"Sie haben den Grafen Wassilkowitsch erkannt, gestern bei jener furchtbaren Scene?"
Er bejahte.
"Er hasst Sie – noch bitterer, wie damals, als er das unselige Missverständniss zwischen Ihnen und meinem Bruder hervorrief. Vieles ist mir deutlich geworden erst seit Kurzem. Sie wissen," – eine dunkle Röte überzog ihr schönes Gesicht – "warum er Sie hasst, und Sie wurden jetzt, wie mein Bruder mir erzählt, noch sein Sieger bei Silistria, was eine Bitterkeit vermehrt."
"Ich kümmere mich wenig darum, Fürstin!"
"Fürchten Sie Alles von ihm. Leider reicht wahrscheinlich schon morgen meine Macht nicht mehr hin, Sie zu schützen. Er ist zum Befehlshaber an dieser Küste ernannt und jeden Augenbild können die kommandirten Abteilungen unserer Truppen eintreffen."
"Dann müssen wir ausführen, was wir beschlossen haben. Ihre Grossmut, Fürstin, hat es verweigert, uns als Kriegsgefangene anzusehen. Wir sind demnach durch Nichts gebunden. Wir sind sechsundfünfzig rüstige Männer und wollen versuchen, zu land Balaclawa zu erreichen."
"Es ist unmöglich – lesen Sie! Deshalb eben liess ich Sie holen, denn die Lady hier hatte mir gleichfalls Ihre Absichten mitgeteilt." Sie reichte ihm das Blatt, das ihre Hand bei seinem Eintritt gehalten. "Es ist von einer Landsmännin, einer französischen Dame, geschrieben," sagte sie mit einer leichten Verlegenheit, "die, so viel ich weiss, einen Verwandten des Obersten geheiratet und nach jenes tod oder Verbannung von Bukarest ihn hierher begleitet hat."
Der Offizier las; das flüchtig mit Bleistift geschriebene Billet lautete:
"Meine Fürstin!
Ihre Freundlichkeit durch eine Warnung zu vergel
unmöglich meine Landsleute mit kaltem Blute morden sehen. Finstere Pläne gegen die Schiffbrüchigen sind im Werk – ich weiss nur so viel, dass Boten abgegangen, um die Ueberkunft der Truppen zu beschleunigen. Das Landvolk der Gegend, voll Erbitterung gegen die Alliirten, ist aufgeboten und ein Haufe Gesindel, mehr als Zweihundert, bewacht die Wege vom Schloss, um Ihre Schützlinge zu verhindern, zu dem französischen Streifcorps zu gelangen, das kaum drei Stunden von hier im Gebirge diesen Morgen sich gezeigt hat. Aber ich fürchte, man hat Schlimmeres noch mit den Unglücklichen vor, als sie gefangen zu nehmen; der Graf hat ihr Verderben geschworen. Ich hoffe, einen der Diener zu bestechen, dass er diese Zeilen Ihnen bringt und flehe, vollenden Sie das begonnene Werk der Rettung. C."
Einige Augenblicke sann er stillschweigend nach, dann sagte er aufblickend:
"Es bleibt uns demnach nur übrig, den gefassten Plan festzuhalten und uns durchzuschlagen, wenn wir Waffen bekommen können. Vielleicht finden sich deren genug hier im Schloss?"
"Es wird an ihnen nicht fehlen, wenn es die Verteidigung meiner Gäste gilt," erwiderte die Fürstin streng, "nie aber werde ich Ihnen Waffen geben, um Russen, meine Landsleute, anzugreifen."
Er schwieg.
"hören Sie mich an, mein Freund. Der Hass des Oberst Wassilkowitsch richtet sich vorzüglich gegen Sie. Sind Sie entfernt und gerettet, so werden Ihre Kameraden Nichts zu fürchten haben und man wird sie in ehrenvoller Gefangenschaft halten, wie die Mannschaft, die in Odessa in unsere hände fiel. Sie müssen fliehen, Vicomte, Sie allein."
"Das ist unmöglich!"
"Ich habe die Mittel in Händen, Sie unentdeckt aus diesem schloss zu bringen. Pferde harren zwei Werst von hier in einem Versteck am Ufer der See; ein sicherer, mir ergebener Mann ist dabei und kann Sie geleiten. Verkleidet werden Sie leicht durch das Land und bis zu einem Posten der Ihren kommen, während eine grössere Zahl entdeckt und angegriffen werden würde. Sie werden diese Flucht noch diese Nacht antreten und morgen gerettet sein."
Er schüttelte den Kopf. – "Ich danke Ihnen, Iwanowna, aber ich wiederhole Ihnen, es ist unmöglich. Ich darf meine Kameraden im Unglück nicht feig verlassen, um mich selbst zu retten, und Sie täuschen sich, wenn Sie glauben, Graf Wassilkowitsch würde an ihnen nicht mein Entkommen desto grausamer rächen. Ich teile unter allen Umständen ihr Schicksal."
Die Fürstin wusste ihm Nichts zu erwiedern, denn sie fühlte die Richtigkeit seiner Bemerkung und kannte die Grausamkeit des Volkes, wo seine leidenschaft geweckt und kein stärkerer Wille da war, der sie zügelte. Sie presste unruhig die hände an die pochenden Schläfe. "Aber ich kann, ich darf Sie nicht der Gefahr, dem sichern Verderben überlassen."
"Vielleicht könnte man sich in diesem Schloss halten, bis unsere Truppen, die so nahe sein sollen, uns entsetzen," sagte Mistress Duberly die mit Aufmerksamkeit bisher dem Gespräch zugehört hatte, ohne sich einzumischen.
"Sie haben Recht, Mylady – dies wäre der einzige Weg. Wir müssen auf Hilfe von Aussen bauen. Wenn die französischen Streifcorps nur drei Stunden von hier entfernt sind, so können sie benachrichtigt werden."
"Aber ich darf unmöglich Feinde gegen meine Landsleute zu Hilfe rufen!"
"Ich verbürge mich mit meiner Ehre, Fürstin, dass – wer auch die französischen Truppen kommandirt, – keine Waffe wider unsere Gegner erhoben werden soll, wenn man uns nicht zur Notwehr zwingt. Es handelt sich bloss um eine Diversion bis in die Nähe dieses Schlosses, unter deren Schutz wir frei abziehen können. Graf Wassilkowitsch hat noch keine Truppen hier und das Gesindel, das mordlustig uns belagert, wird bei dem erscheinen französischer Soldaten von