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"Es weilt Keiner mehr auf Erden," sagte der Greis finster, "der von den Oeffnungen dieser unterirdischen Gewölbe weiss. Woher ich die Kenntniss habe, mag Dir gleich sein. Genug, ich habe versprochen, Euch mitten in das Schloss zu führen, trotz ihrer Mauern und Riegel, und ich werde mein Wort halten. Ich habe mich bereits überzeugt, dass der Durchgang frei ist. Mögen die Feinde Russlands alle verderben, wie diese in unsere Hand gegeben sind!"
"Einen Augenblick noch," sagte der Graf eilig, "ich muss mich von Einem überzeugen." Er nahm eine Kerze und ging durch das nächste Zimmer bis zum Schlafgemach der Französin. Er horchte an der Tür, dann öffnete er sie leise und leuchtete hinein: – Celeste lag auf ihrem Lager, sie schlief. Vorsichtig, wie er gekommen, verschloss er wieder die Tür und ging zu den Harrenden. Kaum aber waren seine Schritte verklungen, als die Französin die Decken von sich warf und vollständig angekleidet vom Lager sprang. Ihr Gesicht war sehr bleich und aufgeregt. – "Bald hätte er mich entdeckt," murmelte sie; "jetzt, Glück und Mut, steht mir bei!" Auf den Zehen schlich sie hinter ihm d'rein, auf's Neue zu lauschen. ––––––––––––––––––––––––––––
Es wird für die Darstellung des Folgenden nötig sein, noch eine kurze Erläuterung des Schauplatzes zu gewähren. Der grosse Turm aus der Genneser Zeit bildete mit zwei anschliessenden kurzen Flügelgebäuden die Front nach der See und den Felsenterrassen. Zwei lange Gebäude stiessen im rechten Winkel an beiden Enden an, das linke die Wohnungen der Dienerschaft und der Fremden entaltend, das zur Rechten nach der Villa hin jetzt zur Aufnahme der Schiffbrüchigen benutzt. Die vordere Seite des viereckigen Hofes schloss eine breite, mittelalterlich krenelirte Mauer, in deren Mitte ein niederer Turm das Torgewölbe bildete. Vor dem Tor vermittelte die jetzt in ihren Ketten hängende Zugbrücke den Uebergang über eine Felsspalte. –
Es war dem jungen und kühnen Midshipman gelungen, dem ersten Angriff der nächtlichen Feinde sich zu entreissen; halb betäubt von dem Schlage, hatte er nur ein Bewusstsein, das – wie von ihm die Rettung aller seiner Kameraden abhing, und mit dem durchdringenden Geschrei: "Alle Mann ahoii! Verrat! Verrat!" floh er über den Hof nach der Tür, die zu der Halle führte, in der seine gefährten schliefen. Zwei Pistolenschüsse knallten hinter ihm d'rein, die eine Kugel schlug in seinen Arm, aber es gelang ihm, bis zum Eingang zu kommen. Doch zu seinem Unglück hatte er die Tür selbst verschlossen, und ehe er mit dem verwundeten Arm sie zu öffnen vermochte, waren die Verfolger bei ihm. Keinen Augenblick war sein Warnungsruf verstummt und schon hörte er Lärm im inneren, als eine Faust ihn von hinten an den Haaren erfasste und zurückriss. Er sank in die Kniee: "Edward! Bruder Edward! zu Hilfe – zu – –"
"Hundssohn! Zur Hölle mit Dir!" – Die breite Klinge eines Messers durchschnitt seinen Hals, – aus hundert Quellen sprudelte das junge Lebensblut.
Der brave, tapfere, hochherzige Knabe wand sich im Todeskampf, als die Tür aufflog und seine Freunde, mit Allem bewaffnet, was ihnen im Augenblick zur Hand gewesen, herbeidrängten.
"Auf sie! aus sie! Nieder mit allen Feinden des heiligen Russlands!" heulte die stimme des Tabuntschiks, indem er über die Leiche des jungen Mannes auf die Gegner sprang. Ein wildes, blutiges Handgemenge verstopfte den Eingang. – – –
Eine Hand fasste den Schlafenden und schüttelte ihn. – "Bei dem weissen Christ, den Du mich kennen gelehrt, erwache, Herr, erwache!" – Der deutsche Arzt fuhr aus dem Schlummer empor – das Geschrei eines wilden Kampfes draussen in den Gängen, auf dem Hof dröhnte in seine Ohren und verwirrte ihn im ersten Augenblick, während er von dem Lager sprang. Dämmerung umgab ihn, die Lampe, die in dem Gemach gebrannt, war verlöscht, eine zitternde Hand hielt seinen Arm, eine zweite dunkle Gestalt sah er undeutlich mit dem rücken gegen die Tür gelehnt, diese gegen das Toben Anstürmender von Aussen halten.
"Was geht vor? was ist geschehen?"
"Still – um des Lebens willen! Folge mir! Die Russen morden Deine Brüder!"
"Barmherziger Gott – kapitän Depuis – –"
"Ihre Wut hat ihn erschlagen! – Fort, fort – Bruder, er ist das heilige Erbe, das uns Mariam hinterlassen!"
Der Schwarze an der Tür winkte: "Möge Allah Euch helfen! Jussuf sichert Eure Flucht!"
Sie zog ihn mit sich fort. – – ––––––––––––––––––––––––––––
Die britische Wache an der Pforte, welche zur Verbindungsbrücke mit dem neuen schloss führte, war unter dem Mordmesser der Schaar gefallen, die, vom Tabuntschik geleitet, den Ueberfall durch die unterirdischen Felsgewölbe ausgeführt hatte. Durch die geöffnete Tür drang der Rest der wütenden Schaar unter des Obersten Führung und stürzte nach dem Hauptgebäude des Turms, während die Diener und Leibeigenen des Schlosses sich teils aus Furcht, teils aus Sympatie für ihre Landsleute in dem Seitengebäude verbergen hielten, das ihnen zur wohnung angewiesen war.
Am Fuss der grossen Treppe, die zu den Gemächern der Fürstin führte, fand der Graf den gefährten des treulosen Dieners, welcher dessen Spionsdienst fortgesetzt. – "Ist der Franzose fort?" – "Nein, Gospodin, keine Seele hat