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bis zu den Schiessscharten, und vier Mal wurden sie von dem Bajonnet und dem Feuer wieder zurückgeworfen. Zweihundert Mann des kaum Siebenhundert starken Regiments waren bereits gefallen, da gab endlich die Hoffnung auf, die Redoute halten zu können, warf sich heraus und bahnte sich mit dem Bajonnet den Rückweg durch die Feinde.

Das Gemetzel war furchtbar, mehr als ein Drittel des Regiments fiel, aber auch der Sieg der Russen wurde teuer erkauft. Ihr tapferer Oberst Bibikof stürzte tödtlich verwundet, beinahe alle Stabs- und Ober-Offiziere des Regiments lagen auf dem Kampfplatz.

Aber von der Redoute wehte die russische Fahne! –

Die Brigade Ochterlone warf sich auf die Reste der zweiten englischen Division und trieb sie zurück. Da eilten C a t h c a r t – der Liebling Wellington's – mit seiner Division und Lord B e n t i n k mit den übrigen zwei Garde-Regimentern und dem wieder gesammelten Rest der Coldstreams zur Unterstützung und zum Angriff herbei. Während die Grenadiere und die tapfern schottischen Garde-Füsiliere unter den wilden Klängen des Pibroch von Donald Dhu und dem Ruf: "Schottland für immer!" die Redoute wieder erstürmten und die Ochotski'schen Jäger warfen, stürzte sich Catcart mit dem 29. und 63. Regiment in den Hohlweg, um der russischen Brigade den Rückweg abzuschneiden. Oberst Bjalui mit den Jakutzki'schen Jägern stürmte, unbekümmert auf die Gefahr im Rükken, gegen die GardenLord Bentink wurde verwundet, zwölf britische Offiziere waren gefallen, die Redoute auf's Neue den Garden entrissen und diese zurückgetrieben. Die Engländer im Hohlweg sahen sich durch die besonnenen Befehle General Ochterlone's von dem Selenginski'schen Regiment umringt. Das Blutbad war hier entsetzlich, ein Kampf der Verzweiflung von Seiten der Briten, die mit dem Bulldoggen-Grimm fochten, der noch im tod sich an den Feind klammert; – ein Kampf wütenden Hasses von Seiten der Russen, deren Erbitterung während des ganzen Krieges in allen Ständen weit grösser gegen die Briten, als gegen die Franzosen sich zeigte. Vergeblich war alle Tapferkeit, alle persönliche Aufopferung des tapfern Catcart, der in ihren Reihen kämpfte. In seine Ohren dröhnte verzweifelnd der Ruf der Soldaten: "Wir haben keine Patronen mehr!" – "Nun, so habt Ihr Bajonnete!" rief der General. "Also vorwärts für den Ruhm von Alt-England!" Und vorwärts stürzten die Compagnieen, aber sie zerstoben an den russischen Phalanxen und eilten in Unordnung den Höhen zu. Hier jedoch empfing sie das Jakutzki'sche Regiment mit einem Kugelhagel. Catcart, durch den Kopf geschossen, fielGoldie, Torrens, seine beiden Brigade-Generale, wurden verwundet, dichter Pulverdampf umhüllte das Todesfeld.

Auf allen Punkten begannen die Engländer sich zurückzuziehen; die zweite Redoute war in den Händen der Russen, und zum zweiten Male drangen sie in das britische Lager.

Neben Lord Raglan befand sich während des ganzen Gefechts der französische Oberkommandant Canrobert, ohne der Wunde an der Hand zu achten, die er erhielt. Gegen 10 Uhr Morgens brachten ihm die Adjutanten die Nachricht, dass dir Russen unter Timofjef aus der Bastion Nr. 6 auf der Westseite der Festung einen Ausfall gegen die französischen Approchen gemacht hatten und mit der Brigade Lourmel im Kampf waren. Die drei französischen Divisionen der Westseite waren in Allarm und warfen die Russen zurück, dort hatte man also Nichts zu besorgen, und der kleine, bewegliche Oberkommandant der französischen Armee blieb auf seinem Posten, den Augenblick erwartend, in dem sich der englische Stolz beugen musste.

Und er beugte sich. Lord Raglan, die ganze englische Position verloren sehend, wenn nicht schleunige Hilfe einträfe, verlangte die französische Unterstützung und erlitt die Demütigung, dass er, auf Canrobert's Wunsch, seine eigenen Adjutanten zu dem früher abgewiesenen Bosquet schicken und um rasche Hilfe bitten musste.

Durch den Donner der Geschütze und das Rollen des Gewehrfeuers vernahm man den hellen Klang der langen Hörner der Zuaven, der algierschen Schützen und der Jäger von Vincennes. Bosquet, der General Kaiser Napoleon's, spielte diesmal die Rolle der Preussen bei Waterloo und kam mit seinen drei Brigaden im Geschwindmarsch vom Sapunberg heran, sie rechts von den Engländern in die Schlachtlinie werfend auf den linken Flügel der Russen. –

So wechselt die geschichteso wechseln die Freundschaften der Einzelnen und der Reiche!

Der dritte und letzte Akt der blutigen Tragödie von Inkermann begann!

Das eigentümliche Marschexercitium der Zuavender Trab oder vielmehr das springende Laufen in Compagnie- und Bataillons-Colonnenbrachte sie mit überraschender Schnelligkeit herbei. Die Brigade Monet folgte den beiden anderen als Reserve.

Einen Augenblick war General D a n n e n b e r g unentschlossen, ob er nicht die vier Regimenter, die noch nicht in den Kampf gekommen waren und von denen das Uglitz'sche und Butinski'sche die Artillerie gedeckt hatten, das Wladimir'sche und Susdali'sche als Reserven zurückbehalten worden, dem neuen Stoss entgegenwerfen und um den Sieg ringen sollte, indess die überlegung, dass bei einem Misslingen sein ganzes Corps, das gefährliche Defilée von Inkermann im rücken, verloren sein musste, entschied und er beschloss den Rückzug. Während die Artillerie den Befehl erhielt, nach der Inkermann-brücke abzufahren, flogen die Adjutanten zu den bedrohten Regimentern mit dem Befehl zum Rückmarsch.

Der General schaute sich suchend um, es galt, eine persönliche Ordre auszuführen, nachdem die Pflicht des Feldherrn erfüllt worden.