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darin, den Sieg für unser Regiment zu gewinnen."

"Eines Morgens, nachdem ich der Reihefolge nach vergeblich auf dem Anstand zugebracht und mich an den Wundern der Tropenmacht entschädigt hatte, kam Staunton hastig zu mir und weckte mich aus dem Schlaf, in dem ich im Schatten einer riesigen Palme lag." – "Die Wette ist unser, Cavendisch," sagte er aufgeregt, "wenn Sie den Mut haben, ein Wagestück mit mir zu unternehmen." Ein junger Indier hat sich erboten, uns für eine gewisse Summe das Lager des Tigers zu verraten, das er zufällig entdeckt. Er schlägt vor, uns in dieser Nacht dahin zu führen, währen der Tiger auf Beute umherstreicht, und uns in der Nähe ein Versteck zu zeigen, aus dem wir ihn bei der Rückkehr in der Morgendämmerung erlegen können.

"So verwegen der Versuch auch war, unsere Jagdlust war erregt, dazu unser Stolz und ich erklärte mich, wiewohl mich eine unheimliche Ahnung beschlich, die ich als ein Gefühl von Furcht unterdrückte, zu dem Abenteuer bereit. Wir trafen während des Tages so heimlich unsere Vorbereitungen, dass Keiner von unsern Jagdgefährten, ja nicht einmal unsere Diener das Vorhaben ahnten, und statt beim Anbruch der Nacht den Lauerposten in der Bambushütte einzunehmen, bestiegen wir unsere Pferde und ritten, mit unsern Doppelbüchsen bewaffnet, nach der Stelle am rand des Dschungelwaldes, an der uns der Indier erwarten wollte. Der junge Mann, fast halb ein Knabe noch und mit weichen schönen Gesichtszügen, die mir im Sternenlicht selbst nicht ganz unbekannt schienen, harrte unser und lief alsbald im Trabe vor unsern Pferden her, so dass wir, je weiter wir in das Dickicht kamen, ihm kaum mit gleicher Schnelligkeit zu folgen vermochten."

"Wir ritten sichtlich auf einem breiten Elephantenpfade dahin, den die riesigen Tiere auf ihrem regelmässigen Wechsel durch Wald und Gestrüpp gebrochen. Es war eine wundervolle Nacht, der Sternenhimmel funkelte über uns wie ein Gewölbe von goldgesprenkeltem durchsichtigem Glas, Myriaden grünund goldleuchtender Feuerfliegen bedeckten die Büsche und die Blätter und füllten die Luft. Das Geschrei der Rohrdommel und das Quaken der riesigen Ochsenfrösche schallte aus den Sümpfen, der Duft der Magnolien und der narkotischen Pflanzen, die bei Nacht ihre Kelche öffnen, erfüllte die Luft. Wenn wir uns einem jener Sumpffelder näherten, in denen die Eingebornen ihren Reis bauen, erhoben sich grosse Schaaren weisser Reiher mit eintönigem Geschrei in die Nachtluft." "Plötzlich erzitterten unsere Pferde und blieben wie angewurzelt stehen. Ein leiser Pfiff scholl von vorn her zu uns, und unser jugendlicher Führer fasste die Zügel der Pferde und drängte sich zwischen sie. Ein gurgelnder stöhnender laut übertönte all' das seltsame mannichfaltige Geräusch einer indischen Nacht und dann folgte ein heulendes Schnauben, das den Wald ringsum zu erschüttern schien und vor dem das Gekrächze der Hyäne, der klagende Ton des Schakals, die uns im wald begleitet, verstummten. Der Knabe, unser Führer, drängte sich an uns und flüsterte: 'Der Tiger! es ist der Tiger!' – Im Nu waren unsere Büchsen von der Schulter und wir schauten nach der Seite, von welcher der laut gekommenaber nur einen Moment lang sahen wir zwei grüne rollende Feuerpunkte etwa 50 Schritt von uns entfernt funkeln, dann schoss es wie ein dunkler Streif über die Lichtung und war verschwunden. – 'Vischnu beschützt uns!' flüsterte der Indier, 'und hat den grossen Würger geblendet, dass er seinen Weg verfolgt.' Eilen wir uns, der Pfad ist jetzt sicher!"

"Es war mir während des Rittes schon wiederholt vorgekommen, als sähe ich hin und wieder durch die Büsche eine graue Gestalt vor uns hingleiten, nach deren gang sich unser Führer richtete. Doch hielt ich die Erscheinung immer wieder für ein Tier, oder einen Schatten und merkte nicht weiter darauf. Jetzt, nachdem wir dem Tiger glücklich entgangen, sah ich sie wieder mehrmals ganz deutlich, und als wir nach einem halbstündigen Ritt auf einen freien Platz gelangten, stand sie an ein Felsstück gelehnt vor uns. Als wir näher kamen, zeigte es sich, dass es ein Hindu war, tief in sein weisses Lenden- und Schultertuch gegen die Nebel der Nacht eingehüllt."

"Wir befanden uns hier auf einem ziemlich hohen und freien Felsplateau, an dessen Fuss wir eine grosse sumpfige und morastige Dschungel sich ausdehnen und in dem giftigen Broden, der aus dem Boden emporstieg, verschwinden sahen. Der junge Hindu erklärte uns, dass unsere Pferde hier bleiben müssten, die er in Obacht nehmen werde, und dass wir nur zu Fuss unter Führung seines Vaters unsern Weg zu dem Lager des Tigers fortsetzen könnten. Nachdem wir uns einmal so weit gewagt, wäre es Feigheit gewesen, zu zögern, und wir nahmen daher unsere Waffen, empfahlen dem Knaben unsere Pferde, die auf dem hohen und freien Felsplateau sicher waren vor dem Angriff der Raubtiere, und befahlen dem alten Indier, voran zu gehen."

"Seine gebückte hagere Gestalt, in das weisse Tuch gehüllt, glitt im Sternenlicht vor uns hin auf einem durch Binsen und Dornen vielfach gewundenen Pfad, der unsern Augen nicht einmal erkennbar war und der mitten durch den Sumpf in hundert Krümmungen enge sich wand, so dass wir nur Einer nach dem Andern ihn passiren konnten, wobei wir oft auf den Zuruf des Indiers genötigt waren, von einer festen Stelle zur andern über den trügerischen Grund zu springen. Ich kann nicht sagen, was Staunton dachte, ich aber gestehe