1855_Goedsche_156_71.txt

Husten erschütterte. "Ich weiss nichtwarum ich besorgt um Dich bin, nachdem die Gefahr überstanden! Du bist der Letzte unserer Familiewenn nicht – –" die fixe idee an Diona, an sein verlorenes Kind erfüllte auf's Neue seine Seele und er starrte düster vor sich hin.

"Lege Dich nieder, Bruder, ich bitte Dich. Ich wollte, Du frügst den französischen Arzt um Rat, der so wacker Dir auf dem Schiffe beigestanden hat."

Der Baronet machte schaudernd ein Zeichen der Abwehr. "Gute Nacht, Frank!" Er schwankte davon.

Der Jüngere schaute betrübt ihm nach und dann auf die gefährten, die sich alle, so gut es ging, ringsum in der Halle gelagert. Eine Stunde wohl sass er im Nachsinnen über das geheimnis, das offenbar seines Bruders Seele belastete und von dem er nur sehr Unvollständiges aus den Andeutungen des alten Dekkmeisters wusste, die diesem im Aerger über das Treiben des Baronets und sein neues verhältnis zu der im Fanar geretteten Odaliske entschlüpft waren. Das Schnarchen seiner Unglücksgefährten ringsum übte einen schläfernden Eindruck auf seine Sinne aus, er versank in einen Zustand zwischen Traum und Wachen, aus dem ihn erst ein kräftiger Entschluss wieder emporschüttelte. Er sah nach der Uhres ging bereits auf Mitternacht, und obschon er allein war, färbte doch eine dunkle Schaamröte sein Gesicht, dass er so lange seine Pflicht versäumt hatte.

Der Knabe machte sich fertig, seine Runde anzutreten, und nachdem er einen Schluck Wein genommen, verliess er die Halle, schloss die Tür und trat in den Hofraum.

Der Regen, der den ganzen Tag über gefallen, hatte aufgehört und zwischen den rasch dahin ziehenden Wolken trat zuweilen sogar der Mond hervor und warf seinen bleichen Glanz über die Gebäude und den Hof. – "Ich fürchte," murmelte Frank vor sich hin, "die Bursche haben kaum besser gewacht, als ich. Hier ist das Torgewölbe, wo Sannders postirt war. Der Halunke ist untergekrochen und schläftwahrhaftig, da liegt er!" Er beugte sich zu dem dunklen Körper, der im Schatten der Mauer zu seinen Füssen lag, und schüttelte ihn, zuerst am Arm, dann an der Brust, – als er plötzlich zurück in den Mondschein sprang und seine Hand emporhielt. Eine noch warme, dunkle Flüssigkeit tropfte davon nieder. – "Barmherziger Gott, Blut! Der Mann ist ermordetzu Hilfe!"

Er hatte den Ruf kaum ausgestossen, als er wilde, bärtige Gesichter vor sich auftauchen sah, erhobene hände, blitzende Beile und Messer – –

"Tschort w twaju duschu! Schlagt ihn zu Boden!"

Ein Hieb über den Kopf warf ihn in die Knie. Im Fallen noch sah er, wie dunkle Haufen von Männern aus einer Tür in der Mauer des grossen Turmes hervorstürzten, die zu den Kellergewölben führte. Ein schmerzhafter Stich, für seine Brust bestimmt, fuhr durch eine Waldung in seine linke Schulter; dann, wie von einer Feder geschnellt, sprang der wackere Knabe wieder empor und schoss durch den Kreis seiner Feinde – – ––––––––––––––––––––––––––––

In dem grossen Gemach, im neuen teil von Schloss Aju, in dem Oberst Wassilkowitsch am Tage vorher den Besuch des jungen Schlossherrn empfangen, stand der Graf in einem dichten Kreis wilder Gestalten, deren grimmige, von blutgierigem Hass erregte Mienen und funkelnde Augen sie entschlossen zu jeder furchtbaren Tat verkündeten. Es waren Fischer, Muschiks, Zigeuner in den verschiedenartigsten Trachten der niedersten Volksklassen, Alle mit Aexten, Spiessen und Messern bewaffnet, Einige mit Säbeln und Pistolen, und drei oder Vier in Jägerkleidung mit Gewehren. Der Graf selbst trug über dem kurzen Pelzrock im Gürtel Pistolen, in der Hand seinen Säbel; sein Gesicht war bleich, aber entschlossen, sein hässliches Auge funkelte Rache und Grausamkeit.

Ein Leibeigener von der Dienerschaft des alten Schlosses stand vor ihm. – "Also der französische Offizier und die englische Dame haben den ganzen Abend bei der Fürstin zugebracht und ihre Gemächer noch nicht verlassen?"

"Ja, Erlaucht! So wahr die Heiligen mich segnen mögen. Ich stand die ganze Zeit auf der Lauer, wie Du mich geheissen, und Boris, mein Kamerad, hat jetzt meine Stelle eingenommen."

"Wie viel Wachen haben sie ausgestellt?"

"Zwei Mann am Haupttor, zwei an der Tür nach der Terrasse und einen an der kleinen Pforte zur Brükke. Als ich über die Mauer stieg, lagen sie bereits fast Alle im Schlaf. Im Turm wachen die vier Kosacken, die der Fürst zurückgelassen."

"Der Henker hole die Schufte! Ist die Terrasse besetzt, dass sie auf dieser Seite nicht entwischen können?"

"Sei unbesorgt, Graf," sagte der Tabuntschik. "Seit dem Abend lagert eine hinreichende Zahl dort und auch am Strande sind Wachen genug. Wir können das Werk beginnen."

"Wohlan! Ihr kennt meinen Willen. Die Wachen werden zunächst unschädlich gemacht und dann Alle gefangen genommen. Nur wer sich widersetzt, wird niedergestossen."

Der Tabuntschik lächelte mit blutdürstigem Spott zu dem Befehl des Obersten. – "Sei zufrieden, Gospodinwir wissen, was wir zu tun haben!" Sein Auge winkte im Einverständniss den Umstehenden.

"Es ist seltsam, Alter," fuhr der Graf fort, "dass Du allein von der Verbindung wusstest, in welcher die Kellergewölbe der beiden Felsenseiten stehen. Wie nun, wenn sie von drüben den Durchgang gesperrt oder verschüttet hätten?