sich noch von den Wellen umbraust, bald sich im Getümmel der Schlacht wähnend. Die Lebenskraft, der frische Mut, die den Gefahren und dem Elend des Donau-Feldzugs, dem tod in den Laufgräben vor Sebastopol und den Schrecken der Cholera getrotzt hatten und glücklich entgangen waren, die ihn eben noch gerettet aus dem Toben des Orkans – sie lagen gebrochen jetzt von dem hinterlistigen Schlag eines Greises, und in wildem Gehirnfieber verzehrte sich Leben und Geist.
Doctor Welland hatte alle mögliche Hilfe seiner Kunst aufgeboten, dem mann, der ihn vor wenigen Monaten noch vor dem tod des Verbrechers gerettet, jetzt selbst das Leben zu erhalten, und darüber noch nicht ein Mal Zeit gefunden, an die wunderbare neue Bewahrung des seinen zu denken und die beiden Schwarzen aufzusuchen, denen er sie verdankte. Er wusste, es war Jussuf, der On-Baschi, der den Colonel begleitete, und er mochte vielleicht ahnen, wer die schwarze Verhüllte war, die sich ihm in das tobende Meer nachgestürzt, obschon er ihre Gegenwart auf dem Schiffe erst nach dem Ausbruch des Sturmes bemerkt hatte. Seit sie auf dem schloss waren, schien sie auf's Neue verschwunden oder ihn wenigsten sorgfältig zu meiden, und mannigfache widerstrebende Gefühle hinderten ihn, den On-Baschi nach seiner Begleiterin zu fragen.
Jetzt hatte der Arzt erschöpft sich einige Ruhe gegönnt, nachdem es ihm gelungen war, die wilde Aufregung des Fieberkranken zu besänftigen, der jetzt in apatischem Schlaf lag. Méricourt hatte bereits zwei Stunden an seiner Seite gesessen, fast eben so bewegungslos als der Kranke selbst – seine Gedanken waren bei dem unerwarteten Wiederfinden der Geliebten, seine Träume bei ihr, so nah' und doch so fern, kaum durch Schritte getrennt, und doch durch Völkergeschicke geschieden.
Er dachte an sie! – Wenn des erprobten Mannes geharnischte Seele die Liebe erfüllt, geschieht es mit ihrer ganzen urewigen Gewalt, mit jener unermesslichen geheimen Kraft des Lebens, die eine Bürgschaft ist für das ewige auf den Sternen.
Blut, Ehrgeiz, Menschenhass – selbst die Phantome mit jenen edlen Namen der Ehre, des Ruhms und des Vaterlandes – bauten Wälle zwischen ihren Herzen; – Wälle und Mauern aber sind menschliche Erfindungen und scheiden nur Körper, nicht Seelen! Er wusste, dass sie ihn liebte – was tut es, ob sein Arm sie umschlingt? – Herzen lassen nicht von Herzen!
Ein leises Geräusch erweckte ihn aus seinen Träumen. Als er die Tür öffnete, stand das tatarische Mädchen vor ihm, das ausschliesslich die Fürstin bediente. Ihre zitternde Hand hielt ein Billet, dessen Adresse sie ihm wies.
Die Adresse lautete an ihn.
Er riss es auf – es entielt nur wenige Worte, Iwanowna unterzeichnet: "Folgen Sie der Ueberbringerin – ich muss Sie sprechen!" – Er sah auf den schlafenden Freund. Dann winkte er der Tatarin, der er sich durch die Sprache nicht verständlich machen konnte, zu harren und ging, Jussuf zu holen, den er auch glücklich in der Nähe traf und zu dem Kranken sandte. Ein zweiter Wink an das Mädchen, dass er bereit sei, und sie ging voran bis zu jenem Erkerzimmer, dem Aufentalt ihrer Gebieterin. Sie hob die Portiere und liess ihn eintreten.
Er fand sich getäuscht in seinem Hoffen, die Fürstin war nicht allein, die englische Dame, seine Reisegefährtin auf der gestrandeten Fregatte, bei ihr.
Iwanowna Oczakoff stand in der Mitte des Gemachs, ihre gewöhnliche und ruhige Haltung war einer Erregung von Aussen gewichen, verschiedenartige Gefühle schienen in ihr zu kämpfen, während sie stumm und mit niedergeschlagenen Blicken die ehrerbietige Begrüssung des Offiziers erwiderte; indess die fremde Dame mit dem gemessenen zurückhaltenden Wesen, das den vornehmen Engländerinnen eigen ist, Beide beobachtete. Hätte der Vicomte Zeit oder Lust gehabt, dieselbe näher zu betrachten, so würde er gefunden haben, dass auch auf ihrem Gesicht sich Unruhe und Besorgniss häufig zeigten.
"Ich würde es nicht gewagt haben, die Zurückgezogenheit unserer grossmütigen Retterin zu stören," sagte der Vicomte, nachdem er auf den Wink der Dame Platz auf einem Fauteuil genommen hatte, "so sehr ich auch wünschte, ihr besonders meinen Dank abzustatten, – Ihre erlaubnis muss mich daher entschuldigen."
Die Fürstin machte eine abwehrende Bewegung mit der Hand. "Wir haben keine Zeit zu Einleitungen, noch zu Formen der Höflichkeit, Herr Vicomte," sagte sie. "Der Krieg unserer Monarchen kann uns wenigstens die früheren freundlichen persönlichen Erinnerungen nicht vergessen machen; Iwanowna grüsst Sie wie damals, als sie Ihnen an jenem unglücklichen Tage ihre Hand zum Dank für das Opfer reichte, das Sie ihrer Schwesterliche gebracht. Iwanowna Oczakoff, mein Herr, trägt das Gedächtniss an jene Stunde noch unverändert in ihrem Herzen."
"Fürstin –" er beugte sich verwirrt, betäubt von dem süssen geständnis über die Hand, die sie ihm reichte und bedeckte diese mit Küssen.
"Still, mein Freund – jene Dame dort darf wohl hören, dass die Tochter der wilden Steppen des Ostens offen und frei die Liebe zu dem edlen und Würdigen gesteht, aber sie muss auch sehen, dass die Russin die Pflicht für ihr Vaterland kennt und für den Feind desselben nur die Erinnerung des Herzens hat. Diese allein gehört uns – für das Uebrige hat das Schicksal, dem wir uns beugen müssen, Meere von Blut und Unglück zwischen uns gedrängt."
Er senkte das blitzende Auge und liess langsam und traurig die schöne Hand los, die ihn willkommen geheissen.