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Amt gegeben. Er hatte ein würdiges, ehrliches Ansehen und war der Familie seines Herrn treu ergeben.

"Sergei Popotoff," sagte der Fürst, "ich weiss, Du bist ein treuer Diener unsers Hauses und hast alle die Befehle, die ich Dir in Betreff meiner Schwester gab, genau erfüllt, ohne zu fragen wie oder warum."

"Es war meine Pflicht, Herr. Kein Fremder hat die Schwellen des alten Schlosses überschritten, Niemand die Zimmer der Herrin betreten, als das tatarische Mädchen, das sie mitgebracht."

"Ich weiss es und bin zufrieden mit Dir." – Der alte Mann küsste demütig seine Hand. – "Jetzt fordere ich einen andern Dienst von Dir, bei dem Du, was Du auch sehen und hören magst, eben so wenig fragen darfst. Von meiner Mutter weiss ich, dass ein geheimer gang aus diesem Schloss an den Fuss der Klippen zum Meeresstrand führt, schon von den alten Erbauern dieses Turmes angelegt. Du kennst ihn?"

"Er ist ein geheimnis, das zu meinem amt gehört, Herr. Du allein hattest das Recht, danach zu fragen. Hier ist der Schlüssel." – Er nestelte ein schweres Bund von seinem Gürtel.

"Wo mündet er im Schloss?"

Der Kastellan ging nach der Wand des Gemachs, die der Tapetentür gegenüber lag und in deren Mitte ein grosser Spiegel in schwerem Eichenrahmen von alter Schnitzarbeit angebracht war. – "Sieh' diesen Knopf, Herr, unter der Ecke des Glases. Ein Druck öffnet die Tür. Der gang ist seit langen Jahren nicht benutzt worden, seit die Fürstin, Deine Mutter, tot ist, die, wenn sie hier war, wohl ein Mal in schönen Nächten auf den Stufen zum rand des Wassers hinunterstieg, statt den Weg über die Terrassen zu nehmen; aber es gehört zu meinem amt, Alles, was mir überliefert worden, im stand zu erhalten."

"Oeffne!"

Der Kastellan drückte auf den Knopf, man hörte eine Feder springen, der grosse Spiegel drehte sich in seinen Angeln und der dunkle Zugang einer Wendeltreppe, in der Dicke der Mauer angebracht, öffnete sich. Ein scharfer, kalter Luftzug drang aus der Tiefe empor.

Der Fürst untersuchte die öffnende Feder im inneren. – "Wo und wie ist der Zugang von unten?"

"Die Treppe mündet in der Steingrotte, Durchlaucht, vor der Du viele Male als Knabe am Strande gespielt hast, während die Frau Fürstin sorgsam von dem Steinsitz im inneren Dich hütete. Der Sitz ist noch da und links von ihm am Boden ein eiserner Ring in der Wand, den man nur zu ziehen braucht."

"Es ist gut. Schliesse die Tür und erinnere Dich an Alles, was ich Dir gesagt. Triff alle Anstalten zur Abreise der Fürstin in drei Tagen, wenn ich von Kertsch zurückkehre, und zur Aufnahme der kaiserlichen Soldaten. Du hast alsdann Graf Wassilkowitsch zu gehorchen, wie mir selbst. Und jetzt, Iwanowna, ist es Zeit zu scheiden; begleite mich bis zur brücke."

Er schlang den Arm um die Fürstin und führte sie hinaus in's Freie, wo er an der Pforte, die auf die brücke zum neuen Schlossteil führte, Abschied von ihr nahm. Auf beiden Seiten des Schlossplateau's hatte sich die Dienerschaft in zahlreichen Gruppen versammelt, teils um der Abreise des Herrn beizuwohnen, teils um das in der Ferne kämpfende Schiff und das Aussehen des himmels und Meeres zu beobachten. Alle sahen, wie der junge Offizier von der Schwester schied und dann über die brücke schritt, während sie, von ihrer tatarischen Dienerin begleitet, in ihre Gemächer zurückkehrte.

Eine halbe Stunde später bestieg der junge kapitän, von dem Grafen bis zum Ausgang der Villa geleitet, sein harrendes Pferd und ritt mit den beiden Kosacken langsam und vorsichtig den Felspfad hinab.

Der Sturm, der eine Stunde geruht, begann sich auf's Neue zu erheben und brauste mit seinem Donner über das bewegte Meer. Im Südosten zog es dunkel und schwer herauf und breitete die nächtigen Fittige über den Horizont. ––––––––––––––––––––––––––––

Die englische Fregatteeine alte Bekannte von unsder N i g e r , kämpfte mit all jenem Trotz, den der Mut und die Geschicklichkeit britischer Matrosen den Eichenplanken einzuhauchen scheinen, gegen Sturm und Wogen. Das Schiff war in der letzten Zeit häufig zum Transport von Verwundeten nach den grossen Hospitälern gebraucht worden, welche die Engländer und Franzosen in Skutari und am europäischen Ufer des Bosporus angelegt hatten und kehrte von einem solchen eben von Constantinopel zurück, als es schon am Tag vorher der Sturm von seiner Richtung ab und hoch hinauf nach Nordost verschlagen hatte.

Eine Abteilung britischer Reconvalescenten befand sich an Bord: auch zwei französische Offiziere und ein Arzt. Dieser und einer der Offiziere hatten einen Transport Verwundeter aus der InkermannSchlacht nach Constantinopel gebracht, der andere Offizier kehrte aus dem Lazaret zurück. Da im Augenblick kein französisches Schiff gelegenheit zur Ueberfahrt bot, hatten sie diese auf dem britischen benutzt: Colonel Méricourt, der Ingenieur-kapitän Depuis und Doctor Welland. Im Vordercastell hatte die Gutmütigkeit oder Bestechlichkeit der Matrosen Handelsleute und allerlei Volk eingeschmuggelt, während eine englische Dame, deren Gatte vor Sebastepol stand und die mit dem letzten Dampfer von Soutampton eingetroffen war, auf Empfehlung des Gesandten die hintere Cajüte inne hatte.

Die Nacht und den Tag über hatte das Schiff mühsam unter den Sturmseegeln gegen das Unwetter ausgehalten. Es war eben jene kurze Ruhe