gingen. Stellen Sie sich einige Schritte von dem flachen sandigen Ufer eine frische grüne Ebene vor, die von Kanälen bewässert wird." Diese, mit eleganten phantastischen Holzbrücken überbaut und mit unzähligen Booten bedeckt, verlieren sich in die Tiefe der Wälder. Ueberall an ihren Ufern liegen alle Arten von Wohnungen zerstreut: die buntbemalten, mit kunstreichem Täfelwerk bekleideten Magazine, die die schönsten arbeiten der indischen Industrie vor den Blicken entfalten; – ungeheure Lagerhäuser, die in weitem Umkreis die Luft mit dem betäubenden durchdringenden Duft der Gewürze erfüllen; – daneben die elendesten Hütten von Palmblättern, von dem üppigen Pflanzenwuchs beinahe verdeckt. Keine Plätze, keine Strassen, nur eine Menge Fusspfade, die sich durchkreuzen oder in einem Cocuswald verlieren. Rings um den Hafen, wo den ganzen Sommer über eine grosse Menge arabischer Fahrzeuge liegt, die von Mascat oder Dindad kommen, bewegen sich ungeheure Elephanten, welche die Balken herbeischleppen, die jene einladen wollen. Braune, gelbe, schwarze Gesichter, von dem Olivengrün der Bronze bis zur feinen Hautfarbe des Chinesen, ein wirres Geschnatter von hundert Dialecten und Sprachen; die schlanke Gestalt des Hindu, der tükkisch-trotzige blick des Malayen; die bewegliche Figur des Chinesen neben dem ernsten Araber; der Parse, welcher das Feuer anbetet, neben dem Moslem von dem Ufer des roten Meeres und dem geduldigen Sohne des Lotos – Bramine und Paria, der reiche Kaufmann zwischen der Schaar der Bettler und Gichtbrüchigen, die sich auf den Händen fortschleppen! Armenier von Trapezunt, Juden von Aleppo und Bassora, Perser und Kurden; hundert bunte schillernde Farben, Gold und Seide, – die Gazellenaugen und schlanken Glieder der Tänzeriunen neben Aussätzigen, deren Haut mit weissen Flecken bedeckt ist, und anderen Elenden, die von Krankheiten geplagt werden, für welche unsere Sprache keinen Namen hat: das ist Indien!
"Wir wohnten in einem Palast von Holz, einer alten Residenz der Rajah's, hatten aber bald herzliche Langeweile und sehnten uns nach der Promenade von Bombay zurück, wo allabendlich die schöne Welt Europa's und Asien's sich am Klang der britischen Militairmusik ergötzt, denn Bombay ist der Stapelplatz des Orients. So machten wir denn täglich, um die Zeit tot zu schlagen, ziemlich weite Ausflüge in die Umgegend, bald allein, bald in Gesellschaften, denn die Jagd gewährte in diesem teil des Landes wenig Interesse."
"Auf einem dieser Ritte, den ich mit dem ältesten Lieutenant unsers Bataillons machte, kamen wir in die Nähe einer indischen Pagode am Meeresstrande und fanden unter einem grossen Feigenbaume mit hängenden Zweigen, von dessen Wipfel ein ganzer Wald faseriger Wurzeln auf die Erde herab hing, die Hütte eines Braminen. Der Mann hiess Nikalanta, wie ich später erfuhr, und hatte im Dienst seines Götzenbildes seinen Unterhalt gefunden, bis zu seinem Unglück sich Missionaire in seiner Nähe festsetzten und die Gläubigen von dem Bilde mit dem Elephantenkopf fortlockten. Seitdem war er Schreiber bei einem reichen Babon (Banquier) geworden, der die Europäer hasste. Als wir um den Baum kamen, sahen wir den alten Mann mit seiner Tochter, einem wunderschönen Hindumädchen, vor der Tür sitzen. Unser Anstarren verscheuchte das Mädchen in das Innere des Hauses, der Bramine aber blieb unbeweglich sitzen, mit den Augen in die Luft starrend, obschon ich ihn mehrmals anrief. – 'Der alte Narr,' sagte Staunton, 'befindet sich in dem Zustand religiöser Verzückung, eine Kanone vor seinen Ohren würde ihn nicht wecken!' – 'Das wäre! ich will ihn schon zum Antworten bringen!' – und ich klatschte mit der Peitsche dicht vor seinem Gesicht, aber er rührte sich nicht. – 'Wir haben die Eitelkeit des scheinheiligen Hindu herausgefordert,' meinte mein Begleiter, 'er tut, als ob er uns nicht hörte, aber ich kenne dennoch ein Mittel, woran seine Geduld scheitert. Soll ich es anwenden?' – 'Versteht sich!' – Er sprang vom Pferde, ergriff die Pantoffeln, die der Bramine in die Nähe der Tür gestellt und legte sie mit dem indischen Gruss: 'Mögen Deine Wege leicht und angenehm sein!' auf seinen Kopf gerade über der dreifachen roten und blauen Linie, die seine Stirn schmückte. Ein wilder, herzzerreissender Schrei machte mich in diesem Augenblick erbeben, es war das junge Mädchen, welches jammernd hinzustürzte, aber es war zu spät, – der leichtsinnige Streich, von dem ich damals noch nicht wusste, was er bedeutete, war geschehen, und Staunton bereits wieder zu Pferde. Der Alte rührte sich noch immer nicht, nur sein schwarzes Auge ruhte mit einem furchtbaren Ausdruck auf uns, während auf das Geschrei des Mädchens mehrere Hindu's, die in der Nähe beschäftigt waren, herbeieilten und als sie den Braminen mit seinem seltsamen Kopfputz erblickten, gleichfalls ein Wehklagen erhoben. Auf ein Zeichen Staunton's gaben wir unsern Pferden die Sporen und waren bald weit entfernt von der seltsamen Scene, deren Erklärung ich vergeblich von meinem Kameraden verlangte. Er schien vielmehr ärgerlich über sich selbst und sagte mir endlich, dass ich ihn zu einer törichten Handlung verleitet hätte, die uns Beiden Gefahr bringen könne."
"Aber was sollten die eigenen Pantoffeln denn dem alten Judier für Schaden tun?" warf O'Mallei ein.
"Dieselbe Frage tat ich am Abend, den wir bei einem reichen Kaufmann zubrachten, ohne jedoch weiter die Namen zu nennen, und erfuhr, dass durch die Berührung eines unreinen Gegenstandes jeder Bramine