selbst das Feld räumen."
Die Fürstin sann einige Augenblicke nach. "Sie könnten sich verbürgen, dass kein Angriff von Seiten Ihrer Truppen erfolgt, und dass kein feindlicher Versuch gegen uns bei dieser gelegenheit gemacht wird? Man hat bereits früher mehrere unbeschützte Orte der Küste geplündert und Gefangene weggeführt."
"Das taten die Engländer, Fürstin. Unsere Rettung beim Schiffbruch ist Ihr Werk und jeder Franzose wird diese Tat der Menschenfreundlichkeit ehren und die Waffen nicht gegen unsere Retterin kehren. Aber was geschehen soll, müsste rasch geschehen, um jedes Zusammentreffen mit russischen Truppen zu vermeiden."
"Wer soll versuchen, Ihre Freunde herbeizuholen – Sie selbst Vicomte?"
Der Colonel lächelte über die neue Bemühung, ihn zu entfernen. "Meine Ehre gebietet mir, zu bleiben. Aber freilich müsste es Jemand sein, der französisch spricht, und ausser dem Arzt, der Depuis nicht verlassen kann, wüsste ich Keinen unter meinen Unglücksgefährten –"
"Vergessen Sie mich? – ich bin bereit zu dem Abenteuer."
"Sie, Mylady?"
"Warum nicht? Wenn die Fürstin mich mit den notwendigen Erfordernissen versehen kann, – ich bin eine ziemlich gute Reiterin, wie ich Ihnen beim nächsten Wettrennen im Lager zu beweisen hoffe, und ausserdem gelingt es vielleicht einer Frau, desto eher durchzukommen."
"Das ist wahr – aber dies Wetter – es dunkelt bereits."
"Ah bah! ich bin die Frau eines Soldaten, und war auf Strapazen und Gefahren aller Art gefasst, als ich hierher kam. Wie könnte ich mir besser die erlaubnis des Lords zum Bleiben erkaufen, als mit diesem Abenteuer? Hätte ich nur Bob, mein Lieblingspferd, bei mir2, alle Ihre Kosacken sollten mich nicht einholen."
Die Fürstin hatte sich entschlossen. "Was Sie tun wollen, Mylady, ist allerdings nicht ohne Gefahr, indess der Mann, dem ich Sie übergeben würde, treu und zuverlässig"
"Wann soll ich aufbrechen?"
"Je eher – je besser – sogleich! die Dämmerung begünstigt uns jetzt."
"Ich bin bereit – aber –" sie wies auf die Kleider, die sie von der Fürstin erhalten.
"Sie finden Alles hier – selbst das nötige Reitzeug. Wollen Sie uns auf eine Viertelstunde verlassen, mein Freund? Sie finden in dem vordern Zimmer Schreibzeug, wenn Sie einige Worte für die Lady nötig halten."
Der Vicomte entfernte sich.
Als er nach kurzer Zeit wieder herein gerufen wurde, fand er die englische Dame in einem passenden Reitrock und einen Regenmantel mit Kapuze verhüllt. Ein eleganter Damensattel log in ihrer Nähe.
Ausser den beiden Damen war noch eine dritte zugegen, ganz gleich gekleidet mit der Fürstin, das Haupt in einen türkischen Yaschmal verhüllt.
"Haben Sie Mylady noch einen Auftrag zu geben, Vicomte?"
"Hier sind einige Zeilen, die ich Sie dem kommandirenden Offizier zu übergeben bitte. Sie entalten die Verpflichtung meines Ehrenworts, das jeder Kamerad achten wird. Wie es auch kommen möge, Mylady, es macht mich glücklich und erleichtert unser Missgeschick, dass Sie wenigstens gelegenheit finden, ihm zu entrinnen."
"Du weisst Alles, was Du zu tun hast. In einer Stunde werden wir zurück sein – Du öffnest unter keinen Umständen, ehe wir wieder hier sind. – Und jetzt, Vicomte, nehmen Sie diesen Platschtsch hier und das Reitzeug, – ich bin im Begriff, Sie in die Maschinerie meines Zauberschlosses blicken zu lassen." – Sie hüllte sich selbst in einen kurzen Pelz und zog das Capuchon über das Lockenhaupt, dann zündete sie ein Windlicht an und trat an den Spiegel der Seitenwand. – "Merken Sie auf und folgen Sie mir unbesorgt."
Die geheime Tür öffnete sich unter ihrem Druck. ––––––––––––––––––––––––––––
Die britischen Offiziere halten am Abend vergeblich nach dem französischen Colonel gefragt – er blieb verschwunden, und als Jussuf, der Mohr, der noch immer die Krankenwache bei dem Verwundeten hielt, berichtete, dass eine Dienerin des Schlosses ihn geholt, sorgte man nicht weiter um ihn. Der einzige, der ihm näher stand, der deutsche Arzt, lag noch immer im tiefen Schlaf, die erschöpfte natur hatte ihre Rechte gefordert. –
Es war zehn Uhr; in der grossen Halle im Seitengebäude des alten Genueser Turmes standen auf einer langen Tafel die Ueberreste der Abendmahlzeit, für welche der Kastellan im strengen Auftrage seiner Herrin gesorgt. Flaschen mit dem feurigen griechischen Wein oder dem mildern Rebensaft der taurischen Küste und der Donau, Rum und Branntwein bedeckten den Tisch, und die Gruppen der Männer, schwatzend, lachend, lärmend, das kaum überstandene Elend bereits vergessen, oder schon in tiefem Schlaf an den Wänden umher liegend, zeigten, dass sie dem Getränk wacker zugesprochen.
Am obern Ende der Tafel sassen Hunter, der Hochbootsmann, die beiden Midshipmen und der Baronet, im ernsten Gespräch begriffen.
"Es ist schlimm, Sir," sagte der Letztere, "dass Sie den Leuten gestattet haben, des Guten wahrscheinlich zu viel zu tun. Es werden ihrer nur Wenige fähig sein, die nötige Wache zu halten, und ich traue dem Gesindel um uns her wenig."
"Lassen Sie gut sein, Sir Edward," meinte der erste Lieutenant; "nach den überstandenen Leiden durfte ich nicht so streng sein mit den Männern. Sie können eine Stärkung brauchen, denn ich fürchte, wenn wir morgen unseren Weg antreten, werden wir all' unseren Mut und unsere Kräfte von nöten