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einer Stellvertreterin."

"Das ist eben der Argwohn, der mir durch den Kopf gehtaber ich denke, ich will bald klar sehen."

"Sie werden in wenigen Augenblicken die gelegenheit haben," sagte die Dame, die wieder am Fenster stand. "Die verzauberte, bisher so sorgfältig verschlossene Pforte zu der Verbindungsbrücke öffnet siches ist der Fürst."

Wäre der Graf nicht mit seinen eigenen Plänen so vollständig beschäftigt gewesen, er hätte die dunkle Röte und Aufregung bemerken müssen, die sich der schönen Französin bemächtigt hatte.

"Soll ich mich entfernen?"

"Ich bitte darum, Celeste. Ich werde nach Ihnen schicken."

Während sie in ein Nebengemach verschwand, meldete Ossip den jungen kapitän.

Nach den ersten Begrüssungen und nachdem der Fürst auf dem Divan Platz genommen, betrachteten sich Beide einige Augenblicke, wie als sänne Jeder über die beste Art nach, das Gespräch von den bisher gegebenen militairischen Nachrichten auf das Feld persönlicher Interessen zu ziehen. Fürst Iwan eröffnete es.

"Ich vernahm mit Bedauern, lieber Graf," sagte er, "dass, statt Erholung und Genesung in den schönen Monaten des Jahres hier zu finden, Sie auf's Neue einem Rückfall ausgesetzt und ernstlich krank waren. Ich hoffe, dass meine Leute es an keiner Aufmerksamkeit und den wenigen Bequemlichkeiten haben fehlen lassen, die an diesem abgelegenen Ort zu erreichen sind."

"Ich bin Ihnen den grössten Dank schuldig, Fürst," entgegnete höflich der Graf, "und vermisste Nichts. Die Fürstin, Ihre Schwester, versah Ihre Stelle und ich habe nur das Bedauern, dass ich bis jetzt nicht gelegenheit finden konnte, ihr meinen Dank auszudrükken."

"Das Benehmen Iwanowna's muss Ihnen in der Tat sogar unartig erschienen sein, Graf," meinte mit einem Anflug von Lächeln um den schön geformten Mund der junge Mann. "Meine Schwester hat, einer ihrer eigensinnigen Launen folgend, die unsichtbare Burgfrau gespielt. Zu ihrer Entschuldigung muss ich sagen, dass sie sehr leidend war."

"Lassen Sie uns aufrichtig sein, Fürst; ich glaubte, dass die Anwesenheit der Frau von Bibesco ..."

Der junge Mann fiel ihm rasch in's Wort. "Ich habe Madame Bibesco meiner Schwester als eine Verwandte von Ihnen bezeichnet, die Sie sehr unglücklichen Verhältnissen in Bukarest entrissen haben."

"Sie beruhigen mich da über einen mir bisher sehr peinlichen Punkt."

"Ich komme zugleich," fuhr der Fürst fort, "um der Dame die Entschuldigungen meiner Schwester zu überbringen und sie zu ihr zu führen, wenn Frau von Bibesco es mir erlauben will."

Der Graf sah ihn verduzt an. "Sie wollen Madame Bibesco der Fürstin, Ihrer Schwester, vorstellen?"

"Wenn Sie Nichts dawider haben, lieber Graf, nur die Dame einwilligt, ja."

Dies plötzliche Zuvorkommen in seinen eigenen Absichten frappirte den Obersten, weil es das Fundament seines Verdachts und seiner Beobachtungen erschütterte. "Werde ich die Ehre haben, der Fürstin gleichfalls meinen Besuch machen zu dürfen?"

"Morgen, lieber Graf, so lang' Sie wollen; für heute, oder vielmehr für die wenigen Stunden, die ich ihr widmen kann, hat sie mich ganz in Beschlag genommen. Ich muss noch vor Anbruch des Abends Sie wieder verlassen, hielt es aber für Pflicht, wenigstens die Bekanntschaft der Damen zu vermitteln."

"Sie wollen fort? – in diesem Unwetter?"

"Soldatenpflicht, Oberst, Sie kennen das. Als Sie in's Hauptquartier meldeten, dass Sie wiederhergestellt und der Arzt, der von Alushta Sie besucht, Ihnen gestatlet habe, sich dem Heere wieder anzuschliessen, schrieb ich Ihnen, dass ich selbst kommen würde, Sie abzuholen und meine Schwester zu besuchen; indess haben einige Umstände meinen Plan verändert."

"Ich bin bereit zur Abreise, und nur dies furchtbare Wetter und Ihr Schreiben verzögerten dieselbe seit gestern."

"Sie wird vielleicht nicht so eilig sein nach dem zu schliessen, was ich gehört habe, und Sie können die Pflicht mit den Rücksichten für Ihre kaum wiederhergestellte Gesundheit vereinigen."

"Wie meinen Sie das?"

"Ich habe Depeschen nach Kaffa und Kertsch zu überbringen, war in Nikita und muss auch Alushta besuchen. Fürst Menschikoff beabsichtigt, an einzelne feste Punkte der Küste kleine Kommando's zu legen gegen die Landungen der Verbündeten, und ich bringe die Ordres für die Truppen. Schloss Ayu ist einer dieser Punkte."

"Nun, und – –?"

"Man hat mir im Hauptquartier diese Ordre für Sie mitgegeben."

Der junge Mann nahm aus dem Portefeuille ein Dienstschreiben und übergab es dem Obersten.

"Sie haben mich in der Tat durch diese lange Vorbereitung neugierig gemacht." Er erbrach das Schreiben; Ueberraschung, Verdruss und Befriedigung wechselten auf seinem Gesicht. "Wie? – ich soll das Kommando hier in diesem Schloss übernehmen? Was bedeutet das?"

"An der ganzen Küste von der Yalta bis Alushta," sagte ruhig der Fürst. "Ich habe dem Oberbefehlshaber Schloss Ayu zur Disposition gestellt und es soll, so viel mir gesagt worden, Ihr Hauptquartier bilden."

"In der Tatso sagt die Ordre. Ich weiss nicht, Fürst, ob ich Ihnen danken soll oder nicht, denn offenbar ist es Ihr Borschlag, der mich zur Untätigkeit hier verdammt."

"Sie sind ungerecht gegen sich selbst, Graf