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, der Graf, haben täglich nach Deiner Ankunft gefragt, da er wieder wohlauf ist. Gott erhalte ihn, er ist ein freigebiger Herr."

Der Fürst nickte. – "Sende zu ihm, Alter, und lass ihm sagen, dass ich ihm sogleich meinen Besuch machen würde, wenn ich meine Schwester gesehen." – Dann fragte er leise: "Du hast meine Instructionen erhalten und treu befolgt?"

Der Verwalter legte die Hand auf die Brust und verbeugte sich bestätigend.

"Habt Ihr hier in letzter Zeit Etwas von den Feinden gefehen?"

"Seit die Schurken Livadja geplündert, sind sie an der Küste nicht wieder gelandet, Durchlaucht, nur auf der hohen See sahen wir ihre Schiffe. Schorte wos mi! – ich weiss nicht, warum der Czar es duldet. Gestern aber kam Ibrahim, der Tatar, und brachte Nachricht, dass sie im Baidar-Tale fouragiren und ein Haufen selbst bis zur Jaila vorgedrungen ist. Der heilige Andreas möge sie verderben."

Sie waren in das Innere der Gebäude eingetreten, nachdem der Fürst Befehl erteilt, auf's Beste für seine Begleiter zu sorgen; und er stieg eilig jetzt zu dem obern Stockwerk des grossen Turmes, das die Fürstin bewohnte.

Eine Dienerin empfing ihn am Eingang und geleitete ihn zu einem inneren Gemach, dessen Portière sie hob. – "Hier Gospodina, ist Dein Bruder!"

In der Mitte des Gemachs, dessen Fenster auf die wilder regte See schauten und das, in einen Erker eingebaut, keinen Ausgang weiter zu haben schien, stand, in ein weiches Gewand von persischer Seide gehüllt, aber das Gesicht mit einem dichten Mousselinschleier fast nach orientlischer Sitte ganz bedeckt, die junge Dame, offenbar sehr erregt und zitternd. Bei den Worten der Dienerin sprang sie dem Eintretenden entgegen und ihren Lippen entfloh fast unwillkürlich der Ruf: "Wassili!"

Der Fürst legte bedeutsam einen Finger auf den Mund, während er mit dem andern Arm die Schwester umschlang. Dann winkte er der Dienerin, sich zu entfernen und verschloss selbst sorgfältig die Tür des Vorgemachs und des Zimmers.

Als er zurückkehrte, fand er die Schwester schluchzend am Fuss des Ruhebettes knieen, und sich darauf setzend, nahm er ihren Kopf zwischen beide hände und küsste, den Schleier entfernend, ihre Stirn. – "Mut!" sagte er traurig, "Mut, meine Teure! ich bringe weder Nachricht von dem Einen, noch von dem Andern, sondern komme, sie hier zu holen."

Das Gesicht, das aus den Schleiern ihm weinend entgegenschaute, und das seine Hand jetzt mit Küssen überdeckte, war jung und schön, aber – – – ––––––––––––––––––––––––––––

In einem mit allem orientalischen Luxus und europäischem Comfort ausgestatteten Gemach des rechten Teiles des Felsenschlosses sass Graf Wassilkowitsch auf einem der prächtigen Divans, offenbar in tiefem Nachdenken, während er mechanisch von Zeit zu Zeit einen Zug aus dem Nargileh tat, dessen Bernsteinspitze zwischen seinen festgeklemmten Lippen hing. Ihm gegenüber, in unruhiger Hast und Beweglichkeit, anscheinend das tobende Unwetter auf dem Meer beobachtend, stand die Französin, in Wahrheit aber schweiften ihre Blicke fortwährend hinüber nach dem älteren teil der Gebäude. – "Eine Stunde schon da," sagte sie endlich ärgerlich mit einer halben Wendung zum Grafen, "und noch immer nicht hier. Ich muss gestehen, besonders artig ist unser Wirt gerade nicht." –

Der Graf achtete so wenig auf ihren Missmut, dass er ihr nicht einmal eine Antwort gab. Er sah krank und angegriffen aus, wie damals, als wir ihm in der Steppe von Berislaw begegneten; sein stechender, nachdenklicher blick ruhte auf seinem Leibdiener, der in knechtischer Haltung vor ihm stand.

"So hat also die Fürstin ihren Bruder nicht bei der Ankunft begrüsst und Ihr habt sie nicht gesehen?"

"Nein, Erlaucht. Nur die tatarische Dienerin erwartete den Herrn und führte ihn nach dem Turm. Die Gospodina muss krank sein."

"Krank und immer krankder Teufel soll mich holen, wenn es nicht eine Ausflucht ist, um jeden Verkehr mit uns fern zu halten."

"Es ist im höchsten Grade beleidigend für mich," warf die Dame ein. "Ich habe Ihre hochmütige Prinzessin oft genug auf der Zinne des Turmes oder der Terrasse gesehen, um zu wissen, dass diese Kränklichkeit nicht gefährlich ist und sie nicht hindern kann, eine ihres Geschlechts zu empfangen. Ich möchte in der Tat wissen, welches Mittel diese Dame gegen die Langeweile besitzt, denn ich, mein Bester, finde den Aufentalt hier unerträglich."

"Sie werden sich indess fügen müssen, Madame," sagte der Oberst kalt, "denn ich wüsste wahrhaftig nicht, wo Sie eine bessere Versorgung finden würden." – Ein Zeichen entliess den Diener. – "Lassen Sie uns ein ernstes Wort sprechen, Celeste," fuhr er fort. "Sie sind eine ziemlich schlechte Krankenpflegerin diesmal gewesen, als ich, statt Genesung an dieser herrlichen Küste zu finden in Folge jener abscheulichen Aufregungen in der Steppe bei unserer Ankunft hier im August auf's Neue schwer erkrankte und gefesselt hier vier Monate lang liegen musste, während meine Kameraden für Russland kämpfen. Ich entschuldige Ihr französisches Blut und wir brauchen uns gegenseitig keine Comödie vorzuspielen über Liebe und Treue. Indess, weibliche Gesellschaft und Ihr Umgang ist nur Bedürfniss geworden und ich verspreche Ihnen, auch später für Sie reichlich zu sorgen, wenn Sie Ihre Launen meinem Willen und meinen Absichten zu