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Vielleicht Ihrer eigenen, Madame; doch das ist gleichgültig, es sind Menschen in Lebensgefahr. – Hat man," wandte sie sich zu dem eingetretenen Kastellan, – "von dem Schiff, das sich gegen Abend auf dem Meere zeigte, seitdem Etwas wahrgenommen?"

"Der Sturm treibt es auf die Küste zu, Durchlaucht, man kann von der Höhe aus deutlich seine Lichter sehen."

"Ist das Feuer auf der Plattform des Turmes angezündet, das bei solchem Unwetter die Schiffe vor den Klippen warnen soll?"

"Nein, Durchlaucht."

"Und warum nicht?"

"Der Graf drüben befahl es zu unterlassen. Er meint, es könne nur ein feindliches Schiff sein und unsere Pflicht fordere es, seinen Untergang zu befördern."

"Das wären die Grundsätze tscherkessischer Strandräuber," sagte die Fürstin zornig, "nicht civilisirter Nationen. Hinauf auf den Turm, ehe fünf Minuten vergehen, muss das Signalfeuer brennen. Die Heiligen geben, dass es nicht zu spät sei."

Sie trat aufgeregt an das hohe Bogenfenster, das nach dem Meer schaute, und Celeste folgte ihr ängstlich. Mit einem scharfen Opernglase durchforschten sie durch die halb geöffneten Jalousieen die wilderregte dunkle Fläche, nachdem sie das hindernde Licht im Gemach entfernt hatten.

"Dort sehe ich Lichtereins, zweisie schwanken auf den Wellen," rief die Französin, "jetzt sind sie verschwunden, doch jetzt, – dort wieder –"

Die Fürstin nahm ihr das Glas ans der Hand und sah scharf hinaus. – "Ich glaube das Schiff zu erkennen, wie ein schwarzes Gespenst malt es sich auf dem Kamm der Wogen gegen den Horizont."

"Das Feuer auf dem Turm brennt, sie können jetzt die Küste erkennen und sich retten."

"Das steht allein in Gottes Hand. Hat der Sturm sie schon zu nahe getrieben, so kann nur Er helfen."

"Dort unten zündet man ein zweites Feuer anman ist auf die Rettung der Unglücklichen bedacht!"

Die Fürstin riss die Glastür auf und stürzte auf den Altan, der sich vor dem Fenster öffnete. Der Sturmwind fegte in das Gemach und schmetterte klirrend die Scheiben aus ihren Rahmen. – "Das ist teuflischdas heisst die Unglücklichen unrettbar in's Verderben locken!" – Sie eilte zurück und ihr Ruf nach den Dienern scholl durch den Corridordoch Niemand war zu sehen, – die Zimmerflucht der Fürstin ein verbotener teil, dem nur Wenige zu nahen wagten.

Erst das wiederholte Rufen führte Sergei Popotoff herbei. – – "Hinunter zur Bucht," herrschte ihm die Fürstin zu. "Man soll das Feuer dort unten augenblicklich löschen! Die Bösewichter wissen allzuwohl, dass die Einfahrt in die Bucht unmöglich ist!"

Der Alte eilte davon. Mit Angst und Entsetzen beobachteten unterdessen die beiden Frauen den Horizont der Brandung, an dem man jetzt den Rumpf des grossen Schiffes sich häufig deutlich emporheben sehen konnte, denn der Nachtimmel hatte, obgleich von dunklen Sturmwolken umzogen, doch der Stellung des Mondes halber eine gewisse Durchsichtigkeit angenommen, die ihn von den schwarzen Gewässern sonderte, und von Zeit zu Zeit zeigten sich breite hellere Streiflichter in dem Gewölk.

"Es hat die Richtung hierher, die Unglücklichen glauben in den Schutz einer Bucht einzulaufen. Sie sind unrettbar verloren!"

"Durchlaucht," sagte keuchend der in vollem Lauf zurückkehrende Kastellan, "man weigert mir den Gehorsam dort unten. Das Schiff sei ein feindliches und müsse in die Felsen gelockt werden. Der alte Mann, der mit dem Fürsten kam, hat den Rat gegeben und Oberst Wassilkowitsch den Dienern gesagt, dass ihm von dem Fürsten-Stattalter der Befehl an dieser Küste vertraut sei."

Einen Augenblick stand das junge Mädchen unentschlossen, die Hand an die Schläfe gepresst, dann richtete sie sich mit kräftigem Entschluss empor. Mit zwei Schritten war sie an der Tapetentür und hatte den Schlüssel derselben umgedreht und abgezogen; dann warf sie einen kurzen Pelz um die Schultern und barg das Lockenhaupt in ein gleiches Capuchon. – "Ich muss hinunter, Madame, an's Meer," sagte sie erregt und hastig "um Unglück oder Verbrechen zu hindern, so viel in meiner Macht steht. Haben Sie Mut, so tun Sie wie ich und folgen Sie mir. Sergei, sende alle unsere Leute an die Bucht mit Seilen und Stangen!" – Sie verliess eilig das Gemach; Celeste, in dem Kampf zwischen der Furcht, allein zu bleiben und der, sich dem Unwetter auszusetzen, wurde bald von jener allen Frauen eigenen Lust am Abenteuerlichen bewogen und eilte, in ihren Mantel gehüllt, der Fürstin nach. – ––––––––––––––––––––––––––––

Unterhalb der Terrassen, wo die Bucht zwischen breiten Felsenwänden am Fuss der Schlossberge sich öffnete, brannte ein mächtiges Feuer. Wilde, erregte Gestalten standen umher, die Blicke nach dem gescheiterten Schiffe gekehrt, das draussen zwischen den Felsenriffen hing.

Auf einen halbverbrannten Ast gestützt, schaute mit satanischer Freude der greise Tabuntschik hinaus in die Nacht. – "Passt auf, Erlaucht, – ich wette meinen Kopf, dass ich Recht hatte, es sind Engländer, welche dir Heiligen in unsere Hand geben, auf dass wir ein Opfer bringen dem gesegneten Russland!"

"Sie haben ein Boot gesichert," entgegnete der Oberst, das Glas vor die Augen geklemmt, "sie machen den Versuch, zu landen!"

"Mögen sie verflucht sein in alle Ewigkeit! Es wäre ihnen