Fahrlässigkeit der Führer kampfunfähig.
Die Belagerung der Stadt schritt nur langsam vorwärts, da die Stellung der Russen bei Tschorgun und gegen Balaclawa die Alliirten nötigte, hierhin alle ihre Kräfte und all' ihre Aufmerksamkeit zu richten. Die Gegner verschanzten sich auge' in auge' in ihren festen Stellungen.
Unterdessen waren auf beiden Seiten bedeutende Verstärkungen eingetroffen. In den ersten Tagen des November zählte die französische Armee wieder 49 Bataillone, 8 Schwadronen und 96 Feldgeschütze, die englische 32 Bataillone, 20 Schwadronen und 24 Geschütze, die türkische Division bestand aus 8 Bataillonen, – so dass die gemeinsame Stärke etwa 70,000 Mann betrug: 35,000 Franzosen, 23,000 Engländer und 12,000 Türken.
Die russischen Landtruppen in Sebastopol und der Umgegend bestanden jetzt aus 103 Bataillonen, 58 Schwadronen, 22 Sotnien Kosacken und 282 Geschützen, im Ganzen aus 82,000 Mann, waren also stärker als die Verbündeten, aber geteilt in die Verteidigung der Stadt und das Observations-Corps.
Unter diesen Verhältnissen beschloss der Fürst Menschikoff, jene Offensive zu ergreifen, die eine bleibende und ruhmvolle Stelle in der geschichte der blutigen menschlichen Kämpfe mit dem Namen der "S c h l a c h t v o n I n k e r m a n n " bewahren wird.
Der strategische und taktische Plan dieser Schlacht ist einer der vorzüglichsten, die je gefasst wurden, und würde dem Genie Friedrich des Grossen und Napoleon's nicht zur Unehre gereicht haben. Was ihn scheitern liess, waren Dinge, die ausser der Berechnung des Feldherrn lagen.
Die brücke von Inkermann führt über die Tschernaja nahe ihrem Ausfluss in das Ende der grossen Bucht von Sebastopol. Die neue Sappeurstrasse und die alte Poststrasse laufen, von der Festung kommend, an ihr zusammen, die erste in der Nähe des Buchtufers hinführend, die andere zieht sich eine Strecke durch den Kilengrund und windet sich dann in engem Defilee durch die Höhen, wobei auf der Seite nach der Tschernaja das Tal so morastig ist, dass die Strasse mehr als tausend Schritt über enge Faschinendämme läuft.
Während die Franzosen auf dem südöstlich liegenden Sapunberg mit zwei Divisionen unter Bosquet sich stark verschanzt hatten, war den Engländern die Deckung des Terrains zwischen dem Sapunberg und dem Kilengrund, durch welches eben die beiden Strassen von der Tschernaja her führen, überlassen. Sie hatten jedoch ihre ganze Aufmerksamkeit auf die Belagerungsarbeiten gerichtet, ohne an die Deckung der Wege zu denken, und erst Ende October wurden drei Redouten zum Schutz des rechten englischen Flügels und des Lagers hier flüchtig aufgeworfen, von denen die erste, auf der Höhe über der alten Poststrasse gelegen, diese vollständig beherrschte, während die beiden andern weiter rückwärts lagen.
Diese Umstände waren dem Fürsten Mentschikoff wohl bekannt und er beschloss daher, die Engländer durch die gefährlichen Defileen anzugreifen. Durch die Besitznahme der Höhen, welche sich auf beiden Seiten des Kilengrundes befinden, wäre das russische Offensiv-Corps in unmittelbare Verbindung mit der Garnison Sebastopols gekommen; es konnte seine überlegene Kavallerie gegen den Feind verwenden und dieser wäre gezwungen gewesen, die Belagerung des östlichen Stadtteils aufzuheben, welche später eben den Sieg entschied.
Wir haben bereits erwähnt, dass die Disposition des Fürsten eine ausgezeichnete war. Der Angriff sollte, um die Feinde zu täuschen, von verschiedenen Seiten her geschehen. Zunächst sollte eine starke Colonne von 29 Bataillonen und 38 Geschützen unter GeneralLieutenant S s o i m o n o f f aus der Stadt, und zwar von der Bastion II. hervorbrechen und die Höhen des Kilengrundes in Besitz nehmen; eine zweite Colonne mit 20 Bataillonen und 96 Geschützen unter GeneralLieutenant P a w l o f f , dem wir gleich Ssoimonoff bereits bei dem Kampfe um Oltenitza und Giurgewo begegnet sind, sollte über die Inkermann-brücke durch die Schluchten und auf der alten Poststrasse vordringen und das englische Lager angreifen. Zugleich aber sollten das Corps des Generals der Infanterie, Fürsten G o r t s c h a k o f f (I.), von Tschorgun südwestlich her einen Scheinangriff mit 20,000 Mann gegen die französische Stellung auf dem Sapunberg unternehmen, und aus der Ostseite der Festung selbst zwei Regimenter der Garnison unter General-Major T i m o f j e f einen Ausfall aus der Bastion VI. gegen die französischen Belagerungslinien machen. Die Russen führten somit an 60,000 Mann mit 234 Geschützen in's Gefecht, wovon jedoch nur etwas mehr als die Hälfte für den wirklichen Kampfplatz bestimmt war, genügend, die Engländer zu erdrücken, wenn die Zufälle der Schlacht es nicht anders gewendet hätten.
Der Abend des 4. November, Sonnabend, war von höchst widrigen Wetter begleitet. Es regnete ununterbrochen in Strömen, die Wege und Schluchten waren grundlos von wasser und Schmuz und ein dichter Nebel lagerte über Tälern und Bergen, kaum im Umkreis von zehn Schritten die Gegenstände erkennen lassend; die ganze natur hatte ein trübseliges Aussehen und die Schildwachen suchten unter den Vorsprüngen des Gesteins, an den Stämmen der Berge und den Erdhängen jeden kleinen Schutz gegen die Unbilden des Wetters.
In der englischen Redoute Nr. 1, welche eine Compagnie des 95. Regiments von Lach-Evan's Division besetzt hielt, war eine Baracke für die Offiziere aufgeschlagen, die, auf einer Seite offen, kaum den strömenden Regen abhielt; indess die armen Soldaten dem Unwetter ohne allen Schutz als ihre Mäntel und die drei Feuer, die sie auf der Leeseite der Baracke angezündet hatten und mühsam unterhielten, preisgegeben waren.