Rettung der Gefährdeten. Während eine Tragbahre geholt wurde, um den schwer verwundeten Genie-kapitän zu transportiren, hatte der Midshipman Frank und seine Matrosen das Boot zurückgeführt und mit einem langen Seil das Wrack mit dem Ufer verbunden. Es war, als ob der Orkan mit dem Untergang des schiffes den Gipfel seines Tobens erreicht gehabt, denn von Minute zu Minute liess jetzt seine Gewalt nach und vor der Wut der Wogen schützte die Reihe der Klippen. Vier Fahrten des Kutters hatten jetzt alle noch am Bord Lebenden an's Ufer gebracht: – siebenundfünfzig Menschen, die von der Bemannung und der Passagierzahl übrig geblieben waren; mehr als Dreihundert hatten ihr Grab in den Wellen gefunden.
Lieutenant Hunter war der Letzte, der das Wrack verliess. Jetzt standen sie, in Gruppen zusammengedrängt, durchnässt, frierend und trostlos, an jenem Feuer, das ihr Verderben, wenn nicht herbeigeführt, doch beschleunigt hatte, und harrten der Entscheidung ihres Schicksals.
Schweigend und mit gewaltsam zurückgedrängtem Zorn hatte Graf Wassilkowitsch die Anstalten des jungen Mädchens und die Landung der Schiffbrüchigen beobachtet. Die Furcht vor der Herrin hatte all' die Diener und Leibeigenen, die seine Befehle und Anreizungen gegen die Feinde aufgestachelt, von ihm abfallen gemacht bis auf den Tabuntschik, welcher in finsterer Haltung, auf seine Keule gestützt neben ihm stand. Erbitterung, die geweckte Grausamkeit und der Hass gegen seinen persönlichen Feind kämpften in seinem inneren mit der Besorgniss, seinen Wünschen und Absichten bei der Fürstin durch ein schroffes Entgegentreten zu schaden. Dennoch siegte die Eifersucht und er beschloss, seiner neuen Stellug Gehorsam zu verschaffen. Mit diesem Entschluss nahte er sich der Dame, als diese eben den Befehl erteilt hatte, die Geretteten hinauf nach dem alten Schloss zu führen.
"Ich bedaure," sagte der Oberst ernst, "meine Gegenwart in diesem Augenblick der Fürstin Oczakoff aufdringen zu müssen, doch weiss sie selbst, dass ich nicht eher gelegenheit hatte, meine Ehrfurcht zu bezeigen. Darf ich fragen, was ihre Absichten in Betreff dieser Gefangenen sind?"
Die Fürstin sah ihn ruhig und kalt an. "Diese Leute, Herr Graf," entgegnete sie, "sind für mich unglückliche Schiffbrüchige, nicht Gefangene, bis der General-Gouverneur, an den ich sofort Nachricht senden werde, über sie entschieden hat. Diese Herren aber hier" – sie wies nach den Offizieren – "werden vorläufig meine Gäste sein, wie Sie, Herr Graf."
Der Oberst konnte ein höhnisches Lächeln nicht unterdrücken. "Ich bedaure," sagte er, "diesen Edelmut nicht teilen zu können. Diese Herren gehören zu den Feinden des Landes, sind auf einem Kriegsschiff an unserer Küste in Gefangenschaft geraten und ich will sie sofort als Gefangene behandelt wissen."
"Mit welchem Recht massen Sie sich an, auf meinem Eigentum so zu handeln?"
"Mit dem Recht, das mir die Ordre des GenerallGouverneurs als Kommandant dieser Küstenstrecke gibt. Ihr Bruder selbst, Fürstin, überbrachte heute Morgen diese Ordre und Ihr Schloss steht unter meinem Schutz und meinem Befehl."
Die Fürstin schaute ihm trotzig in das tückisch blickende Auge. Die Blutfarbe ihres Gesichts färbte sich mit höherem Rot, die schön geformte Oberlippe schwellte sich im Gefühl zornigen Widerstandes. "Sie irren, Graf Wassilkowitsch; noch bin ich die Herrin!"
"zwingen Sie mich nicht," sagte der Oberst erbittert. "Ihren Dienern diesen Befehl, der im Namen des Kaisers lautet, zu zeigen. Sie werden nicht wagen, ihm als Rebellin zu trotzen." Er hielt ihr die Ordre entgegen.
"Ich werde es!" entgegnete sie stolz und gebieterisch. "Diese Ordre erteilt Ihnen ausdrücklich, wie ich von meinem Bruder weiss, den Befehl in unserem Eigentum von dem Augenblick an, wo die Truppen zur Besetzung eintreffen, – nicht eher. Bis dahin, Oberst Wassilkowitsch, erinnern Sie sich, dass Sie allein die Eigenschaft eines Gastes meines Bruders für mich haben, und wagen Sie nicht, diese zu missbrauchen!"
"Ich würdige ganz das Unwillkommene derselben," sagte der Russe höhnisch, diesmal in französischer Sprache, um von den fremden Zeugen dieser Scene verstanden zu werden, "um so mehr, als ich Personen hier sehe, welche der Fürstin Oczakoff willkommener zu sein scheinen, obschon sie die Feinde ihres Landes sind. Ich werde meine Massregeln danach nehmen."
Der französische Colonel trat einen Schritt vor gegen den Grafen, doch die Hand Iwanowna's hielt ihn mit einer Bewegung zurück. Ihr schönes Gesicht flammte in edlem Stolz, ihr grosses, volles Auge schien Feuer zu sprühen. – "Das Haus meiner Väter schützt den Gast, selbst wenn er nicht besser als ein Strandräuber und Meuchelmörder wäre," sagte sie fest. "Hüten Sie sich, Graf Wassilkowitsch, dass ich diesen Männern nicht sage, wer dieses Feuer angezündet und auf bübische Weise Hunderte von ihnen in's Verderben gelockt hat! – Ich bitte um Ihren Arm, Herr Vicomte, meine Diener werden für Ihren Freund sorgen!"
Sie wandte sich mit einer unnachahmlichen Geberde verachtenden Stolzes von dem Grafen ab zu den Fremden und reichte dem Vicomte die Hand.
Der Oberst sah sie knirschend die Terrassen emporsteigen. Sein dämonischer blick voll Hass und Groll verfolgte sie, bis sie im Eingang verschwanden, dann – während Sergei, der Kastellan, die Geretteten von den Dienern des Schlosses hinauf führen liess und vier derselben die Trage mit dem Verwundeten so sorgsam als möglich aufnahmen, – stieg er