

Die Fürstin schritt langsam und ernst die Stufen herab, ohne den Obersten eines Blickes zu würdigen, und durch die sich ehrerbietig öffnenden Reihen zu dem greifen Krieger, dessen Hand sie ergriff. – "Vater Iwan," sagte sie feierlich, "der Allmächtige, der über uns Alle gebietet, hat vier Deiner Enkel nicht im Kampf für das heilige. Russland, dem Du sie geweiht, aber im Kampf für Treue und Ehre lassen durch die Hand böser Menschen. Der Wille des Herrn, sei gelobt!"

"Amen!" Es klang wie der Ton der Schollen, die auf den Sarg fallen. Der Greis hatte sein Haupt gebeugt und folgte, vor sich hinstarrend, der Hand, die ihn zu den Leichen der Seinen führte. Zu ihren Häupten kniete er nieder und vereinigte seine tiefe stimme mit der Klage der Steppenkrieger, die die seltsame Todtenfeier bildeten.

Unterm Bogen der Pforte war die Fürstin stehen geblieben und hatte Sergei Popotoff gewinkt. – "Bereite Alles zu meiner Abreise," befahl sie ruhig und gemessen, "in einer Stunde lass den Wagen bereit sein."

Der Graf hatte das Gefühl von Scheu und Grauen, das ihn bisher zurückgehalten, trotzig überwunden und näherte sich bei diesen Worten der jungen Herrin. – "Die Fürstin Oczakoff," sagte er finster, "wird mir als Kommandant dieser Truppen erlauben, eine Escorte zu ihrer Disposition zu stellen und die Frage an sie zu richten – –"

Die Fürstin richtete sich empor, ihr vernichtender blick streifte mit dem Ausdruck verächtlichen Widerwillens den hochmütigen Mann. – "Wagen Sie nicht, mich anzureden, Herr," sagte sie stolz und kalt. "Iwanowna Oczakoff hat Ihnen keine Antwort zu geben. Ich werde in Baktschiserai mein Tun rechtfertigen." – Sie wandte ihm den rücken. – – –

Zwei Gründen später verliess ein verschlossener Wagen den steilen Felsweg und schlug die Strasse nach dem inneren der Halbinsel ein. drei bewaffnete Diener folgten ihm.

Ehe die Fürstin das Schloss verlassen, hatte sie Sergei, dem Kastellan, auf's Strengste befohlen, das arme Mohrenmädchen, das ihren verwundeten Bruder nicht verlassen wollte, in seinen Schutz zu nehmen und ein reiches Geldgeschenk an den Wundarzt der Jägercompagnie diesen vermocht, Jussuf alle Sorgfalt seiner Kunst angedeihen zu lassen. Der Graf hatte alsbald nach jener Zurückweisung zornknirschend sein Pferd bestiegen und eine Recognoscirung der Küste angetretener wünschte weder der Fürstin, noch ihrem Bruder jetzt zu begegnen.

Als der Wagen den Fuss des Felsenkammes erreichte, fand sich der greise Jessaul zu den Begleitern und küsste schweigend die Hand, die die junge Fürstin ihm reichte. Er kam von dem breiten Grab, das die Kinder der Steppe am Ufer der Bucht gegraben und in das sie seine vier Enkel unter den Gebräuchen ihres Volkes eingesenkt. – Am Abend scharrte man unfern von ihnen in eine weite Grube die verstümmelten Leichen der gemordeten Schiffbrüchigen; jene die von ihrer tapfern Hand bei der Verteidigung gefallen, hatte das Voll