Sturm, wie jeder Seemann am Bord recht gut wusste, gerade auf die gefährliche Küste zu getrieben.
Während der alte Deckmeister mit Hilfe einiger Matrosen sich zu dem Wagstück bereit machte, indem er bloss ein leichtes Tau um seinen Leib schlingen liess und eine Kette mehrfach um seinen linken Arm schlang, hatte Frank Maubridge sich zu dem Baronet gewandt. Er fand ihn, von Doctor Welland unterstützt und auf der Bank im Lee, festgebunden an einem Tauring, um gegen jede überspülende Welle geschützt zu sein, wie er unter den Bemühungen seines edelmütigen Gegners eben wieder zum Bewusstsein zurückkehrte.
Der kapitän war selbst an's Steuer getreten, während Lieutenant Hunter die Leitung des schiffes übernahm. Mit vieler Mühe und durch Hilfe des Fokkseegels fiel es einen Strich vom Wind ab und diesen Augenblick benutzte der alte Deckmeister, um sich über das Bollwerk zu schwingen und an den Galerieen des Sterns hinabzusteigen.
Er hielt sich möglichst frei von dem sichernden Tau, nur auf die Kraft seiner atletischen arme sich verlassend. Eine atemlose Stille herrschte am Bord, nur von dem Toben des Sturms und der Wellen unterbrochen; Jeder, den nicht seine Pflicht an eine andere Stelle fesselte, suchte die Bewegungen des kühnen Kletterers zu verfolgen. Unter'm Schutz der halben Wendung des Schiffes stieg der Deckmeister anfangs glücklich an den Galerieen und Simsen des Hintercastells hinab. Wir müssen bemerken, dass der ganze Vorgang rascher verlief, als unsere Erzählung ihn wiederzugeben vermag! Er war am Steuer und man konnte über die Brüstung bemerken, wie er die Kette, deren Ende er um den Arm getragen, zu befestigen versuchte. In diesem Moment erschütterte ein neuer furchtbarer Sturmstoss das Schiff – das Fockseegel riss aus seinen Schlingen mit einem Knall, der einem Kanonenschuss glich, und flog wie eine weisse Wolke dann über das Bugspriet hinaus. Die Fregatte fiel zurück in den Wind, – einige Augenblicke sah man den braven allen Seemann im dunkeln Schlunde der Wässer an der Leine hängen, dann, ehe sie noch gehisst werden konnte, kam eine dunkle schäumende Woge daher und schleuderte ihn mit aller Gewalt gegen die Balken.
"Hisst das Tau! Rasch – rasch, Jungens!"
Die Matrosen arbeiteten mit rasender Kraft, die Offiziere legten Hand mit an, denn der alte Deckmeister war bei Allen beliebt; das Tau flog durch die hände, im nächsten Augenblick erschien die kräftige Gestalt in der Höhe und zehn hände erfassten sie, um sie über das Bollwerk zu heben.
Der Kopf des alten Mannes, aus einer Stirnwunde blutend, hing bleich auf die linke Schulter, die mächtigen Glieder waren schlapp und kraftlos; als die Matrosen sie anfassten, fühlten sie die Knochen an mehreren Stellen zerschmettert.
Man legte den Verletzten auf das Deck am Compasshaus; Frank Maubridge knieete neben ihm und suchte das Blut unter lautem Wehklagen zu stillen.
"Er kommt zu sich," sagte kapitän Warburne. "Alter Freund, wie geht es Dir?"
Der Deckmeister hob den Kopf, von dem Doctor unterstützt, der auf der anderen Seite neben ihm war und seinen Puls hielt. Sein erster blick fiel auf Frank und ein mattes Lächeln verbreitete sich über seine gefurchten Züge. "Das war keine Arbeit für Euch, Master Frank," flüsterte er, "Ihr werdet deren noch heute schwer genug haben. – kapitän Warburne," – er wandte sich zu diesem – "die Steuerkette ist gerissen und das Steuer aus seinen obern Pinnen gehoben, es ist keine Möglichkeit der Befestigung da, die Fregatte ist verloren, wenn Ihr sie nicht durch andere Mittel rettet."
"Ich fürchtete es. – Fühlst Du Dich schwer verletzt, Mann?"
"Es ist aus mit mir! Dreissig Jahre, kapitän, sind wir zusammen geseegelt, zwanzig davon in diesem Schiff – die Planken wollen nicht mehr zusammenhalten und mit mir ist's eben so. Ich fühl' es – der Sturz hier auf die Brust – –"
"Mut – Mut! Die Wunden sind nicht gefährlich!"
"Ich würde' ein Krüppel sein und besser, ich gehe, wohin der alte Niger geht. – kapitän Warburne – der verteufelte Dampf hat uns doch überflügelt!"
Der sterbende Seemann schwieg erschöpft; – die Untersuchung hatte Doctor Welland gezeigt, dass der Brustkasten zerschmettert und jede Hoffnung vergeblich war. Während Frank, der Midshipman, und der Baronet, der sich wieder erholt hatte, mit dem Leibenden sich beschäftigten, ohne auf die Gefahren ringsum zu achten, richtete der kapitän wieder sein ganzes Augenmerk auf die furchtbare Lage des Schiffes.
"Oeffnen Sie die Luken, Master Keane," befahl er dem Hochbootsmann, "wir haben kein Recht mehr, die Leute dort unten zu halten und müssen ihnen jede Chance zur Rettung gewähren. – Untersuchen Sie die Boote, Pearson."
Der Zimmermann berichtete, dass der zweite Kutter von der Sturzsee fortgerissen, das Ghig zertrümmert, der erste Kutter und das Langboot aber noch seetüchtig wären.
Das Schiff trieb jetzt, dem Steuer nicht mehr gehorchend und während die Mannschaft versuchte, an dem Stumpf des Fockmastes ein neues Seegel zu befestigen, mit furchtbarer Geschwindigkeit vor Wind und Wellen, zuweilen sich auf die Seite legend und dann von einem Wasserberg überschüttet. Fast jede neue Welle, die über die Bollwerke schlug, riss in die Menschenmenge, die, aus dem Raum voll Angst und Jammer emporsteigend, auf den Verdecken sich drängte, eine Lücke, und die Unglücklichen, die sich nicht verstanden festzuhalten oder zu sichern