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man bald nicht zwanzig Schritt weit sehen kann. Wollen wir hinunter gehen, Méricourt?"

"Es ist zu spät, die Luken sind geschlossen und wir müssen hier aushalten. Ueberdies sehe ich der Gefahr lieber in's Auge."

"Sie scheint nahe genug zu sein. Horch'! was ist das?"

Eine augenblickliche Todtenstille lag in der Luft, die dichte Wolkenbank zur Seite, die jetzt weit über die Hälfte des Horizonts umzogen, schien sich in der Mitte zu spalten und ein weisses fahles Licht schob sich schnell nach dem Zenit empor.

"herunter mit dem Vormars! Rafft das VorbramSeegel!" donnerte die stimme des Capitains durch das Sprachrohr. Der erste Lieutenant war in zwei Sprüngen die Treppe des Hinterdecks hinunter und im Vorderschiff. "Rasch, rasch, Leute! Es gilt Euer Leben! Nehmt Eure Messerherunter um Himmelswillen mit dem Seegel!"

Es war zu spät, obschon zehn, zwanzig Matrosen im Nu in den Wanten und an den Schooten hingen.

über die See her kam es wie ein dumpfes brüllendes Stöhnen. Dann erscholl ein ferner Schlag, hoch in der Luft, wie ein hundertfacher Kanonenschussein zweiterund im nächsten Augenblick brach der Orkan mit einer Wut los, gegen die alles bisherige Toben sanfte Musik gewesen zu sein schien. Der rasende Sturm fasste die beiden oberen Seegel des Vordermasteseinige Augenblicke schwankten die Stengen hin und her, und es war zweifelhaft, ob sie brechen oder die Seegel reissen würden; aber der nächste entschied. Während das Vorbram-Seegel in Fetzen zersprungen durch die Luft peitschte, konnte die Vormars-Stenge dem furchtbaren Druck nicht länger widerstehen und sie brach über den Eisenringen des Fockmars mitten durch und stürzte mit dem ganzen Takelwerk über Bord, Klüber und Sturmfock mit sich in die schäumenden Wellen reissend.

Ein durchdringender gellender Angstruf, ein Schrei aus der Brust zwanzig tapferer verlorener Männer übertönte selbst das Brüllen des Orkans.

"Mannschaft über Bord!" – "Setzt die Boote aus!" – "Master Bully, der dritte Lieutenant, fehlt!"

Die Mannschaft eilte durch einanderselbst der Mann am Steuer achtete einen Augenblick nicht aus seinen Dienst und die Spanne Zeit genügte, um das Unglück zu vollenden.

"Klammern Sie sich fest, Colonel! Um Gotteswillendie Woge!"

Die Warnung des braven deutschen Arztes war kaum gegeben, als eine grosse Welle das Schiff, das von seiner Richtung abgewichen, am Wetterbug fasste und auf die Seite warf, dass die Spitzen der Masten fast in der tiefen Höhlung des Wassers verschwanden, indem es hinunterschoss.

Ein teil des obern Bollwerks war fortgerissen, mit ihm Duncombe, der englische Arzt und der Gehilfe des Steuermanns. In den Leegatten hing die fast leblose Gestalt des Baronets; Méricourt und Depuis hielten sich mit wahnsinniger Anstrengung festgeklammert an den Tauen des Besanmasts.

Der alte Bau der Fregatte richtete sich jedoch stöhnend in allen Fugen aus dem grab der Wässer wieder empor. Der kapitän selbst hatte mit Hand angelegt an das Steuerrad und es gelang, das Schiff vor den Wind zu bringen.

"Lassen Sie kappen, Hunter, so rasch als möglich!"

"Alle Mann auf ihren Posten! – Haut die Taue durch!

Während Welle auf Welle das Schiff hob und in den Abgrund senkte, gelang es der Mannschaft, sich von den Trümmern zu befreien."

Dreiundzwanzig Mann fehlten! – "Sie sind unwiederbringlich verloren," sagte der kapitän auf eine Bemerkung des Schiffers; "es ist unmöglich, in dieser See und bei unserer Havarie auch nur den geringsten Versuch zu machen zu ihrer Rettung."

"Sir!" – der Steuermann berührte ehrerbietig selbst in dieser furchtbaren und bewegten Scene den Hut, den er sich auf dem Kopf festgebunden.

"Was wollen Sie, Mr. Sporschill?"

"Ich fürchte, Sir, es ist etwas an dem Steuer beschädigtdas Schiff gehorcht ihm nicht mehr."

"Das wolle Gott verhütenes wäre unser sicheres Verderben!" Der kapitän griff selbst in die Speichen und einige Versuche überzeugten ihn, dass der Steuermann Recht hatte. "Es bleibt Nichts übrig, wir müssen den Versuch machen, es fest zu legen."

"Aber es ist unmöglich, Sir, jedes menschliche Glied würde zehn Mal zerschmettert, und wir dürfen nicht vom Winde weichen."

"Ich weiss es, aber dennoch müssen wir Gewissheit haben; Kinder," – er wandte sich zu den nächsten Mannschaften – "das Steuer ist beschädigt, es ist vielleicht möglich, den Schaden zu bessern, aber ich muss wissen, wo er sitzt. Wer wagt sein Leben an die Untersuchung?"

Eine augenblickliche Pause folgte, dann traten von zwei Seiten der alte Deckmeister Adams und Frank Maubridge, der Midshipman, vor und es klang wie aus einem mund: "Ich, Sir!"

"Ich danke Ihnen," sagte der kapitän, "aber ein Leben zu wagen ist genug und Adams steht die grössere Ruhe und Erfahrung zur Seite. Nimm alle Vorsichtsmassregeln, Alter, und dann rasch, denn jede Minute ist kostbar. Frank, sehen Sie nach Ihrem Bruder."

Das Schiff, von den rasenden Wellen gejagt, trieb pfeilschnell vor diesen hin, bald auf dem Gipfel der Wogen, bald in den tiefen Abgründen. Das noch immer gespannte Fockseegel hielt es allein im stetigen Lauf, da der Klüber jedoch fort war, blieb jede Wendung unmöglich und es wurde von dem