der Rechte seiner geheiligten Kaste verloren geht und zu einer niedern degradirt wird." – "Wer auch dem Uebermut verübt," sagte mir der erfahrene Mann, "er kann ihm teuer zu stehen kommen. Vielleicht überlebt der Bramine seine Schande nicht, wenn er aber lebt, wird er leben, um sich furchtbar zu rächen." –
"Ich gestehe Ihnen, mir wurde bei dieser Erklärung nicht ganz wohl zu Mute und ich begriff jetzt, warum Staunton ärgerlich auf sich und mich war und in der nächsten Zeit unser Quartier möglichst selten nach der Dämmerung verliess. Indess es erfolgte Nichts und wir vergassen die geschichte um so rascher, als wir bald darauf nach Bombay zurückbeordert wurden. Der Winter war uns dort äusserst angenehm verflossen und wir bereiteten uns Beide, einen Urlaub, den wir erhalten, zu einer Reise nach Bengalen zu benutzen, um an den grossen Tiger- und Elephanten-Jagden teil zu nehmen, als am Tage vor unserer Abreise, an welchem wir mit einigen Freunden zusammen speisten, gegen das Ende der Mahlzeit ein Kuli – ein Hindu-Commissionair – eintrat und ein sauber eingeschlagenes Packet brachte, das an Staunton, der unterdessen zum kapitän vorgerückt war, und mich selbst adressirt sich ergab." – "Von wem?" fragte ich. – "Nouloum mahin Sahib," (Ich weiss es nicht, Herr,) antwortete der Kuli und verschwand. Staunton öffnete das Packet an einer Seite und ich sah, wie er beim Erblicken des Inhalts erblasste. Sein Wink bedeutete mich, keine Frage zu tun, als wir aber allein waren, gab er mir das Packet mit den Worten: "Ich wusste es wohl, der törichte Scherz würde seine Folgen haben!" – In dem Packet waren die alten Pantoffeln des Braminen, die Staunton diesem auf meinen Wunsch auf die Stirn gelegt.
"Wir schifften uns am andern Morgen in einem Boot ein, das uns von Bombay nach dem Festland bringen sollte, wo wir die vorausgesandten Pferde zur Weiterreise treffen wollten. In dem Augenblick, als wir das Ufer verlassen wollten, drängte sich einer jener indischen Heiligen zu uns, die in fanatischem Wahnsinn sich selbst oft die grässlichsten Martern bereiten. Der Sanniassy war ein alter Mann, sein Haar in Unordnung, seine Nägel lang und gekrümmt, wie die Krallen des Greif, der Körper beinahe nackt und ganz mit Asche überschmiert. Auf dem rücken trug er ein kleines Kupfergefäss, unter dem Arm die Antilopenhaut, auf die er sich zum Beten setzt und in der Hand den aus drei Zweigen schlangenförmig gewundenen Stock. Als er uns nahe war, blitzten seine Augen von wildem Hass, während er mit einem seltsam ergreifenden Tone uns die Abschiedsworte zurief: 'Geht, wohin Eure Wünsche Euch rufen und mögen Eure Wege leicht und angenehm sein!' – Ich sah, dass er die Münze, die Staunton ihm zuwarf, im Staube liegen liess, und als das Boot durch die Wellen schob und der Fakir nur noch wie ein dunkler Punkt auf dem weissen Sande des Ufers zu erkennen war, hörte ich die Laskaren den Namen unter sich flüstern: Nikalanta!"
Der Erzählende erfrischte sich durch einen Trunk aus seinem Becher und fuhr dann fort: "Zwei Mal noch fand ich die unheimliche Erscheinung auf unserm Wege, wenigstens glaubte ich sie zu erkennen, das eine Mal in einem alten Schwärmer, der auf einem indischen Markt, auf dem wir verweilten, sich mit dem eignen Fleisch an der Spitze eines Eisenhakens aufgehangen, an dem er von einer wagerecht auf dem Gipfel einer Säule sich drehenden Stange in der Luft schwebte; das andere Mal in der Gestalt eines Bettlers, als wir mit Abscheu in einem indischen dorf die Folterqualen betrachteten, welche die gierigen Steuereinnehmer der armen Bevölkerung bereitet hatten."
Der kapitän nahm die Cigarre von den Lippen. "Sagen Sie ehrlich, Cavendish, ist das Geschwätz der Journale wahr?"
"hören Sie, was wir mit eigenen Augen erblickten. – Das Dorf war zwei Jahre nach einander hart durch Wolkenbrüche und andere Plagen Indiens, wie ich mir von einem alten mann erzählen liess, mitgenommen worden und hatte nur sehr klägliche Reisernten gemacht, so dass die Bevölkerung die Steuern der Regierung seit einem Jahr schuldig war. Gerade am Tage vor unserer Ankunft waren zwei Steuereinnehmer mit einem Kommando Seapoy's eingerückt, um die rückständigen Steuern zu erpressen. Und in der Tat – man e r p r e ss t e sie. – Wir fanden die Bevölkerung, Männer, Weiber, Kinder und Greise, auf dem Platz vor der Pagode jammernd und wehklagend. An vielen der Männer, ja selbst an Greisen war das nichtswürdige Anundal angewendet, eine Folterart, die darin besteht, dass den Unglücklichen der Kopf an die Füsse, oder ein Bein an den Kopf gebunden wird, kurz dass sie in die verrenkteste Stellung gebracht werden, in der sie unter bittern Qualen in der glühenden Sonnenhitze tagelang zubringen müssen. Andere waren an den Ohren, an den Haaren oder am Bart aufgehängt –"
"Unmöglich – Sie übertreiben!"
"Auf meine Ehre – ich schildere Gesehenes und weiss, dass dies in diesem Augenblicke noch ein ganz gewöhnlicher Vorgang ist. Ja, was ich Ihnen bisher gesagt, ist nur Spielwerk gegen die Martern, welche im Namen und unterm Schutz – ich will zu ihrer Ehre nicht sagen, mit Kenntniss und Zustimmung – der Regierung des freien Grossbritanniens verübt werden. Nicht selten geschieht es, dass man dem armen