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besser, sie lägen bereits auf dem grund des Meeres. – Passt auf, Männer! So wie sie das Ufer berühren, über sie her und zurück mit ihnen in die Wellen!"

Der wilde Haufe der Leibeigenen und Diener begrüsste voll grimmigen Hasses mit Jubelgeschrei den unmenschlichen Befehl.

Das wasser in der Bucht, durch die Felsenkämme von dem sturmflutenden Meere getrennt, war verhältnissmässig ruhig, wenigstens gefahrlos, wenn auch die Wellen hoch an der Uferbank emporschäumten. Die Schiffbrüchigen hatten das Boot glücklich an sich gezogen, ein kleiner Leck im Boden war rasch gestopft und auf des Lieutenants Befehl unternahm der Midshipman Maubridge mit der englischen Dame, den beiden Franzosen, dem Arzt, dem Baronet und sechs Matrosen die erste Ueberfahrt.

Die Hoffnung der Rettung stählte die arme der Männer und ihre kräftigen Ruderschläge führten das Boot glücklich an's Ufer, obschon trotz des Zurufs keine Hand sich regte, ihnen ein Tau zuzuwerfen. Kaum aber hatte der Kutter angelegt und die Schiffbrüchigen sprangen an's Land, als mit wildem Geheul die Rotte auf sie zustürmte, Waffen und Pfähle in der Hand, sie zu Boden zu schlagen.

"Morbleu! Kamerad," fluchte kapitän Depuis, "die Bestien sind ärger, als der Sturm draussen auf dem Meere. Es gilt um unser Leben zu fechten!" – Mit einem Bootshaken wehrte er tapfer die Andringenden ab.

Der Colonel sah in dem Obersten einen Mann von stand, ohne ihn in den ersten Augenblicken, von dem Spritzwasser und dem Feuer geblendet, zu erkennen. – "Mein Herr," rief er mit lauter stimme in französischer Sprache, "wir sind Schiffbrüchige und ergeben uns als Gefangene. Schützen Sie uns vor diesem Gesindel."

Der Ton der stimme weckte das Echo des Hasses in der Brust des russischen Offiziers, der sich bisher wenigstens fern von dem feigen meuchlerischen Angriff gehalten hatte. Mit einem Sprunge war er in der Nähe des Ufers. – "Vicomte de Méricourt?"

"Graf Wassilkowitsch –?"

Ein gellendes Hohnlachen des Russen gab die Antwort. – "Zurück mit den französischen Spitzbuben in's wasser! Keinen Pardon für die Feinde des heiligen Russland's!" – Und er selbst, den Säbel hochgeschwungen, führte die wilde Schaar gegen die Unglücklichen, die sich zu wehren suchten, so gut es ging.

Auf Depuis stürzte der alte Tabuntschik ein. Der brave kapitän so vielen Gefahren des Feldzugs an der Donau glücklich entronnen, von der Seuche genesen und aus dem Toben des Meeres gerettet, schwang mutig den Bootshaken zur Verteidigung, als ihn die schwere, noch Funken glimmende Keule des Rosshirten mit gewaltigem Schlage traf und in die Kniee schmetterte. – "Méricourt, zu Hilfeman mordet mich!"

Der Colonel liess die britische Dame von seinem Arm und war im Sprunge neben dem blutenden, betäubten Freund. Er führte keine Waffe, mit der Kraft seiner arme allein warf er sich den Blutdürstigen entgegen.

"Zu Boden mit ihm, Michael! Tod dem Franzosen!" – Es bedurfte des anregenden Zurufs des russischen Obersten nicht, der Tabuntschik schwang seine riesige Keule wild um das Haupt zum Todesstreich.

Da fuhr es dazwischen wie ein Sonnenstrahlwie ein Engelsbild aus Himmelshöhen zwischen den blutigen grausamen Mord: I w a n o w n a , die Fürstin, die Kapuze zurückgeworfen, die Hand drohend erhoben, das flammende Auge zürnend auf die Mörder gerichtet. "Zurück mit Euch! – wage Keiner, sie anzurühren, so lieb ihm sein Leben ist! sie stehen in m e i n e m Schutz!"

Der Tabuntschik starrte sie erstaunt an. "Was haben Frauen zu tun bei dem Männerwerk? – Sie müssen sterben zur Sühne für das heilige Russland!"

"Sie werden nicht sterben, grausamer alter Mann! Russland führt mit feindlichen Soldaten, nicht mit Schiffbrüchigen Krieg! – Zurück da, Ihr Sclavenich lasse Den zu tod peitschen, der noch eine Hand zu erheben wagt! – Graf Wassilkowitsch, schämen Sie sich dieser Tat gegen Hilflose!"

"Ich begreife," sagte der Oberst, durch die alle seine Pläne durchkreuzende unglückliche Begegnung zum Vergessen aller Vorsicht aufgereizt, "dass die Fürstin Oczakoff ihre Bewunderer von Paris nicht als Feinde betrachten will. Indess muss ich ihrer Menschenfreundlichkeit Einhalt tun; ich führe seit heute Morgen das Kommando an der Küste und bin verantwortlich –"

Die Fürstin, die bisher die Schiffbrüchigen nicht näher beachtet hatte, sondern bloss auf ihre Rettung bedacht gewesen war, schaute sich bei den boshaften Worten des Obersten fragend nach ihnen um und ihr blick begegnete dem feurigen festen Auge Méricourt's, der seit ihrem unerwarteten erscheinen sich mit dem blutenden Freunde beschäftigt hatte.

"Vicomte de MéricourtSie hier?!"

Er beugte sich auf die Hand, die sie ihm unwillkürlich reichte. "Es ist eine traurige Begegnung, Fürstin. Lassen Sie mich, um früherer glücklicherer Erinnerungen willen, meine Schicksalsgenossen und jene Unglücklichen, die noch dort auf den Klippen um ihr Leben ringen, Ihrem Herzen empfehlen. Helfen Sie, so lange noch menschliche Hilfe möglich ist! Wenn Sie hier gebieten, sind wir Ihre Gefangenen!"

"Ich kann in Ihnen nur Schiffbrüchige sehen, nicht Feinde, Herr Vicomte. Und wäre dies, so hätte ich für meinen Bruder den Tag von Inkermann zu lösen. Verfügen Sie über meine Diener."

Sie befahl mit strengem Ton dem herbeigekommenen Schlossvogt und jedem der Anwesenden, Hand anzulegen zur