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hervorzuwürgen und sein Geist entfernt von der Unterredung zu sein.

"Wie lange, Fürst, brachten Sie in dem abscheulichen Gefängnisse zu, um uns nicht zu compromittiren und Bourdon's Flucht zu sichern?"

"Wie lange? – ich entsinne mich nicht genauvier Stundenich fuhr mit dem Morgenzuge ab!"

"Es war ein Opfer, das die Kleine kaum wert war. Sie sagten mir bereits, dass auch Sie Nichts wieder von ihr gesehen?"

"Nein."

"Sie war spurlos verschwunden mit ihrem tollen Bruder. Ich hatte natürlich mich sobald als möglich von ihnen entfernt, nachdem ich" – sie wandte scheu das Auge ab – "das reiche Geschenk, das Sie zurückliessen, ihr eingehändigt; aber die Aermste war in der Tat ganz ausser sich undes sollte mich nicht wundern, wenn der Bösewicht, ihr Bruder, in diesem Zustanddie grosse Summe –"

"Sie haben also Nichts von dem Mädchen wieder gehört?" unterbrach sie der Fürst.

"Sie begreifen, ich konnte mich nicht compromittiren mit einem Complotteur. Ich hielt einige Tage darauf unter der Hand Erkundigungen, aber Beide waren fort und die glänzende Einrichtung, die Sie ihr gegeben, durch einen Commissionair schon am Morgen nachher verkauft worden."

"Also die wohnung in der rue ..."

"Saint Josef Nr. 10Sie sind vergesslich, wie alle Männer, mein Fürst, sobald sie uns verlassen haben. Die wohnung war geräumt und so jede Spur verloren. Sie wussten das nicht?"

"Ich habe, wie ich bereits erwähnte, aus der Haft befreit, noch am frühen Morgen Paris verlassen müssen," sagte der Fürst hastig. "Meine Schwester war bereits vorausgereist."

"So erklärt sich Alles. Ich habe Ihnen also nur meinen Dank zu sagen für die Discretion, mit der Sie meine Vergangenheit bewahrt, und bitte Sie, dies auch ferner zu tun, namentlich auch gegen Graf Wassilkowitsch." – Sie reichte ihm mit einem koketten blick die Hand, die der junge Mann zerstreut küsste.

"Lassen Sie uns Verbündete seinich kann Ihnen meine Freundschaft gleich durch eine Warnung betätigen. Der Graf glaubte sich von Ihnen und Ihrer Schwester getäuscht, er meinte, dass die Fürstin längst nicht mehr hier; Ihre Ankunft jedoch hat ihn wieder irr an seinem Argwohn gemacht, obschon er mir aufgetragen, ihm genau über meinen Besuch zu berichten."

"Das sollen Sie, schöne Freundin," sagte aufstehend der junge Mann, während sein Auge mit einem leichten Ausdruck von Spott auf ihr ruhte. "Ich denke, wir sind einig, und Graf Wassilkowitsch soll seine Ruhe wieder erhalten. Erlauben Sie, dass ich meine Schwester benachrichtige und einstweilen mich bei Ihnen beurlaube, da ich noch Vieles zu ordnen habe."

Er küsste nochmals ihre Hand und verliess das Zimmer, in dem sich Celeste jetzt prüfend umschaute, um nach Frauen Art aus den Umgebungen auf charakter und Beschäftigung der Bewohnerin zu schliessen. Sie blätterte in einem französischen Album, als ein leichtes Geräusch in ihrem rücken sie umschauen machte. Eine bisher unbemerkte Tapetentür in der Wand hatte sich geöffnet und eine junge Dame war in's Zimmer getreten. Der weite Morgenrock von schwerer persischer Seide umhüllte die schöne Gestalt, die neidischen Schleier waren zurückgeschlagen und zeigten jene merkwürdige Aehnlichkeit des schönen und edlen Gesichts mit ihrem Bruder: – Celeste stand vor der Fürstin. ––––––––––––––––––––––––––––

Es war am Spät-Nachmittag; eine Pause, die der Orkan gemacht, als wolle er sich von seinen Anstrengungen erholen und zu neuer Wut rüsten, hatte den Bewohnern des Schlosses am fernen Horizont ein grosses Schiff im Kampf mit den erregten Wogen gezeigt. Man konnte natürlich nicht wissen, ob es ein Kriegsschiff oder einer jener zahlreichen Kauffahrer war, die der lockende Gewinn der Geschäfte damals in grosser Zahl nach dem Schwarzen Meere führte.

In dem bereits mehr erwähnten Gemach stand der junge Früst, zum Aufbruch gerüstet, am Fenster sass die Fürstin, wieder in ihre dichten Schleier gehüllt. Iwan, der alte Ataman, mit seinem jüngsten Enkel Olis standen an der Tür des Zimmers.

"Ich habe Dich zu meinem Begleiter gewählt, Iwan," sagte der Fürst, "weil Du Gehorsam kennst von Deinem langen Soldatenleben und weil ich mich auf Deinen Scharfsinn und Deine Treue verlassen kann. Auf dem Wege, den wir vorhaben, ist jedoch noch eine andere Eigenschaft notwendig. Ich muss das Gelöbniss unverbrüchlicher Verschwiegenheit von Dir und Deinem Enkel erhalten."

"Olis ist zum Gehorsam erzogen. Was mich betrifft, so frage den Tabuntschik, Herr, ob Iwan, der Steppenteufel, zu schweigen weiss."

"Ich verstehe nicht, worauf Du Dich beziehst, aber ich vertraue Dir. Deine andere fünf Enkel bleiben hier mit dem alten Tabuntschik zum Dienst der Fürstin, meiner Schwester. Du suche Dir für zwei oder drei Tage Lebensmittel für einen Mann und zwei Pferde zu verschaffen. Mache Alles zum Aufbruch bereit und führe die Pferde nach dem Tor des neuen Schlosses. Ich muss von Oberst Wassilkowitsch Abschied nehmen und werde dort aufsteigen. Geht jetzt, schweigt über meine Befehle und schickt dan Kastellan zu mir."

Die Kosacken entfernten sich und nach einigen Augenblicken, die der Fürst im Gespräch mit seiner Schwester zugebracht, erschien der alte Verwalter des Schlosses. Er war ein ehemaliger Leibeigener von den Gütern des Fürsten in einem inneren Gouvernement, dem schon der Vater desselben die Freiheit geschenkt und dies