mich noch lebend!" – Ich sprang über die Leiche des Tigers und die Steine und eilte zum rand der Dschungel. Das Morgenrot zeigte bereits seine ersten Dinten und ein leichter Luftzug wehte über die Fläche. Rasch war einiges dürre Gesträuch zusammengerafft und in Brand gesteckt, ich warf es in das Rohrdickicht und im nächsten Augenblick schon quollen Rauch und Flammen in die Höhe.
"Nach kaum fünf Minuten war ich wieder bei dem Verwundeten. Er hatte sich zur Leiche der Tigerin geschleppt und betrachtete sie mit einem gewissen Stolz. – 'Lassen Sie mich auf ihr sterben, Cavendish,' sagte er, 'es wird nicht viele Männer geben in der britischen Armee, die sich rühmen können, eine Tigerin mit dem Jagdmesser bekämpft zu haben. – hören Sie – wie die Flamme knistert – mein Rat war gut, aber er kam zu spät!' – In der Tat zeigte ein blick mir, dass das ganze Dickicht bereits in Flammen stand, die, von dem Wind angefacht, mit rasender Schnelle über das dürre Geröhr flogen. Tiere aller Art, wilde Kaninchen, Schlangen, Eidechsen, Schakals und schwarze Eber flüchteten, von dem Feuer aufgejagt, aus ihrem Lager im Sumpf und nach den höher und frei gelegenen Ruinen. Staunton fasste meine Hand; an dem starren, gläsernen Ausdruck, den seine Augen annahmen, konnte ich sehen, dass der Tod ihm nahe war. – 'Cavendish,' flüsterte er, 'wenn Sie entrinnen, verlassen Sie Indien sogleich – denn der braune Satan wird Sie verfolgen bis –' Er fuhr plötzlich empor, die Sinne des Sterbenden waren, wie dies häufig der Fall sein soll, merkwürdig geschärft und er hörte durch das Zischen und Knistern der Flammen ein Geräusch, das mein Ohr noch nicht unterscheiden konnte. – 'Gott erbarme sich Ihrer, Kamerad – der Tiger kommt – der Tiger –' Ich hatte kaum Zeit gehabt, empor zu springen, da erschütterte ein wütendes entferntes Brüllen die Luft und schien mit Sturmeseile näher und näher zu kommen. Durch das Prasseln der Flammen hörte ich das Brechen des Rohrs und der Gebüsche und dann –"
"Stop!" klang der Anruf der Schildwache vor der Brustwehr. – "Werda? – Feldgeschrei? – Parole?"
"Abukir und Waterloo!" sagte eine stimme. "General Codrington zur Visitation!"
Ehe noch die Schildwache ihr "Passirt" hatte entgegnen können, waren die überraschten Offiziere schon emporgesprungen und eilten dem Hals der Verschanzung zu. Ausserhalb derselben hielt in der Tat der Brigade-General mit einer kleinen Begleitung. Einige Nachrichten, die ihm am Tage vorher von Bewegungen der Russen zugekommen waren, hatten ihn besorgt gemacht, und er beritt die britischen Linien, um sich von der Wachsamkeit der Posten zu überzeugen.
"Wer kommandirt die Batterie?"
"Lieutenant Lundgreen, Excellenz. Die erste Compagnie des 95. Regiments, kapitän Armstrong zur Deckung."
"Gut, meine Herren, ich sehe, das Höllenwetter hat keinen Einfluss auf Ihre Wachsamkeit geübt. Doch möchte ich Ihnen raten, kapitän, obschon ich nicht Ihr kommandirender General bin, einen Offizier mit einem Piket während der Dunkelheit die Strasse zwischen den Höhen bis zur Wasserleitung hin patrouilliren zu lassen. Die Russen stehen, wie wir wissen, in bedeutender Stärke am andern Ufer des Flusses."
"Zu Befehl, Excellenz. Lieutenant Cavendish, nehmen Sie einen Sergeanten und zehn Mann, verstärken Sie unsern Posten auf der Strasse nach der Tschernaja und senden Sie Patrouillen bis an den Talrand."
Der Lieutenant salutirte mit etwas saurer Miene. – "Zum Henker!" flüsterte O'Mallei, "da kommen wir um den Schluss Ihrer geschichte. Ich hätte gar zu gern erfahren, wie Sie noch davongekommen."
"Gedulden Sie sich bis wir uns wiedersehen," entgegnete Cavendish ebenso. – Er eilte, sich fertig zu machen, denn der General zögerte offenbar, um den Abmarsch der Patrouille zu sehen.
Beide ahnten nicht, dass zwischen dem Jetzt und dem Wiedersehen die Ewigkeit lag.
"Fertig, kapitän. Gewehr auf! Marsch!" Das Kommando verliess die Schanze. Als Cavendish bei General Codrington vorbeimarschirend salutirte, klang von der Festung her ein fernes melodisches Summen durch die schwere Nebellust. Der Lieutenant blieb stehen – auch die andern Offiziere horchten aufmerksam auf die Klänge, die offenbar von der Festung herkamen. Lord Codrington lachte. – "Stören Sie sich nicht daran, meine Herren, ich habe es vorhin schon vernommen, als ich meine eigene Brigade visitirte. Die Russen läuten zur Nachtmesse in der Stadt, es ist morgen Sonntag und sie feiern wahrscheinlich irgend einen ihrer hundert Heiligen. Gute Nacht oder – Guten Morgen und gute Wache, Gentlemen!" – Der General ritt grüssend weiter nach der Richtung der andern Redouten.
Als er fort war, wurden die Wachen abgelöst und dann hüllten sich Offiziere und Soldaten in ihre Mäntel und suchten eine wenigst nasse Stelle für die Ruhe einiger Stunden. Auf seine Frage erfuhr kapitän Armstrong, dass der Tatar und sein Knabe zugleich mit der Patrouille die Verschanzung wieder verlassen hatten, was ganz gegen seine Absicht geschehen, aber nicht mehr zu ändern war.
Der Tatar hatte übrigens nur eine kurze Strecke weit bis zur alten Poststrasse das britische Detaschement begleitet, dann verliess er die Soldaten unter dem Vorgeben, nach Kadikoi zurückkehren zu wollen. Die Patrouille war kaum im Dunkel des Hohlwegs verschwunden, als er auch die Strasse verliess und an den